Frankfurt am Main - Er macht seinem Ruf als Allzweckberater wieder mal alle Ehre: Bert Rürup stellte schon der kasachischen Regierung seine Expertise zur Verfügung, ebenso dem österreichischen Sozialministerium und der Europäischen Union. In Deutschland kam jahrelang kaum eine wichtige sozialpolitische Kommission ohne das Wissen und die Stimme des Ökonomen aus. Höhepunkt seiner Karriere war der Vorsitz der Wirtschaftsweisen. Doch all das hat jetzt ein Ende, denn kommendes Jahr will Rürup, der mit 65 Jahren schon im Rentenalter ist, als Chefökonom zum Finanzdienstleister AWD wechseln.
Ex-Wirtschaftsweiser Rürup: Abschied aus der Regierungsarbeit
Der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung ist so etwas wie der Olymp für Wirtschaftsprofessoren. Auch wenn die Bundesregierung die Tipps des fünfköpfigen Gremiums nicht immer aufgreift, bekommt das Jahresgutachten große Aufmerksamkeit. Die fünf Wissenschaftler gelten als ökonomische Vordenker der Republik. Rürup steht dem Rat seit dem Jahr 2005 vor.
In dieser Funktion musste er allerdings nicht nur die Wirtschaft analysieren, sondern auch den guten Ruf des Gremiums wiederherstellen. Denn vor vier Jahren tobte unter den Wirtschaftsweisen ein Richtungsstreit, der im Rückzug des damaligen Vorsitzenden Wolfgang Wiegard gipfelte. Sein Nachfolger wurde Rürup.
Frühaufsteher und Disziplinarbeiter
Rürup gilt als frühaufstehender Disziplinarbeiter. Trotzdem fragt sich mancher, wie der am 7. November 1943 in Essen geborene Professor sein Pensum in den vergangenen Jahren bewältigte. Seinem Ruf als Renten- und Demographieexperten folgend, war er 1999 Mitglied der Kommission zur Vorbereitung der Riester-Rentenreform, also der Einführung der staatlich geförderten Privatvorsorge. Im März 2000 wurde er zum Wirtschaftsweisen berufen, im September zum Vorsitzenden des Sozialbeirats für die Rentenversicherung.
Im April 2002 übernahm er zunächst den Vorsitz einer sechsköpfigen Reformkommission zur Rentenbesteuerung - die sich mit dem Auftrag des Bundesverfassungsgerichtes zur Gleichbehandlung von Renten und Pensionen herumplagte und die Grundlage für die 2005 in Kraft gesetzte Reform legte. Im Herbst desselben Jahres durfte sich Rürup mit 25 weiteren Experten in der nach ihm benannten Kommission gleich die Reform aller Sozialsysteme vornehmen.
Immer arbeitete der Ökonom seinen Regierungsauftrag sauber ab und nahm weitgehend klaglos hin, dass die Regierung die Frucht seiner Mühen häufig ignorierte. Das bekannteste mit Nichtachtung gestrafte Reform-Modell war die Umstellung der Krankenversicherung auf Kopfpauschalen. Die Union war dafür, die SPD verhinderte den Pauschalbetrag.
Manche Konzepte konnte Rürup mit Verspätung aber durchsetzen: Die Anhebung des Rentenalters auf 67 scheiterte etwa unter der rot-grünen Regierung von Bundeskanzler Gerhard Schröder. Doch schließlich einigte sich die Große Koalition darauf, Arbeitnehmer später in die Rente zu schicken.
Seine Erfahrung als Rentenexperte kann Rürup bei AWD gebrauchen: Ein Schwerpunkt des Finanzdienstleisters ist die Vermittlung von Altersvorsorgeprodukten.
Thomas Seythal/AP
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