Von Corinna Kreiler
Hamburg - Der AOK haftet nicht gerade ein Gewinner-Image an - im Gegenteil: Die chronisch defizitären 15 Ortskrankenkassen gelten als Sammelbecken für Problemfälle: Unter den 25 Millionen Versicherten der Kassengemeinschaft kosten viele mehr, als sie einzahlen. Seit die Ortskrankenkassen 1992 ihren Status als Pflichtversicherung für Arbeiter verloren haben, kämpft der AOK-Verband mehr oder minder erfolgreich gegen den finanziellen Notstand - allein im dritten Quartal 2008 häuften die Kassen ein Defizit von 56 Millionen Euro an.
Medikamente: Kranke Versicherte bringen bald Vorteile
Mit dem 1. Januar 2009 sind die Probleme der Kassengemeinschaft jedoch so gut wie gelöst: Denn mit dem Gesundheitsfonds tritt auch der "morbiditätsorientierte Risikostrukturausgleich" in Kraft, von Fachleuten liebevoll "Morbi-RSA" genannt. Ein Segen für die darbenden Ortskrankenkassen - denn auf einen Schlag nehmen sie 2,4 Milliarden Euro mehr ein. "Die Wettbewerbsnachteile der AOK sind durch den Morbi-RSA größtenteils aufgewogen", sagt Gesundheitsökonom Jürgen Wasem, Professor an der Uni Duisburg-Essen.
Zwar gibt es bereits einen RSA und seit 2002 auch einen Risikopool, über den gesetzliche Krankenkassen Ausgleichszahlungen für teure Versicherte erhalten. Doch bislang werden nur Einkommen, Alter und Geschlecht eines Versicherten berücksichtigt. Durch den Morbi-RSA ändert sich das: Jetzt zählt auch die Schwere der Krankheit. Das Einkommen spielt hingegen keine Rolle mehr - ein bedeutender Vorteil für die Kassengemeinschaft AOK, da dort viele Menschen mit geringem Einkommen versichert sind.
Für den Morbi-RSA sind fortan in einer Liste 80 weit verbreitete Krankheiten festgehalten und eine feste Summe, die Kassen für jeden maladen Versicherten zusätzlich erhalten: Für einen Bluter bekommt sie pro Monat 5065 Euro extra, ein Diabetiker Typ 1 bringt 193 Euro. Doch in vielen Fällen ist das trotzdem ein Minusgeschäft: "Ein Patient mit Rheumatoider Arthritis bringt lediglich 1500 Euro ein, kostet aber mindestens das Zehnfache", sagt Gesundheitsökonom Gerd Glaeske, Professor am Bremer Zentrum für Sozialpolitik.
Lukrativ sind laut dem Experten diejenigen Versicherten, die an sogenannten Volkskrankheiten wie Bluthochdruck oder Rückenschmerzen leiden. Denn auch für diese Mitglieder erhalten die Kassen zusätzlich Geld - obwohl die Krankheiten nicht klar abgegrenzt und häufig günstig zu behandeln sind. Folglich profitieren Kassen wie die AOK, deren Mitglieder häufig an Volkskrankheiten leiden. Der AOK-Bundesverband wehrt sich gegen diese Darstellung: "Es profitieren nicht wir, sondern unsere Versicherten, weil wir unsere steigenden Kosten refinanzieren können", sagte ein Sprecher.
Volkskrankheiten als Vorteil im Wettbewerb
Dass die Volkskrankheiten überhaupt in die Krankheitsliste aufgenommen wurden, ist wohl auch der Lobbyarbeit des AOK-Verbands zu verdanken: Vertreter der Kassengemeinschaft sollen hinter den Kulissen kräftig die Werbetrommel für den erweiterten Morbi-RSA gerührt haben - offenbar mit Erfolg.
Gegner bekämpfte der AOK-Verband dagegen vehement: In einem Gutachten hatte Glaeske die weit gefasste Liste der Krankheiten im Morbi-RSA kritisiert - und sich prompt den Zorn der Kasse zugezogen: "An vorderster Front wetterte die AOK gegen das Gutachten", sagt der Professor. Der AOK-Verband gibt dagegen an, er habe für eine erweiterte Liste plädiert, damit "Volkskrankheiten besser behandelt werden können", sagte der Sprecher. Zudem zweifelt der Sprecher Glaeskes Unabhängigkeit an, da der Professor unter anderem für die Gmünder Ersatzkasse tätig ist.
Der Einsatz des AOK-Verbandes für die verlängerte Krankheitsliste ist dennoch wenig überraschend: "Die AOK steht dank Gesundheitsfonds und Morbi-RSA finanziell bald besser da als andere Kassen, so dass die verschiedenen AOKen mit ihrem Geld 2009 gut auskommen werden", sagt Glaeske. In die Gefahr, einen Zusatzbeitrag zu erheben, kommen die Ortskrankenkassen deshalb eher nicht - schon allein deshalb, weil sie so groß sind: "Je größer eine Kasse ist, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit für einen Zusatzbeitrag", sagt Holger Stürmann, Gesundheitsexperte bei der Beratungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers.
Demnach muss sich der AOK-Verband in Zukunft nur noch wenig Sorgen um seine Finanzen machen: Zusammen sind die Ortskassen Deutschlands größter Krankenkassenverbund, rund ein Drittel der Beitragszahler sind bei einer AOK versichert. Diesen Größenvorteil kann die Kasse nun ausspielen - indem sie ihren Mitgliedern die Versicherung über höhere Qualität schmackhaft macht. Denn der Kampf über den niedrigen Beitragssatz ist mit dem Gesundheitsfonds passé: "Große Kassen können sich dann mit Service und Versorgungsmanagement profilieren", sagt Stürmann. Demnach wird der Wettbewerb nicht mehr wie bisher nur auf Kostenebene, sondern bei der Qualität stattfinden - und da hat die finanzstarke AOK künftig wohl die Nase vorn.
Durch ihre Größe hat sie weitere Vorteile: In Verhandlungen mit Krankenhäuser kann die Kasse viel offensiver auftreten und so günstigere Bedingungen aushandeln. Ein entscheidendes Plus gegenüber kleineren Kassen. Die kämpfen im Gegenzug um ihr Überleben - Experten prophezeien im kommenden Jahr eine Fusionswelle. "Große Kassen werden auf Wachstum setzen, kleinere können dem Druck wohl oft nicht standhalten", sagt Stürmann.
Bereits jetzt tritt der AOK-Verband durchaus selbstbewusst auf. Hans-Jürgen Ahrens, Chef des AOK-Bundesverbands, meldete bereits Interesse an Fusionen an: Er könne sich durchaus vorstellen, dass "auch andere Kassen Mitglied der AOK-Gemeinschaft" werden. Insgesamt könnte die AOK so zur Gewinnerin der Gesundheitsreform werden.
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Wirtschaft | Twitter | RSS |
| alles zum Thema Gesundheitsfonds | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH