Wirtschaft



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04.12.2008
 

Historische Zinssenkung

EZB stemmt sich gegen die Krise

Es ist der größte Zinsschritt in der Geschichte des Instituts: Die Europäische Zentralbank senkt den Leitzins um 0,75 Prozentpunkte und nimmt den Kampf gegen die Rezession auf. Einer neuen EZB-Prognose zufolge wird die Wirtschaft im Euro-Raum im kommenden Jahr schrumpfen.

Frankfurt am Main - Die Europäische Zentralbank ist unter Zugzwang: Wegen der verschlechterten Wirtschaftslage hat das Institut die Leitzinsen so stark wie noch nie in ihrer Geschichte gesenkt: Der wichtigste Leitzins zur Versorgung der Kreditwirtschaft mit Zentralbankgeld werde um 0,75 Prozentpunkte auf 2,50 Prozent reduziert, teilte die EZB am Donnerstag mit.

EZ-Präsident Trichet: "Die Lage bleibt sehr angespannt"
AFP

EZ-Präsident Trichet: "Die Lage bleibt sehr angespannt"

Mit dem historischen Schritt stemmt sich die Zentralbank gegen den Konjunktureinbruch, der 2009 nach Einschätzung der EZB deutlich ausfallen wird: Einer Prognose des Instituts zufolge wird die Wirtschaft im Euro-Raum im kommenden Jahr um real 0,5 Prozent schrumpfen, sagte Notenbank-Präsident Jean-Claude Trichet am Donnerstag. Damit ist die EZB wesentlich pessimistischer als bisher. Im September war sie noch von einem robusten Wirtschaftswachstum von 1,2 Prozent ausgegangen. Die EU-Kommission sagt ein Mini-Wachstum von 0,1 Prozent voraus.

EZB: Die Leitzinsen seit 1999
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Deutsche Bundesbank

EZB: Die Leitzinsen seit 1999

Voraussagen für die Zinsentscheidung im Januar wollte EZB-Präsident Jean-Claude Trichet nicht geben. Die Unsicherheit sei außergewöhnlich hoch, sagte er bei seiner Rede in Frankfurt. "Die Lage bleibt sehr angespannt." Dass der Zinsschritt so groß ausfallen konnte, liegt laut der EZB an der nachlassenden Inflation. Mittelfristig dürfte laut Trichet Preisstabilität erreicht werden. Die EZB strebt eine Inflationsrate von unter, aber nahe zwei Prozent an. Der Rückgang der Inflationsraten dürfte sich laut Trichet bis ins Jahr 2010 fortsetzen.

Die EZB nimmt mit dem Leitzins, zu dem sie den Banken frisches Zentralbankgeld zur Verfügung stellt, indirekt Einfluss auf das Wirtschaftswachstum und die Inflationsentwicklung. Ein niedrigerer Leitzins sorgt für eine stärkere Kreditvergabe zu günstigeren Konditionen. Davon profitieren in normalen Zeiten Unternehmen und Haushalte, und die Wirtschaft wächst. Finanzkrise und Rezession haben diesen Mechanismus jüngst allerdings praktisch zum Erliegen gebracht.

Die Börse reagierte zurückhaltend auf die Zinssenkung. Der Dax drehte am Donnerstagmittag ins Minus. "Mit der Nachricht, dass die Zinsen um 75 Basispunkte gesenkt werden, ist die Euphorie aus dem Markt gewichen. Die Hoffnung auf den Zinsschritt hatte heute morgen den Markt nach oben getrieben", sagte ein Börsianer in Frankfurt.

Ökonomen warnten vor zu viel Euphorie. "Die Zinssenkung war keine so große Überraschung mehr, da die Konjunkturzahlen zuletzt so schlecht waren. Die EZB musste schneller als bisher mit den Zinsen herunterkommen", sagte Rainer Sartoris von HSBC Trinkaus. "Das ist die größte Zinsbewegung, die die EZB je vorgenommen hat. Aber das Ganze wird ein wenig relativiert, wenn man sieht, wie stark die Zentralbanken in Großbritannien und Schweden heute ihre Zinsen gesenkt haben. Sie schätzen das globale Umfeld offenbar noch dramatischer ein", erklärte Rainer Guntermann von Dresdner Kleinwort.

Zuvor hatte die britische Zentralbank ihren Leitzins um einen ganzen Prozentpunkt gesenkt. Er liegt nun bei 2 Prozent, wie die Bank of England (BoE) am Donnerstag mitteilte. Das ist der niedrigste Wert seit 1939. Umfragen hätten gezeigt, dass der Abschwung sich beschleunige, erklärte die BoE zur Begründung.

Experten sehen den Zinsschritt der BoE als das richtige Rezept gegen die Krise: "Die Wirtschaft braucht einen kräftigen geldpolitischen Impuls. Die Notenbank hat entschieden, dass eine weitere große Zinssenkung am besten dafür geeignet war", sagte Ian McCafferty vom Industrieverband CBI. Beobachter gehen davon aus, dass die Notenbank im kommenden Jahr den Zinssatz um einen weiteren vollen Prozentpunkt absenken wird, um einen Absturz zu verhindern. Der frühere britische Notenbanker Willem Buiter hat jüngst sogar für eine Null-Zins-Politik und kräftige Liquiditätsspritzen im Kampf gegen die Rezession plädiert.

Die schwedische Notenbank reagierte ebenfalls mit einer Zinssenkung in Rekordhöhe auf den heftigen Konjunktureinbruch. Sie kappte den Leitzins um 175 Basispunkte auf zwei Prozent. Ökonomen hatten zwar mit einer deutlichen Zinssenkung, aber nicht mit einem solch dramatischen Schritt der Stockholmer Währungshüter gerechnet. Der Kurs der schwedischen Krone gab kräftig nach.

Die Schweden hatten den derzeit gültigen Leitzins, der 1994 eingeführt worden war, noch nie stärker als um einen halben Prozentpunkt gesenkt. In der langen Geschichte der Notenbank hatte es aber bereits größere Ausschläge gegeben. Die 1668 gegründete Riksbank ist die älteste Zentralbank der Welt.

Die Europäische Zentralbank

EZB

Die Europäische Zentralbank (EZB) ist die gemeinsame Währungsbehörde der Mitgliedstaaten der Europäischen Währungsunion und bildet mit den nationalen Zentralbanken der EU-Staaten das Europäische System der Zentralbanken .

Europäischer Leitzins

Expansive Geldpolitik

Geldwertstabilität

cvk/Reuters/dpa-AFX/dap/AFP/AP

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