Von Wolfgang Kaden
Von Eugen Schmalenbach, dem Urahn der Betriebswirtschaftslehre, stammt der Spruch: "Auf Schulden reitet das Genie zum Erfolg". Ein schöner Satz, der gerade in den vergangenen turbulenten Monaten Trost spenden könnte. Wenn da nicht ein kleiner Schönheitsfehler wäre: Es gibt leider zu wenig Genies.
US-Börsenhändler: Tempo rausnehmen aus dem globalen Wirtschaftsrad
2008 wird damit als ein Jahr der Zäsur in die Wirtschaftshistorie eingehen: Die Marktwirtschaft wird endgültig zur Schuldenwirtschaft deformiert, nach der privaten Schuldenorgie nun die staatliche. Das soll das Rezept sein, mit dem wir aus dem Crash einigermaßen heil rauskommen und in eine bessere, eine halbwegs sichere Zukunft marschieren. Man muss nicht unbedingt Ökonomie studiert haben, um von Zweifeln an der Sinnhaftigkeit dieser Form des Wirtschaftens heimgesucht zu werden.
"Man verliert das Gefühl für Summen, wenn man in diesem Beruf arbeitet", hatte Jérôme Kerviel vor der Staatsanwaltschaft ausgesagt, jener Pariser Jungbanker, der bei der französischen Société Générale zu Beginn dieses für die Finanzbranche denkwürdigen Jahres knapp fünf Milliarden Euro verspielt hatte. Inzwischen scheint es, als habe die gesamte zivilisierte Welt das Gefühl für Summen verloren.
Wissen wir eigentlich noch, wie viel eine Milliarde ist, egal ob in Dollar, Euro oder Yen? Erst meldete der von Washington gerettete Versicherungskonzern AIG
Mitte September einen Bedarf von
85 Milliarden Dollar an, die der Staat garantieren sollte. Inzwischen sind es 150 Milliarden. Die Citigroup
wurde Ende November mit
300 Milliarden aufgefangen. Es kommt ja nicht mehr darauf an. Zwischendurch legte die Bush-Regierung ein
700-Milliarden-Programm auf, für Kapitalbeteiligungen an Banken und für Bürgschaften; inzwischen werden Zweifel laut, ob das reichen wird. Der künftige Präsident
Obama will noch einmal ein 700 Milliarden Dollar teures Konjunkturprogramm obendraufpacken.
Die deutsche Regierung wollte da nicht kleinlich sein und brachte ein 480-Milliarden-Euro-Programm innerhalb einer Woche durch das Parlament. Nur zum Vergleich: Der gesamte Bundeshaushalt 2008 ist gerade mal 283 Milliarden Euro groß. Das Konjunkturprogramm mit dem Einsatz von zwölf Milliarden Euro und einer erhofften Anstoßwirkung von 50 Milliarden Euro wird da von vielen als zu bescheiden kritisiert. Es sind Summen, die nicht nur das Vorstellungsvermögen biederer Bürger sprengen.
Und dennoch soll all das Geld notwendig sein, um den ganz großen Kollaps, die globale ökonomische Apokalypse zu verhindern. Sicher, es gibt keinen Grund, den Marktfundamentalisten zu spielen. Denn ja, die Bankenbeteiligungen wie die Bürgschaften müssen sein. Einen Zusammenbruch des Geldwesens kann niemand verantworten. Und wahrscheinlich erzwingt auch der dramatisch schnelle Niedergang in der Realwirtschaft, dass die Staaten als Nachfrager der letzten Instanz auftreten; dass sie Konsumenten und Produzenten mit Ankurbelungsprogrammen aus ihrer Schockstarre befreien.
Eine andere Lösung, um dieses Megadesaster zu überwinden, haben wir derzeit nicht. Was, nebenbei, viel über den Forschungsfortschritt in der Wirtschaftswissenschaft während der vergangenen Jahrzehnte aussagt.
Aber es sollte schon - wenn denn die Schuldenmacherei unvermeidlich erscheint - deutlich werden, was hier geschieht: Die Party soll so schnell wie irgend möglich weitergehen, angeheizt mit der Allerweltsdroge neuer Schulden in nie dagewesener Dimension.
Zeit zum Innehalten, zur Besinnung können sich Regierende und Regierte angesichts der heftigen Umbrüche der vergangenen Monate offenkundig nicht nehmen. Verweilen auf dem nie zuvor erreichten Wohlstandsniveau oder vielleicht sogar ein, zwei Prozent darunter – ein Zustand, der mit dem Horrorwort Rezession versehen ist - darf nicht sein. "Grow or perish", sagen die Amerikaner, wachse oder vergehe. Der Ritt auf dem Tiger namens Wachstum muss weitergehen, wo und wie immer er auch endet.
Doch Besinnung wäre wichtig. Es waren ja nicht nur die Kredite an arme amerikanische Hauskäufer, nicht nur unverantwortliche, geldgierige Investmentbanker, die uns dahin gebracht haben, wo wir heute stehen.
Nennen wir nur mal die Private-Equity-Artisten, die mit ein bisschen Eigen- und ganz viel Fremdkapital ein Unternehmen nach dem anderen aufkauften, und die gar nicht so selten diese Firmen mit einem Haufen Schulden vollpumpten, um sich den Kaufpreis gleich wieder zurückzahlen zu lassen.
Oder jene Hedgefonds-Trickser, die über immer längere Schuldenhebel ihre Geschäfte mit Aktien, Öl oder Weizen betrieben und auf diesen Märkten für verrückte Kursbewegungen sorgten und sorgen.
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