Wirtschaft



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21.12.2008
 

Cinemaxx-Chef Gisy

"Wir müssen die Couchpotatos kriegen"

Von wegen Rezession: Die Konsumflaute ist im deutschen Kino noch nicht angekommen, sagt der Cinemaxx-Chef Christian Gisy im Interview mit SPIEGEL ONLINE. Trotzdem kämpft die Branche mit der Technik, der Filmindustrie - und den deutschen Couchpotatos.

SPIEGEL ONLINE: In Amerika heißt es: Schlechte Zeiten sind gute Zeiten für's Kino. Gilt das auch für Deutschland, rennen Ihnen die Leute schon die Kinosäle ein?

Gisy: Ich weiß nicht, ob diese These überhaupt stimmt. Wir reden zwar viel über die schlechten Zeiten, aber wir wissen noch nicht, was uns wirklich bevorsteht. Wir sind momentan wirklich zufrieden mit unseren Zuschauerzahlen.

Cinemaxx-Chef Gisy: "Kino ist Auszeit vom Alltag"
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Gregor Schlaeger

Cinemaxx-Chef Gisy: "Kino ist Auszeit vom Alltag"

SPIEGEL ONLINE: Sie haben also keine Angst vor dem konjunkturellen Abschwung?

Gisy: Nein, weil ich nicht glaube, dass die Leute aufgrund der schlechten Wirtschaftslage unbedingt auch weniger ins Kino gehen. Ich glaube eher, dass sie dann weniger konsumieren …

SPIEGEL ONLINE: … das heißt, weniger Popcorn und Cola?

Gisy: Genau. In den vergangenen fünf, sechs Jahren sind die Leute bei guten Filmen auch dann ins Kino geströmt, wenn die Wirtschaftslage schlecht war. Aber sie haben eben weniger Geld für die Dinge drum herum ausgegeben. Wir beobachten die Entwicklung in der Gastronomie deshalb sehr aufmerksam. Durch zusätzlichen Service, durch Menüs und durch die Verbesserung der Theken versuchen wir, den Anforderungen der verschiedenen Zielgruppen gerecht zu werden. Dies gelingt uns momentan hervorragend.

SPIEGEL ONLINE: Gleichzeitig bieten Sie als erster Kinobetreiber in Deutschland eine Flatrate an. Ist das nicht schon Verzweiflung?

Gisy: Nein. Wir wollen einfach die Leute abholen, die wirklich kinobegeistert sind. Und die sollen möglichst andere Leute mitziehen. Es ist ein weiteres Modell, Kino mit einem hochwertigen Produkt attraktiv zu machen - und in anderen Branchen ja durchaus üblich.

SPIEGEL ONLINE: Das klingt alles ziemlich defensiv. Ist es schwieriger geworden, Leute ins Kino zu locken?

Gisy: Es gibt eben kein Allheilmittel. Vor allem kommt es auf das Produkt an. Wir leben von dem, was der Verleih uns bietet. Kommt ein "Bond", "Madagascar" oder ein "Ice Age", ist es einfacher. Kommen andere, gute Filme, die vielleicht keinen so großen Namen haben, wird es schwieriger.

SPIEGEL ONLINE: Aber auch gute Filme kann man sich inzwischen problemlos zu Hause auf dem Riesen-Flatscreen-Fernseher dank DVD anschauen oder gleich aus dem Internet herunterladen.

Gisy: Das kann ich letztlich nicht verhindern. Es wird immer Leute geben, die sich auch Filme auf dem iPhone anschauen. Deshalb muss ich meine Stärken rausstellen: Kino bietet eine Riesenleinwand, einen geilen Sound, ist ein Auszeit vom Alltag und ein Gemeinschaftserlebnis - und kann deshalb ganz andere Emotionen wecken, als wenn man alleine zu Hause vor dem Fernseher sitzt. Allerdings müssen wir die Couchpotatos bewegt kriegen.

SPIEGEL ONLINE: Was nicht einfach ist. In Essen bieten Sie dafür schon Filme im Luxus-Kino an …

Gisy: Luxus-Kino trifft es nicht ganz, es ist ein gehobenes Angebot. Ein umgebauter Kinosaal, der deutlich mehr Platz bietet und Ledersessel statt Kinositze hat. Es gibt Bedienung am Platz. Wer will, kann Wein und Sekt trinken und ein bisschen Finger-Food bestellen. Ich stehe nicht auf den Begriff "Luxus", das Ganze ist preislich so angelegt, dass es sich jeder leisten kann, der ein höherwertiges Angebot bevorzugt.

SPIEGEL ONLINE: Das heißt konkret?

Gisy: Die Karte kostet zwischen 8,50 Euro und 12,50 Euro - je nach Platzwahl.

SPIEGEL ONLINE: Und doch hängt es an den Filmen. Können Sie die Verleiher in dieser Hinsicht beeinflussen?

Gisy: Nein, das können wir nicht. Allerdings haben auch die internationalen Verleiher in den letzten Jahren gemerkt, dass sie auch andere, lokale Filme anbieten müssen, wenn sie erfolgreich sein wollen. Die Deutschen gehen im Schnitt nur 1,5 bis 1,8-mal im Jahr ins Kino. In anderen europäischen Ländern liegt die Besuchshäufigkeit bei 2,5-mal pro Jahr. Was vielleicht daran liegt, dass wir gerade mal 25 Prozent heimische Produktionen haben - obwohl gerade die gerne gesehen werden. Wir können nicht ausschließlich Blockbuster aus Hollywood zeigen.

SPIEGEL ONLINE: Selbst, wenn es sich um so mundartliche Filme wie "Wer früher stirbt, ist länger tot" oder "Brandner Kaspar" handelt?

Gisy: Gerade dann. "Brandner Kaspar" war ein Riesen-Erfolg, speziell in Bayern - und daran sieht man, dass lokale Produktionen funktionieren. Das wussten die deutschen Produzenten schon lange, aber ihnen fehlten häufig die Mittel. Aber auch die internationalen Verleiher wissen, dass sie sich lokalen Produktionen zuwenden müssen. So kommt Walt Disney jetzt zum Beispiel nach den "Wilden Kerlen" auch mit der "Hexe Lilli" - einer typisch deutschen Geschichte. Und auch Warner hat die Potentiale mit "Keinohrhasen" bereits unter Beweis gestellt genauso wie "Baader Meinhof" gut funktioniert hat.

SPIEGEL ONLINE: Weniger einsichtig sind die Verleiher, wenn es um ein anderes Thema geht: Die anstehende Digitalisierung und die Frage, wer die Umrüstung zahlt.

Gisy: Wir diskutieren da noch sehr kontrovers. Es geht eben um viel Geld: Wenn wir alle unsere Kinos mit digitaler Technik ausrüsten, kostet das 20 Millionen Euro - und das, obwohl wir das Geschäftsmodell dahinter nicht kennen.

SPIEGEL ONLINE: Das heißt, Sie wissen nicht, wie viel Sie damit verdienen können?

Gisy: Genau - denn im ersten Schritt, wenn wir auf 2D umstellen, macht das für den Besucher keinen wahrnehmbaren Unterschied. Erst 3D bringt dann einen wirklich sichtbaren Unterschied, für den man auch höhere Eintrittspreise verlangen kann. Die Umstellung lohnt sich daher vor allem für die Verleiher, denn die sparen jedes Jahr einen hohen zweistelligen Millionenbetrag für den Verzicht auf analoge Filmkopien. Warum sollen wir also investieren, solange das Geschäftsmodell nicht klar ist?

SPIEGLE ONLINE: Und trotzdem verlangen die Verleiher einen größeren Anteil am Geschäft mit der Gastronomie?

Gisy: Eine solche Forderung ist natürlich abwegig. Einen Anteil zu verlangen, nur weil die Filme das Publikum locken, wäre in etwa so, als ob die Autohersteller von Tankstellenbesitzern Geld verlangen, weil diese Benzin verkaufen. Aber dieser Hickhack ist derzeit normal, denn es geht um viel Geld.

SPIEGEL ONLINE: Wie könnte eine Lösung aussehen?

Gisy: Mit der "Virtual print fee" gibt es ein sehr konkretes Modell. Wir wollen für jeden Film, den wir zeigen, einen bestimmten Anteil von den Verleihern - und damit unsere technologische Umrüstung finanzieren. Solange die Konditionen aber für uns nicht interessant sind, gibt es für uns keine Einigung.

SPIEGLE ONLINE: Würden Sie denn momentan überhaupt Investoren finden, die Ihnen die technologische Umrüstung finanzieren?

Gisy: Natürlich spielt die Finanzkrise eine Rolle, das sieht man etwa in den USA: Dort war man eigentlich schon einig, hat das ganze Projekt aber erst mal auf Eis gelegt, weil die Banken momentan sehr zurückhaltend sind. Aber es ist ja ein Projekt, das langfristiger angelegt ist.

SPIEGEL ONLINE: Das heißt, Sie als Kinobetreiber stehen nicht unter Druck und können sich bequem zurücklehnen.

Gisy: Genau - und damit entspannt ins nächste Jahr gehen.

Das Interview führte Susanne Amann

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