Ifo-Prognose
Deutschland steht Rezession bis Ende 2010 bevor
Aufschwung ade: Die Rezession könnte Deutschland noch lange im Griff haben, warnt das Ifo-Institut. Auch 2010 dürfte die Wirtschaftsleistung noch schrumpfen, prophezeien die Experten - denn der globale Nachfragecrash trifft die deutschen Exporteure mit voller Wucht.
München - Es könnte die schlimmste Wirtschaftskrise seit dem Zweiten Weltkrieg werden - und sie wird nicht so schnell vorüber sein: Nach einer Prognose des Münchner Wirtschaftsforschungsinstituts Ifo wird die deutsche Wirtschaft im kommenden Jahr um dramatische 2,2 Prozent schrumpfen. Schnelle Besserung ist nicht in Sicht: Zwar rechnen die Forscher damit, dass die Krise 2010 langsam abebbt. Dennoch wird die Wirtschaft auch in diesem Jahr der Prognose zufolge noch um 0,2 Prozent schrumpfen, kalenderbereinigt um 0,3 Prozent. Der bisher stärkste Konjunktureinbruch in der Geschichte der Bundesrepublik lag bei 0,9 Prozent im Jahr 1975 infolge der Ölkrise.
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Hamburger Hafen: Die Exporte werden drastisch einbrechen
Deutschland ist besonders betroffen vom globalen Abschwung. Durch die Weltrezession werden die Exporte drastisch sinken, sagen die Forscher voraus: Die Experten rechnen mit einem Einbruch um 5,7 Prozent. Derzeit zeige in allen wichtigen Wirtschaftsregionen der Welt der Trend nach unten. Deutschland als Exportnation könne sich dem nicht entziehen, sagte Ifo-Präsident Hans-Werner Sinn.
Deutschland hatte wegen seiner exportorientierten Wirtschaft einst einen Vorteil - nun gerate die Bundesrepublik besonders in den Abwärtssog, schreiben die Forscher. Wegen der wegbrechenden Exporte ist demnach mit sinkender Auslastung der Kapazitäten, einbrechenden Erträgen und restriktiven Finanzierungsbedingungen zu rechnen. Ebenso sehen die Forscher die Baubranche auf Talfahrt.
Auch die Nachfrage nach Arbeitskräften leidet. Im kommenden Jahr dürfte die Zahl der Erwerbstätigen um 0,8 Prozent auf rund 40 Millionen zurückgehen. Im Verlauf von 2009 werden sich der Schätzung zufolge 540.000 Menschen zusätzlich arbeitslos melden müssen, womit die Arbeitslosenquote im Jahresschnitt auf acht Prozent steigen werde. Auch 2010 werde sich am Arbeitsmarkt die negative Entwicklung weiter fortsetzen, so dass dann im Jahresdurchschnitt fast vier Millionen Menschen arbeitslos sein dürften.
Für die privaten Konsumausgaben erwartet das Ifo-Institut dagegen eine relativ robuste Entwicklung und rechnet nach einem Rückgang um 0,1 Prozent im laufenden Jahr für 2009 mit einem Anstieg um 0,6 Prozent. Die Investitionen werden laut Ifo um 4,9 Prozent im Jahr 2009 schrumpfen. Für das laufende Jahr sagt das Institut noch einen Anstieg um 4,6 Prozent voraus.
Pessimistische Prognosen
Bereits am Mittwoch hatte das Rheinisch-Westfälische Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) eine ähnlich pessimistische Prognose für das kommende Jahr abgegeben. Auch dort gehen die Experten von einem BIP-Rückgang von zwei Prozent aus. Noch im September hatte das RWI für 2009 ein Wachstum von 0,7 Prozent vorhergesagt.
Die Wirtschaftsexperten des Berliner DIW senkten ihrerseits die Konjunkturprognose für das vierte Quartal. Sie erwarten nun bei der Wirtschaftsleistung ein Minus von 0,3 Prozent im Vergleich zum Vorquartal. Für 2008 ergebe sich daraus eine Wachstumsrate von 1,7 Prozent.
Die Bundesregierung hatte allerdings dessen ungeachtet am Mittwoch klargestellt, dass sie derzeit keine Revision ihrer eigenen Wachstumsprognose für 2009 plant. In Berlin geht man nach wie vor von 0,2 Prozent Wachstum im Jahr 2009 aus.
KONJUNKTURPROGNOSEN IM ÜBERBLICK
Die deutsche Wirtschaft wird in diesem Jahr nach Einschätzung von Konjunkturexperten schrumpfen. Über das Ausmaß gehen die Meinungen auseinander - klicken Sie auf die Überschriften, um die wichtigsten Prognosen angezeigt zu bekommen.
Die Bundesregierung und auch die EU-Kommission erwarten für Deutschland den schärfsten Einbruch der Wirtschaftsleistung seit dem Zweiten Weltkrieg. Das Bruttoinlandsprodukt wird 2009 im Vorjahresvergleich demnach rund um 2,3 Prozent schrumpfen.
Sehr pessimistisch ist das Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung, das mit einem Rückgang des Bruttoinlandsproduktes um zwei Prozent rechnet.
Die Bundesbank geht davon aus, dass die Wirtschaft um 0,8 Prozent schrumpft. Die Aussichten hätten sich seit Herbstbeginn "markant verschlechtert". Auch ein kurzfristig deutlich schärferer Konjunktureinbruch wäre "keineswegs abwegig", erklärte die Bundesbank in ihrem Konjunkturbericht.
Die Organisation für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OEDC) rechnet mit einem Minus von 0,9 Prozent im kommenden Jahr. Zur Belebung von Konsum und Investitionen legte die Organisation bei der Präsentation ihres Konjunkturberichts Ende November der Bundesregierung Steuersenkungen nahe.
Die fünf Wirtschaftsweisen erwarten eine Stagnation, sprechen aber schon von einer Rezession. Bei der Vorstellung ihres Jahresgutachtens 2008/2009 Mitte November sprachen sie sich für Steuererleichterungen und Ausgabenprogramme aus, die zunächst über neue Schulden finanziert werden sollen.
Der Internationale Währungsfonds sagte Anfang November einen Rückgang des Bruttoinlandsproduktes um 0,8 Prozent voraus.
Das Hamburgische Weltwirtschaftsinstitut (HWWI)
rechnet wie auch andere Forschungsinstitute mit einer schrumpfenden
deutschen Wirtschaft im kommenden Jahr. Die Wirtschaftsleistung
Deutschlands dürfte 2009 um 1,2 Prozent zurückgehen, teilte das HWWI mit. Für das laufende Jahr rechnen die Forscher
mit einem Wachstum von 1,5 Prozent.
Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln erwartet für 2009 einen Rückgang der Wirtschaftsleistung um 1,5 bis 2 Prozent.
Das Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH)
rechnet für das kommende Jahr mit einem Rückgang des
Bruttoinlandsproduktes um 1,9 Prozent. Noch im September hatten die Konjunkturforscher mit einem Wachstum von 0,9 Prozent für 2009 gerechnet. Ab 2010 wird das Wachstum demnach wieder bei 1,5 Prozent liegen.
Auch das Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung erwartet im kommenden Jahr einen beispiellosen Einbruch der Konjunktur. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) werde mit minus 1,8 Prozent so stark wie noch nie in der Geschichte der Bundesrepublik schrumpfen, erklärte das IMK. Die Arbeitslosigkeit steigt der Voraussage nach auf knapp 3,9 Millionen. Ein massives Konjunkturprogramm im Umfang von 50 Milliarden Euro könnte nach Ansicht des Instituts aber im Idealfall sogar dafür sorgen, dass ein Wachstum von einem Prozent entsteht.
Das Ifo-Institut rechnet mit einer langanhaltenden und schweren Rezession. Für 2009 sagen sie einen Rückgang des Bruttoninlandsproduktes von 2,2 Prozent und für 2010 von 0,2 Prozent voraus.
Das Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW) rechnet im kommenden Jahr mit einem schweren Einbruch der deutschen Wirtschaft. Die Ökonomen erwarten ein Minus von 2,7 Prozent.
cvk/dpa-AFX/Reuters/AFP