SPIEGEL ONLINE: Was muss nun geschehen?
Sommer: Die Bundesregierung hat ja ein Konjunkturprogramm aufgelegt, auch wenn es nur um fünf Milliarden Euro geht. Das ist zumindest schon ein Paradigmenwechsel in der deutschen Politik. Aber das reicht nicht aus. Wir wollen ein Programm in der Größenordnung von 2,5 Prozent des Bruttosozialprodukts, also gut 60 Milliarden Euro.
SPIEGEL ONLINE: Wer soll das Geld bekommen?
Sommer: Zunächst brauchen wir öffentliche Nachfrage durch Infrastrukturprojekte: Sanierung von Straße, Schiene, Krankenhäusern, Schulen, Unis, Umwelt. Es geht aber auch um die Breitbandverkabelungen. Wenn wir nach der Krise mit den USA oder Ländern wie China wirklich technologisch Schritt halten wollen, brauchen wir einen Modernisierungsschub.
SPIEGEL ONLINE: Von raschen Steuersenkungen halten Sie nichts?
Sommer: Nein. Wer jetzt Steuersenkungen fordert, der will einen armen und schwachen Staat zum Wohle weniger.
SPIEGEL ONLINE: Haben Sie keine Angst vor den Schulden, die Ihr Konjunkturprogramm nach sich ziehen würde?
Sommer: Es ist nicht gesagt, dass ein Konjunkturprogramm automatisch schuldenfinanziert sein muss. Es kann auch dadurch finanziert werden, dass die Menschen, die besonders viel haben, ihren Beitrag zum Beispiel über eine Vermögensabgabe leisten. Warum muss ich denjenigen, die die Krise verursacht haben, in Zukunft auch noch die Zinsgewinne daraus zuschieben?
SPIEGEL ONLINE: Sie versuchen das Gleiche wie Ihre Gegner. Sie wollen strukturelle Veränderungen, mit denen Sie in der Vergangenheit gescheitert sind, jetzt im Windschatten der Krise durchsetzen.
Sommer: Natürlich werbe ich jetzt für richtige Antworten und eine andere Politik. Dazu habe ich das moralische Recht, denn wir haben die Krise mit unserer Politik nicht verursacht.
SPIEGEL ONLINE: Wer sind Ihre politischen Bündnispartner?
Sommer: Ich kann mich momentan kaum vor Bündnispartnern retten! Als ich vor kurzem bei der Bundeskanzlerin war, hörte ich nur zustimmende Töne von den Industrievertretern und von den Wirtschaftsvertretern zum Konjunkturprogramm. Wir haben Arbeitskreise und Gespräche mit der FDP, mit den Grünen und der Linken. Es ist schon erstaunlich.
SPIEGEL ONLINE: Werden die Gewerkschaften nächstes Jahr in den Wahlkampf eingreifen? Zum Beispiel, wie früher, als Helfer der SPD?
Sommer: Nein. Wir werden unsere Themen in den Wahlkampf einbringen, vom Mindestlohn bis zu der Frage: Was lernen wir aus der Finanzkrise? Daran werden wir die Parteien messen. Aber wir werden weder Wahl- noch Koalitionsempfehlungen abgeben. Deutschland hat heute ein etabliertes Fünfparteiensystem. Das lässt viele Möglichkeiten zu, die Große Koalition ebenso wie eine Dreierkonstellation – und von denen gibt es mehr als eine. Die Gewerkschaften standen und stehen immer für den kleinen Fortschritt und für das kleine Glück. Denjenigen, die das am besten hinkriegen, denen stehe ich wirklich nahe.
Das Interview führten Markus Dettmer und Alexander Neubacher
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