Montag, 23. November 2009

Wirtschaft



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01.01.2009
 

Kommentar zur Finanzkrise

Warum wir wieder mehr Ludwig Erhard brauchen

Der "Rheinische Kapitalismus" galt als Wirtschaftsmodell von gestern. Doch die Finanzkrise des Jahres 2008 hat gezeigt, wie wichtig eine Ökonomie ist, die sich nicht nur am Profit, sondern an den Menschen orientiert. Zeit für eine Renaissance, schreibt SPIEGEL-ONLINE-Autor Siegfried Kogelfranz.

Eine junge Russin kann 1982, gegen Ende der bleiernen Breschnew-Ära, durch Heirat nach Deutschland übersiedeln. Die Absolventin der Moskauer Diplomaten-Akademie beherrscht mehrere Sprachen, sie hat ihren Marxismus gepaukt und seine Perversion in der realsozialistischen Sowjetwirklichkeit am eigenen Leib erlebt.

Kanzler Erhard (1964): Die Bundesrepublik als marxistische Endzeit-Vision?
DPA

Kanzler Erhard (1964): Die Bundesrepublik als marxistische Endzeit-Vision?

Nach kurzer Eingewöhnungszeit kommt sie zu einer überraschenden, für sie aber überzeugenden Einsicht: "Was ihr Deutschen hier habt, das ist das Ideal des Sozialismus, wie es uns von den Kommunisten stets als Endziel marxistischer Entwicklung der Gesellschaft prophezeit wurde."

Wie das? Die kapitalistische Bundesrepublik als marxistische Endzeit-Vision?

Aber ja: "Hier geht es jedem gut. Die Arbeit wird anständig bezahlt. Bei Krankheit sind alle versorgt. Von ihrer Rente können die Bürger leben. Sie haben Wohnungen oder gar ein Haus, nicht nur die neun Quadratmeter pro Kopf, die den Sowjetmenschen gerade wieder einmal für die Zukunft versprochen werden.

ZUR PERSON

Siegfried Kogelfranz, Jahrgang 1934, ist Journalist und Buchautor. Er arbeitete mehr als 30 Jahre beim SPIEGEL, unter anderem als Ressortchef und Korrespondent in Moskau und Budapest.
"Es gibt alles zu kaufen. Auch die Werktätigen können sich ein Auto leisten, in den Urlaub fahren, wohin sie wollen. Noch dazu können sie frei wählen, öffentlich protestieren, es gibt keine Zensur, keine politischen Zwänge. Und wem das alles noch nicht passt, der kann auswandern. Das ergibt alles noch mehr als jenes Paradies, welches uns die kommunistische Theorie als leuchtende Zukunft seit Generationen vorhersagt."

Das war, daran muss hier wohl erinnert werden, vor fast drei Jahrzehnten.

Der Kommunismus beherrschte damals ein Drittel der Welt. Noch galten in der Bundesrepublik die Prinzipien der sozialen Marktwirtschaft nach Ludwig Erhards Devise vom "Wohlstand für alle". Der sogenannte "Rheinische Kapitalismus" mit seiner sozialen Komponente wurde neben dem skandinavischen Weg eines "Volksheimes" für alle Bürger als bis dahin erfolgreichstes Beispiel des Kapitalismus angesehen. Vom "Modell Deutschland" sprach nicht nur Kanzler Helmut Schmidt.

Goldenes Zeitalter für die Wirtschaftswunder-Kinder

Spitzenmanager verdienten etwa zehnmal so viel wie der Durchschnitt ihrer Mitarbeiter, die auch um ihre soziale Sicherheit weltweit beneidet wurden. Es war ein goldenes Zeitalter für die Wirtschaftswunder-Kinder. Fast ununterbrochen ging es aufwärts.

Am Ende des gleichen Jahrzehnts bricht die Welt des Kommunismus zusammen, ohne dass sie je auch nur in einem Land ihrem roten Paradies näher gekommen wäre. Theoretisch könnten nun alle ihre Bürger in den Genuss der Wohltaten des Kapitalismus kommen, so leben wie im "goldenen Westen".

Doch sie werden bitter enttäuscht. Es klappt überhaupt nicht - und nicht nur marxistische Theoretiker meinen den Grund zu kennen: "Nun ist niemand mehr da, um den Kapitalismus zu korrigieren", belehrte der bulgarische Professor und Abgeordnete Welko Walkanow, der in seinem Land die Wende mit herbeigeführt hatte, Anfang der neunziger Jahre den Autor. "Niemand zwingt ihn zu Kompromissen. Was gut ist am Kapitalismus, das verdankt der doch nur seiner Konfrontation mit dem Marxismus."

Einer seiner Kollegen in Amerika, Professor Lester C. Thurow von der berühmten Denkfabrik MIT, sah es damals fast genau so. Er ging noch weiter, wähnte sogar die Demokratie in Gefahr: "Ohne konkurrierende Idee muss sich das kapitalistische System nicht mehr rechtfertigen oder an anderen Maßstäben messen lassen. Der Kapitalismus glaubt, dass es Aufgabe der wirtschaftlich Fähigen ist, den Unfähigen aus dem Geschäft zu drängen. Das ist politischer Kannibalismus, und der hat mit demokratischen Idealen wenig zu tun."

Zwei warnende Stimmen aus der Zeit der großen, anfangs so hoffnungsfrohen Weltenwende. Sie haben, unterschiedlicher Herkunft und ohne einander zu kennen, auf eine derart fatale Weise recht behalten, wie sie es sich wohl selbst nicht vorzustellen vermochten.

Die Welt als Opfer wahnwitziger Spekulationshysterie

Die knapp zwei Jahrzehnte später jäh ausgebrochene globale Krise des Kapitalismus, verursacht von gewissenlos gierigen Finanzhaien, bringt jetzt über weit mehr Menschen Unheil als dies der Kommunismus jemals in seiner Geschichte schaffte: Er führt die ganze Welt als Opfer wahnwitziger Spekulationshysterie in einen fast ausweglos anmutenden Abgrund.

"Das Problem mit dem Kapitalismus sind die Kapitalisten", hatte schon US-Präsident Herbert Hoover erkannt, der während der Weltwirtschaftskrise von 1929 amtierte: "Sie sind so verdammt gierig."

Denn das Credo eines enthemmten Raubtierkapitalismus, der im Schatten von Begriffen wie Neoliberalismus, Monetarismus und Globalisierung agiert, ist pure Profitmaximierung. Die Finanzwirtschaft koppelt sich weltweit von der sogenannten "Realwirtschaft" ab, in der Arbeitskräfte noch Werte und Güter produzieren. Die neue Finanzmeute handelt nur noch mit Geld und immer mehr auch mit solchem, das es gar nicht gibt.

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