Wirtschaft



ThemaFinanzkrise ab 2007RSS

Alle Artikel und Hintergründe

  • Drucken
  • Senden
  • Feedback
01.01.2009
 

Kommentar zur Finanzkrise

Warum wir wieder mehr Ludwig Erhard brauchen

2. Teil: Der Markt agiert nach dem Motto: "Rules are for fools"

Die Summen, mit denen spekuliert wird, steigen bald auf das Zehnfache des Weltsozialprodukts. Statt um Millionen und Milliarden geht es nun um Billionen. Die Wall Street warf unter dem Motto "Rules are for fools" in immer rascherer Folge neue verschachtelte Finanzprodukte auf den Markt, die sich nach Art der Matrioschkas, jener russischen Puppen in der Puppe, vervielfältigen.

So wandeln sich faule Immobilienkredite aus amerikanischer Provinz dank dafür bezahlter Rating-Agenturen wie durch Zauberhand zu Top-Anlagen, die als Zertifikate, Derivate und andere vorgebliche Wertpapiere unter ständig neuen Namen verramscht werden. Und weltweit gieren Banken nach den als ertragreich angepriesenen Phantasieprodukten, bis auch das letzte Provinzinstitut am großen Rad mit den vergifteten Finanzpapieren mitdreht.

Millionen Anleger, die keine Ahnung haben, worum es da geht, riskieren, von bonusgefütterten Beraterhorden beschwatzt, ihre Ersparnisse. Ganze Staaten wie das kleine, nur 300.000 Einwohner zählende Island, fallen dem Run nach dem großen Geld zum Opfer.

Regierungen als "Agenten des Kapitals"

In den USA steigen Vorstands-Vergütungen zwischen 2001 und 2008 vom vierzig- auf das vierhundertfache des Durchschnittslohnes an. Der tägliche Börsenumsatz explodiert weltweit auf unvorstellbare zwei Billionen Dollar. Boni für Investmentbanker erreichen schwindelnde Summen. Bei Lehman Brothers, deren Pleite die Blase dann endgültig zum Platzen bringt, sind es 500 Millionen für den Boss.

Regierungen verkommen derweil, fast wie Marx es prophezeit hatte, zu "Agenten des Kapitals", die Wall Street beherrscht Washington. Ein Wildwuchs von sogenannten Hedgefonds kontrolliert geborgte Billionen und schlachtet für ein paar Prozente mehr weltweit Unternehmen aus. Vergeblich prangern selbst in die Jahre geratene Granden des Kapitalismus den globalen Wahnsinn an. Milliardär George Soros, einst selbst erfolgreicher Zocker, verdammt den "Casino-Kapitalismus". Warren Buffet, einer der reichsten Männern der Welt, nennt Derivate "todbringende finanzielle Massenvernichtungswaffen". Doch das verhallt ebenso ungehört wie die Forderung nach internationaler Kontrolle der außer Rand und Band geratenen Spekulantenclique, wie sie von Berlin immer wieder erhoben wird.

Bis das "Kapitalverbrechen", so der SPIEGEL auf einem Titel, auffliegt und die Welt in die schwerste Wirtschaftskrise ihrer Geschichte stürzt. Nun dürfen, sollen, müssen gar plötzlich die Regierungen helfen - mit Billionen, die sie letztlich auch nicht haben. Und die zahllosen Opfer der kriminellen Machenschaften des Kapitals werden dem Staat vor die Tür gekehrt, der sich nach dem Credo der Neoliberalen ansonsten aus dem Markt herauszuhalten hat. Generationen werden um ihr Geld gebracht. Zwei Dutzend Staaten stehen vor dem Ruin, und es können noch weit mehr werden.

Was kommt jetzt?

Den Tätern aber passiert erst mal nichts. Sie werden schlimmstenfalls entlassen, zuweilen immer noch mit hohen Abfindungen. Keiner wurde bisher verhaftet oder angeklagt. Dabei haben sie ein Tausendfaches der Schäden und Verluste angerichtet, die alle Kriminellen in der Vergangenheit verursacht haben. Da mag sich mancher fragen: Was sind die Mafia, Drogenbarone, Waffen- oder Menschenhändler gegen diese entfesselten Billionen-Akrobaten?

Sollte all den Schuldigen an dem beispiellosen Desaster bei all ihren krummen Machenschaften juristisch denn keinerlei Betrugsabsicht nachweisbar sein, fragen sich nicht nur geprellte Anleger. Die möchten auch gern wissen, wo all das verspielte Geld geblieben ist, selbst wenn es nur auf dem Papier stand. Denn der Schaden muss ja mit realen Werten aus der Welt geschafft werden.

Wohlstand für alle sollte der Kapitalismus laut Ludwig Erhard bringen - und das hat er auch, solange er gezügelt werden konnte. Wohlstandsverlust für alle hat nun der wildgewordene Kapitalismus über die ganze Menschheit gebracht. Der hat sich mit dieser geldgierigen Fratze wohl selbst zerstört, wie vor ihm der von Machtgier missbrauchte Sozialismus. Was aber kommt jetzt?

Kann es angesichts einer unumkehrbar globalisierten Wirtschaft und Politik noch einmal das so schnöde verdrängte europäische Erfolgsmodell einer sozialen Marktwirtschaft sein, in der wieder der Mensch und nicht der Mammon im Mittelpunkt steht?

Oder ist ein menschenwürdiger Kapitalismus so aussichtslos wie ein Sozialismus mit menschlichem Antlitz im Prager Frühling anno 1968? Können angesichts der Weltkrise weltweit beschlossene, auch für Steueroasen verpflichtende Spekulationssteuern dem zerstörerischen Treiben einer entarteten Finanzwirtschaft Einhalt gebieten? Eine solche nach ihm benannte "Tobin-Steuer" hatte ein amerikanischer Ökonom schon 1972 vorgeschlagen. Noch nie wäre ihre Verwirklichung dringender gewesen als jetzt.

Oder kann aus all dem nichts werden? Dann wird das Paradies, das die aus dem Sowjetkommunismus gekommene junge Russin 1982 im damaligen deutschen Kapitalismus zu finden meinte, nur noch eine weitere Utopie bleiben.

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

Forum

insgesamt 168 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
12.01.2009 von rabenkrähe: Andere Eckdaten

....... Die System-Debatten scheitern grundsätzlich an einem Schwachpunkt: Daß nämlich jedes System von seinen Eckdaten abhängig ist. Und wenn Erhards Ansätze in der darbenden Nachkriegszeit effektiv waren, heißt das [...] mehr...

12.01.2009 von Tolotos: Zu glauben, dass man alles kann, ist zu wenig

Der Markt (bzw. seine Verkünder) glaubt alles zu können. Das ist ein kleiner Unterschied und der Stoff, aus dem die Zauberlehrlinge gemacht sind, welche die Geister, die sie riefen, nicht mehr kontrollieren können. mehr...

11.01.2009 von rosiweissnix: Teil IV

Eingangs hatte ich ausgeführt, Ziel …Weg, es gilt zu hinterfragen, was man auf dem Weg hätte mitnehmen müssen, um das Ziel zu erreichen, welches man wohl unbestritten verfehlt hat. Auf dem Beipackzettel der Theorien fehlt so [...] mehr...

11.01.2009 von rosiweissnix: Teil III

Das ist jetzt nur ein Beispiel, aber hätte man die Psychologien befragt, hätte man gewusst, wie das mit dem Wohlstand für alle ausgeht. Die würden sich darüber totlachen, wenn es nicht so traurig wäre. Solange man jedoch jede [...] mehr...

11.01.2009 von Wurzbacher: Marktpolitik

Damit stehen wir wieder am Anfang. Der Markt kann alles, die Politik will alles. mehr...

Und Ihre Meinung? Diskutieren Sie mit! zum Forum...

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Wirtschaft
alles zum Thema Finanzkrise ab 2007

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH









TOP



TOP