Von Stefan Simons
Paris - "Die Krise? Nein, auf die brauchen wir nicht zu warten. Die hat uns längst erreicht." Franco Magliocco, 49, stämmiger Händler in der Fischhalle von Rungis steht zwischen Paletten mit Thunfisch und Jakobsmuscheln, dann zeigt er mit ausladender Geste in die Runde der Kollegen neben dem Stand der Firma Reynaud. "Die Nachfrage ist deutlich schleppend, das drückt auf die Preise. Wir beliefern glücklicherweise auch die Spitzengastronomie, da hat der Absatz noch nicht gelitten."
Besucher in Rungis: "Die Nachfrage ist deutlich schleppend"
Es ist 2.30 Uhr morgens, unter dem Flutlicht der modernen Fischhalle türmen sich Paletten mit Meeresfrüchten, Restaurantbesitzer und Grossisten beäugen Seespinnen, Muscheln und Krustentiere, während die georderte Ware bereits für die Auslieferung vorbereitet wird: Rochen, Dorsch, Scholle oder Hai, dazu Fischsuppe, Taschenkrebse, eingeschweißte Fischfilets. Vor der Halle dröhnen die Kühlwagen der Pariser Traiteure neben Trucks aus Deutschland. "Drei bis vier Mal wöchentlich fahren wir den Markt an", so erzählen die Fahrer, die Ware aus Frankreich quer durch ganz Europa karren.
Der Großmarkt brummt - wie jede Nacht, wenn mehr als 26.000 Lastwagen die Anlage gleich neben dem Flughafen Orly ansteuern. Einst gelegen im Hallen-Viertel der Hauptstadt und bekannt als "Bauch von Paris", hat Rungis längst das Ausmaß einer Kleinstadt erreicht – mit Restaurants und eigenen Hotels, Reparaturwerkstätten und Versorgungsunternehmen. Der Markt, laut Eigenwerbung "Welthauptstadt der Frische", hat sich in den vergangenen vier Jahrzehnten zum gigantischen Umschlagplatz für Fisch, Fleisch, Geflügel, Milch- und Feinkostprodukte gewandelt. Die rund 1200 Unternehmen beschäftigen mehr als 12.000 Menschen, der Großmarkt versorgt 18 Millionen Europäer mit 1,5 Millionen Tonnen Nahrungsmitteln. Der Umsatz im Jahr 2007: satte 7,6 Milliarden Euro.
Rungis ist freilich mehr als ein funktionierender Dienstleister in Sachen Ernährung: Trotz der industriellen Kälte hat der Großmarkt seinen Charakter als Symbol französischer Lebenskultur erhalten, und als Präsident Nicolas Sarkozy im Frühjahr ins Popularitätstief versinkt, empfehlen ihm seine Berater wieder mal einen Abstecher zu den Markthallen: Prompt erscheint der Staatschef, die frisch angetraute Gattin Carla Burni im Schlepp, dem "Frankreich, das früh aufsteht" die Reverenz zu erweisen. Zugleich signalisiert Sarkozy am Wirtschaftsbarometer Rungis seine Sorge um die fallende Kaufkraft der kleinen Leute.
Rückgang beim allmorgendlichen Verkauf
Trotz der beeindruckenden Erfolgstatistik leidet der "Bauch von Paris" derzeit unter Leibschmerzen. Nicht nur Fischhändler Franco verzeichnet den Rückgang beim allmorgendlichen Verkauf. Nebenan in der Halle für Obst und Gemüse herrscht ähnliche Moll-Stimmung. Gewiss, das Angebot ist von überwältigender Internationalität: Ananas aus Kamerun, Passionsfrüchte aus Kenia, Limetten aus Mexiko, Süßkartoffeln aus Tunesien, Physalis aus der Karibik, Lichi aus Madagaskar, Bananen aus Martinique, Grapefruit aus Florida, Granatapfel aus Spanien – ja sogar Blumenkohl und Fenchel aus Frankreichs ländlichen Regionen. Alain, Verkäufer des Obst- und Gemüsegrossisten Roux, ist skeptisch: "Natürlich haben wir hier nach wie vor das Angebot aus aller Welt, aber der Umsatz ist abgesackt."
Selbst in der bunten Vielfalt der Blumenmarkthalle blickt Nathalie Planson mit Sorge auf das Jahr 2009: "Rosen, Orchideen oder Christsterne sind Luxusartikel - keine Frage." Die Fachfrau von Familyflor, seit 20 Jahren im Geschäft, wundert sich nicht: "Wenn das Geld knapp wird, dann überrascht man seine Frau nicht mit teuren Gebinden." "Die Leute können ihr Gehalt nur einmal ausgeben", grämt sich auch Schlachter Jean im hochmodernen Kühlhaus, wo Filets und Rinderhälften aus ganz Europa auf Käufer warten: "Die Familien zahlen für drei Handys und Internet - für die Zubereitung eines anständigen Bratens fehlen dann natürlich Geld und Interesse."
Derartige Sorgen sind Denis Hurier bislang fremd. Im weißen Kittel steht der 60-Jährige zwischen edelsten Champagnermarken, Spitzenweinen des Bordeaux und internationalen Luxus-Spirituosen: "La Cave de Rungis" gehört zu den ersten Adressen der Branche und beliefert Restaurants, Bistros und Feinkostläden der gehobenen Preisklasse. "Gerade jetzt zum Jahresende läuft das Geschäft famos", meint Hurier und bittet zur Theke, wo er Baguette mit Terrine anbietet und auch den Metzgern für Eingeweide ein Glas Schampus der Nobelmarke "Bruno Paillard" einschenkt. Hurier freut sich: "Unser Angebot hat immer Konjunktur."
Vielleicht blickt auch Marc Hervouet deswegen nicht allzu düster in die Zukunft. "Unsere Produkte sind Feiertagsartikel", sagt der Präsident der "Nationalen Grossisten-Vereinigung für Wild und Geflügel", "wir hoffen auf gute Verkäufe am Wochenende." Und sein Kollege Guy Botat, zuständig für die Logistik bei Huhn, Fasan und Wildschwein, setzt gleichermaßen auf die kulinarischen Traditionen der Gourmet-Nation: "Wir Franzosen greifen bei Essen und Trinken gerne etwas tiefer in die Tasche – das sollte auch Rungis vor einer Rezession bewahren."
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