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Milliardär Merckle tot Selbstmord eines schwäbischen Spekulanten

2. Teil: "Bei Aktien bin ich manchmal ein Daytrader"

Hinzu kam eine fatale Kettenreaktion in einer waghalsigen Finanzierungsstruktur: "Die VEM hat bei Beteiligungsunternehmen, insbesondere bei HeidelbergCement, Kapitalerhöhungen in größerem Umfang durchgeführt, die teilweise mit Krediten finanziert wurden", gestand Junior und VEM-Mitgeschäftsführer Ludwig Merckle. Als Sicherheiten für diese Kredite seien Aktien hinterlegt, die durch die Börsenkrise massiv an Wert verloren. Eine seriöse Finanzierung sieht anders aus.

Dabei wirkte Merckle bislang nicht wie eine Londoner Heuschrecke, sondern eher wie ein bodenständiger Kaufmann - zumindest nach außen. Gern verbreitete der Clanchef in der Öffentlichkeit das Bild vom bescheidenen Schwaben. Keine Luxusyachten, keine mondänen Partys - er bevorzugte Fahrräder und genoss das Bergsteigen. Im familieneigenen Skiliftparadies in der Steueroase Kleinwalsertal kontrollierte er die Fahrkarten angeblich schon mal selbst, und mit dem Zug reiste er nur in der zweiten Klasse. "Wir sind lieber unter den normalen Leuten, nicht unter den Großkopferten", sagte er gern.

Tatsächlich hatte Merckle mit dem gemeinen Volk wenig gemein. Laut dem US-Magazin "Forbes" gehörte der Patriarch mit einem Vermögen von über sieben Milliarden Euro zu den zehn reichsten Deutschen.

Hinter der volkstümlichen Kulisse legte Merckle einen Habitus an den Tag, der mancher Heuschrecke zur Ehre gereicht hätte. Aus dem Handelsunternehmen "Drogen und Chemikalien en gros" seines Großvaters zimmerte er innerhalb weniger Jahrzehnte ein verschachteltes Firmenimperium mit zweistelligen Milliardenumsätzen, steuerminimierenden Strukturen - und mitunter fragwürdigen Geschäftsmethoden. Als "raffgierig, nachtragend, missgünstig" schilderte ihn einst ein ehemaliger Geschäftsführer von Ratiopharm.

Immer wieder glänzte der passionierte Skifahrer in der Vergangenheit durch Rücksichtslosigkeit. Als es etwa darum ging, im Jahr 2003 den Pistenbully-Hersteller Kässbohrer vor einer Übernahme durch den kanadischen Konkurrenten Bombardier zu retten, bekamen Vorstand und Aufsichtsrat die harte schwäbische Hand bald zu spüren. Merckle drängte forsch in den Aufsichtsrat - und dort den lokalen Sparkassenchef raus, obwohl der 40 Prozent des Unternehmens kontrollierte. Kurz danach musste der erfolgreiche Vorstandschef abdanken. Sein Nachfolger blieb auch nicht lange.

Auch liebte Merckle offenbar seit Jahren das schnelle Börsengeschäft. "Bei Aktien bin ich manchmal ein Daytrader", zitiert ihn die "Frankfurter Allgemeine". Doch mit der Finanzkrise wurde ihm die Spekulationslust zum Verhängnis. Nun drohte das auf Pump und hochvolatilen Aktienwerten aufgebaute Firmenkonstrukt zusammenzubrechen. In den Bilanzen klaffte eine Finanzierungslücke von rund 600 Millionen Euro. Plötzlich standen 30 Banken vor der Tür und wollten ihr Geld teilweise zurück - oder zusätzliche Sicherheiten.

Kampf gegen den Absturz

Merckle kämpfte gegen den drohenden Absturz. Er engagierte international erfahrene Schuldenspezialisten, die mit Firmenkonglomeraten am Rande des Kollapses einschlägige Erfahrungen hatten. Nach zähem Ringen unterschrieben die Gläubigerbanken Ende Oktober ein erstes Stillhalteabkommen.

Den Verfall seines Imperiums konnte der Kontrakt höchstens bremsen, nicht aber aufhalten. Klar war, dass es zur Aufspaltung kommen würde. Allen voran der Pharmakonzern Ratiopharm galt als Verkaufskandidat. Eine Veräußerung des Arzneimittelherstellers gestaltete sich im Zuge der Finanzkrise allerdings als schwierig. Kreise der Gläubigerbanken berichteten, Merckle brauche kurzfristig ein Kreditvolumen von etwa 400 Millionen Euro, um Zahlungsausfälle zu verhindern. Mittelfristig sei der Finanzbedarf der Gruppe aber deutlich höher, was eine umfassende Umschuldung nötig mache.

Noch an diesem Dienstag hieß es, die Verhandlungen über den Überbrückungskredit seien auf der Zielgeraden. "Man ist kurz vor einem positiven Abschluss", sagte eine Sprecherin der Gesellschaft VEM. Von den Gläubigerbanken war zu hören, es sei nur noch eine Frage von wenigen Tagen. "Derzeit gibt es in den einzelnen Häusern die letzten Abstimmungen", sagte eine mit der Situation vertraute Person.

Die Rettung der Firmengruppe geht weiter - ohne Merckle.

suc/jjc/Reuters

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