Kreditkrise
Finanzbranche fordert rettende "Bad Bank"
Drastische Worte des Bankenverbands über die eigene Branche: Politik und Wirtschaft sollen eine sogenannte Bad Bank gründen, die faule Wertpapiere der Geldhäuser übernimmt - sonst dürfte sich Deutschlands Finanzindustrie kaum erholen.
Frankfurt am Main/Düsseldorf/Berlin - Die deutsche Finanzwirtschaft fordert Anpassungen beim Rettungsfonds für die Branche. Dringend nötig sei eine sogenannte Bad Bank, die faule Wertpapiere aus den Bankbilanzen übernehmen und bis zur Fälligkeit halten könnte, sagte der Vize-Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands deutscher Banken, Hans-Joachim Massenberg.
DDP
Finanzplatz Frankfurt: Bad Bank soll Giftpapiere schlucken
Damit erneuert der Verband seine Forderungen von Ende Dezember. Schon zu diesem Zeitpunkt hatte der geschäftsführende Vorstand des Bankenverbands, Manfred Weber, für eine Bad Bank plädiert. Auch
Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann soll sich für ein solches Institut stark gemacht haben.
Hintergrund der Initiativen ist die weiterhin schwierige Situation an den internationalen Finanzmärkten. Zwar ist nach Angaben von Finanzpolitikern und Wirtschaftsführern ausreichend flüssiges Geld vorhanden, nachdem die Notenbanken mehrfach ihre Schleusen geöffnet haben. Auch besteht eigentlich kein Risiko, weil der Staat mit dem Rettungsschirm bei Ausfällen einspringt. Doch das Misstrauen im Bankensektor ist geblieben. Es wird befürchtet, dass viele Banken noch "Giftpapiere" in ihren Bilanzen verstecken und längst nicht alle Risiken offengelegt haben.
Die Politik sollte sich gemeinsam mit der Kreditwirtschaft um eine entsprechende Lösung bemühen, forderte Massenberg laut Redetext nun. Das fast 500 Milliarden Euro schwere Rettungspaket für die Branche sieht bislang zwar auch den Ankauf fauler Wertpapiere vor. Allerdings müssen die Institute die Papiere nach drei Jahren wieder zurücknehmen - deshalb fiel die Reaktion auf das Angebot bislang eher verhalten aus.
DIE DETAILS DES DEUTSCHEN BANKENRETTUNGSPAKETS
Wenn Banken das staatliche Rettungspaket nutzen, haben sie drei Möglichkeiten. Der Fonds bietet Garantien, den direkten Zuschuss von Kapital und den Aufkauf sogenannter Problemaktiva. Jede der drei Hilfen ist an unterschiedliche Bedingungen gekoppelt.
Nehmen Banken eine der drei Hilfen in Anspruch - Garantien, Risikoübernahme, Rekapitalisierung - ergeben sich unterschiedliche Auflagen. Bei der Vergabe von Garantien hat der Bund die Möglichkeit, die Geschäftspolitik der Banken zu überprüfen. Bei der Risikoübernahme kann die Regierung außerdem Vergütungen deckeln und die Ausschüttung von Dividenden untersagen. Bei der höchsten Stufe - der Rekapitalisierung - kommt neben den gennannten Auflagen die Sicherstellung der Kreditvergabe an kleinere und mittlere Unternehmen durch das betroffene Institut hinzu.
Der Fonds ist ein Sondervermögen des Bundes, das von einer neugegründeten Finanzmarktstabilisierungsanstalt (FMSA) verwaltet
wird. Die FMSA ist in Frankfurt am Main angesiedelt, die Rechts-
und Fachaufsicht liegt beim Bundesfinanzministerium. Das
Ministerium kann der Anstalt generell oder im Einzelfall Weisungen
erteilen oder Entscheidungen selbst treffen.
Für Kreditgarantien soll der Fonds eine "marktgerechte
Vergütung" erhalten, die im Einzelfall festgelegt wird. Die
Laufzeit ist im Einzelfall auf 36 Monate befristet, alle Garantien
müssen zudem spätestens Ende Dezember 2012 auslaufen.
Auch für Hilfen zur Rekapitalisierung soll der Fonds laut der
Verordnung eine marktgerechte Vergütung verlangen. Für diese
Hilfen, mit denen der Staat vorübergehend Anteile von Banken kauft,
gilt je Unternehmen eine Obergrenze von zehn Milliarden Euro.
Übernimmt der Fonds risikoreiche Positionen einer Bank, liegt
die Maximalsumme je Unternehmen bei fünf Milliarden Euro. Der Fonds
kann das begünstigte Unternehmen zu späteren Ausgleichszahlungen
verpflichten, falls bei Fälligkeit oder der Verwertung Verluste
auflaufen. Zudem soll der Fonds sicherstellen, dass er eine dem
Risiko angemessene Verzinsung erzielt.
"Eine Nachfrage- und Marktnormalisierung kann sich ohne eine deutliche Fristverlängerung nicht einstellen", sagte Massenberg. Eine Bad Bank wäre dabei der erfolgversprechendste Weg. Bei einer Erholung der Kurse bis zur Fälligkeit könne am Ende für den Steuerzahler sogar ein Gewinn übrigbleiben.
Neben den in dem Verband organisierten Geschäftsbanken fordern auch die Volks- und Raiffeisenbanken sowie zahlreiche Landesbanken eine solche staatliche Einrichtung. Angesichts möglicher neuer Kosten in Milliardenhöhe stößt der Vorschlag beim Bund bislang aber auf Skepsis. Auch Finanzexperten sehen in einer Bad Bank
kein Allheilmittel zur Beendigung der Finanzkrise.
Allerdings mehren sich aus der Wirtschaft Forderungen nach einer Bad Bank. Der Präsident des Bundesverbands Groß- und Außenhandel (BGA), Anton Börner, forderte im "Handelsblatt" entsprechende Anpassungen im Rettungspaket für die Finanzbranche. "Für eine reibungslose Kreditversorgung der Wirtschaft ist es notwendig, dass sich die Banken wieder untereinander vertrauen und Geld leihen", sagte der BGA-Chef.
Weil das Rettungspaket für die Banken an diesem Punkt bisher nicht die gewünschte Wirkung erzielt habe, sollte die Regierung eine Bad Bank gründen und riskante Wertpapiere dauerhaft aus den Bankbilanzen übernehmen. "Andernfalls droht die Kreditvergabe an die Unternehmen in den nächsten Monaten auf null zu sinken", sagte Börner weiter.
Regierung plant "Deutschlandfonds"
In der Regierungskoalition gibt es angesichts einer drohenden Kreditklemme unterdessen Überlegungen, wonach der Staat Unternehmen direkt unterstützen sollte. Die Rede ist von einem sogenannten "Deutschlandfonds". SPD und CDU prüfen die Errichtung eines
Schutzschirms für Firmen, die durch die Wirtschaftskrise in die Schieflage geraten sind. Vor allem größere Firmen kommen wegen der Finanzkrise schwerer an frisches Geld. Ohne ein Gegensteuern drohe eine Finanzierungsklemme, zitiert die Nachrichtenagentur dpa aus in einem Papier der Bundesregierung.
Neben der Finanzierung der Banken seien Lieferantenkredite ein Problem, die restriktiver gewährt würden, weil Warenkreditversicherer zurückhaltender seien. Gleichzeitig brechen laut dem Papier vielen Unternehmen die Aufträge weg. Der Rettungsschirm für Banken habe bisher die Bereitschaft der Banken zur Kreditvergabe noch nicht wiederhergestellt, heißt es.
"Vor diesem Hintergrund ist es notwendig, nach den Banken jetzt auch einen Schutzschirm für die Unternehmen aufzuspannen", wird vorgeschlagen. Der Bund werde befristet Hilfen mit einem Gesamtvolumen von 100 Milliarden Euro zur Verfügung stellen. Daraus würden zu "marktmäßigen Konditionen" Bürgschaften beziehungsweise Garantien, Kredite, Beteiligungen - etwa durch den Bund, die Staatsbank KfW oder andere Institutionen - und beteiligungsähnliche Finanzierungen gegeben. Im Gegenzug sollen sich die Unternehmen zu entsprechenden Ausschüttungs- und Vergütungsregelungen verpflichten.
Unionsfraktionschef Volker Kauder (CDU) sagte dem Bonner "General-Anzeiger", über den Fonds sollten Firmen leichter Kredite bekommen. "Solange die Banken ihre Kreditvergabebereitschaft nicht erhöht haben, muss die öffentliche Hand der Wirtschaft Investitionen durch das Bereitstellen von Krediten ermöglichen", sagte er. "Ein Deutschlandfonds soll diese Kredite zur Verfügung stellen."
KONJUNKTURPROGNOSEN IM ÜBERBLICK
Die deutsche Wirtschaft wird in diesem Jahr nach Einschätzung von Konjunkturexperten schrumpfen. Über das Ausmaß gehen die Meinungen auseinander - klicken Sie auf die Überschriften, um die wichtigsten Prognosen angezeigt zu bekommen.
Die Bundesregierung und auch die EU-Kommission erwarten für Deutschland den schärfsten Einbruch der Wirtschaftsleistung seit dem Zweiten Weltkrieg. Das Bruttoinlandsprodukt wird 2009 im Vorjahresvergleich demnach rund um 2,3 Prozent schrumpfen.
Sehr pessimistisch ist das Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung, das mit einem Rückgang des Bruttoinlandsproduktes um zwei Prozent rechnet.
Die Bundesbank geht davon aus, dass die Wirtschaft um 0,8 Prozent schrumpft. Die Aussichten hätten sich seit Herbstbeginn "markant verschlechtert". Auch ein kurzfristig deutlich schärferer Konjunktureinbruch wäre "keineswegs abwegig", erklärte die Bundesbank in ihrem Konjunkturbericht.
Die Organisation für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OEDC) rechnet mit einem Minus von 0,9 Prozent im kommenden Jahr. Zur Belebung von Konsum und Investitionen legte die Organisation bei der Präsentation ihres Konjunkturberichts Ende November der Bundesregierung Steuersenkungen nahe.
Die fünf Wirtschaftsweisen erwarten eine Stagnation, sprechen aber schon von einer Rezession. Bei der Vorstellung ihres Jahresgutachtens 2008/2009 Mitte November sprachen sie sich für Steuererleichterungen und Ausgabenprogramme aus, die zunächst über neue Schulden finanziert werden sollen.
Der Internationale Währungsfonds sagte Anfang November einen Rückgang des Bruttoinlandsproduktes um 0,8 Prozent voraus.
Das Hamburgische Weltwirtschaftsinstitut (HWWI)
rechnet wie auch andere Forschungsinstitute mit einer schrumpfenden
deutschen Wirtschaft im kommenden Jahr. Die Wirtschaftsleistung
Deutschlands dürfte 2009 um 1,2 Prozent zurückgehen, teilte das HWWI mit. Für das laufende Jahr rechnen die Forscher
mit einem Wachstum von 1,5 Prozent.
Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln erwartet für 2009 einen Rückgang der Wirtschaftsleistung um 1,5 bis 2 Prozent.
Das Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH)
rechnet für das kommende Jahr mit einem Rückgang des
Bruttoinlandsproduktes um 1,9 Prozent. Noch im September hatten die Konjunkturforscher mit einem Wachstum von 0,9 Prozent für 2009 gerechnet. Ab 2010 wird das Wachstum demnach wieder bei 1,5 Prozent liegen.
Auch das Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung erwartet im kommenden Jahr einen beispiellosen Einbruch der Konjunktur. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) werde mit minus 1,8 Prozent so stark wie noch nie in der Geschichte der Bundesrepublik schrumpfen, erklärte das IMK. Die Arbeitslosigkeit steigt der Voraussage nach auf knapp 3,9 Millionen. Ein massives Konjunkturprogramm im Umfang von 50 Milliarden Euro könnte nach Ansicht des Instituts aber im Idealfall sogar dafür sorgen, dass ein Wachstum von einem Prozent entsteht.
Das Ifo-Institut rechnet mit einer langanhaltenden und schweren Rezession. Für 2009 sagen sie einen Rückgang des Bruttoninlandsproduktes von 2,2 Prozent und für 2010 von 0,2 Prozent voraus.
Das Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW) rechnet im kommenden Jahr mit einem schweren Einbruch der deutschen Wirtschaft. Die Ökonomen erwarten ein Minus von 2,7 Prozent.
suc/Reuters/ddp/dpa-AFX/AFP