Frankfurt am Main/Brüssel - Die Europäische Zentralbank (EZB) hat den Leitzins für den Euroraum wie erwartet zum vierten Mal in Folge reduziert. Der wichtigste Leitzins zur Versorgung der Kreditwirtschaft mit Zentralbankgeld werde um 0,5 Prozentpunkte auf 2,00 Prozent gesenkt, teilte die EZB am Donnerstag in Frankfurt mit.
EZB in Frankfurt: Inflationsgefahr sinkt
Zuletzt hatte die EZB die Leitzinsen am 4. Dezember überraschend deutlich um 75 Basispunkte auf 2,5 Prozent gesenkt. Im Oktober und November wurde der Wert bereits um je 50 Basispunkte verringert.
Die EZB nimmt mit dem Leitzins, zu dem sie den Banken frisches Zentralbankgeld zur Verfügung stellt, indirekt Einfluss auf das Wirtschaftswachstum und die Inflationsentwicklung. Ein niedrigerer Leitzins sorgt für eine stärkere Kreditvergabe zu günstigeren Konditionen. Davon profitieren in normalen Zeiten Unternehmen und Haushalte, und die Wirtschaft wächst. Finanzkrise und Rezession haben diesen Mechanismus jüngst allerdings praktisch zum Erliegen gebracht.
Sinkende Inflationsgefahr in der Euro-Zone
Erleichtert wurde der EZB der Beschluss durch die sinkende Inflationsgefahr in Europa. Billigere Energie hat die Teuerung in der Euro-Zone im Dezember weiter gedämpft und erstmals seit über einem Jahr für Preisstabilität gesorgt. Die Verbraucherpreise kletterten um 1,6 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat, wie das europäische Statistikamt Eurostat am Donnerstag mitteilte. Im Juli hatte die Inflationsrate noch das Rekordniveau von vier Prozent erreicht, seither ging sie aber deutlich zurück.
Die EZB sieht Preisstabilität mittelfristig nur bei Raten von knapp unter zwei Prozent gewährleistet. Dies war zuletzt im August 2007 der Fall. Die 1,6 Prozent von Dezember sind der niedrigste Wert seit Oktober 2006.
Beobachter und Banken erwarten weitere Zinssenkungen
Die Börse reagierte verhalten auf den Zinsschritt. "Die Zinssenkung ist natürlich positiv, aber der Markt hatte sich eine stärkere Lockerung der Geldpolitik erhofft", sagte ein Händler. Der Dax
weitete seine Verluste nach der EZB-Veröffentlichung zunächst aus.
Angesichts des scharfen Abschwungs in den Euro-Ländern schließen Experten eine Senkung des EZB-Leitzinses auf null Prozent nicht mehr aus. "Die Industrie befindet sich im freien Fall", sagte Ben May, Volkswirt von Capital Economics nach der Zinsentscheidung der EZB. "Wir erwarten deshalb, dass der Leitzins auf Null oder zumindest nahe Null sinkt."
Auch der Bundesverband der Deutschen Volks- und Raiffeisenbanken (BVR) erwartet weitere Zinssenkungen. Der außerordentlich scharfe konjunkturelle Abschwung erfordere dies, hieß es zur Begründung. Den nötigen Spielraum dafür schaffe die niedrige Teuerung.
Kritik an der EZB-Politik kam indes vom Bundesverband Öffentlicher Banken (VÖB). "Die schlechten Wachstumsaussichten für das laufende Jahr hätten eine noch deutlichere Leitzinssenkung gerechtfertigt", hieß es. Die EZB-Zinspolitik sei im Vergleich zur Fed "viel defensiver ausgerichtet".
suc/ddp/Reuters/dpa-AFX
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