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19.01.2009
 

Warnung des Innenministeriums

Cyber-Verbrecher rüsten auf

Von Stefan Schultz

Rasant breiten sich Computerschädlinge wie "Conficker" aus - so schnell, dass jetzt erstmals das Innenministerium Alarm schlägt. Online-Kriminelle gehen immer professioneller vor, arbeiten profitorientiert, operieren international. Und sie nutzen ähnliche Strukturen wie das organisierte Verbrechen.

Hamburg - Es trifft Netzwerke von Firmen und Behörden genauso wie Privatpersonen: Computerkriminalität und Spionage via Internet nehmen bedrohlich zu. Das teilte das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) am Montag auf der Cebit-Preview in Hamburg mit.

Computervirus: Organisiertes Cyber-Verbrechen nimmt zu
DPA/Kaspersky [M]

Computervirus: Organisiertes Cyber-Verbrechen nimmt zu

Die BSI-Analyse basiert auf ersten Auszügen aus dem 3. Bericht des Innenministeriums zur Lage der IT-Sicherheit, den die Regierung im März veröffentlichen will.

"Die Bedrohungslage hat sich in den letzten zwei Jahren verschärft", sagt BSI-Abteilungspräsident Bernd Kowalski. Cyber-Angreifer professionalisieren sich und gehen immer zielgerichteter vor. Dabei würden solche Angriffe zusehends arbeitsteilig durchgeführt. "Diese Angreifer kooperieren in einer Grauzone des weltweiten Internet." Die Netzwerke agieren laut Kowalski zum Teil aus dem Ausland, wo deutsches Recht nicht greift. Sie weisen laut Kowalski Ähnlichkeiten mit der Organisierten Kriminalität (OK) auf.

Sebastian Schreiber, Diplom-Informatiker und Geschäftsführer der IT-Security-Beratungsfirma SySS, sieht diesen Trend als längere Entwicklung. "Wir beobachten diese Professionalisierung schon seit 2005", sagt Schreiber SPIEGEL ONLINE. "Im Schatten-Internet geht es nicht mehr nur um Prestige - die Hacker-Szene hat sich in den letzten Jahren zusehends kommerzialisiert, Cyber-Verbrecher wollen mit ihren Viren immer öfter Geld verdienen."

Die Folge der Professionalisierung: Die organisierte Online-Kriminalität arbeitet immer effizienter. Die Geschwindigkeit von Cyber-Verbrechen hat sich deutlich erhöht. "Die Anzahl sogenannter Zero-Day-Exploits nimmt zu", sagt Kowalski. Bei Zero-Day-Exploits (mehr bei SPIEGEL Wissen...) werden Sicherheitslücken an ihrem Erscheinungstag ausgenutzt.

Hersteller und Entwickler müssen in diesem Fall unter extrem hohen Zeitdruck eine Gegensoftware programmieren, um die Sicherheitslücke zu schließen - solange sie dies nicht schaffen, können Viren, Trojaner und andere Schadprogramme (Übersicht: siehe Infobox) ungehindert über die Software eindringen.

Schad- und Spähsoftware

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Trojaner

Virus

Rootkit

Wurm

Drive-by

Botnetz

Fakeware, Ransomware

Zero-Day-Exploits

Risiko Nummer eins: Nutzer

DDoS-Attacken

Die Cyber-Verbrecher werden dabei immer dreister. "Teilweise werden Schadprogramme sogar in Kombination mit Leistungsmerkmalen angeboten, den Schadcode eine bestimmte Zeit gegen Anti-Virenprogramme resistent zu halten", sagt Kowalski SPIEGEL ONLINE.

"Es gibt inzwischen Viren-Programmierer, die wie professionelle Unternehmen agieren", ergänzt IT-Experte Schreiber. "Sie geben ihren Kunden sogar richtige Garantien, beispielsweise darüber, dass Ihr Virus mindestens sechs Wochen einsatzfähig bleiben wird."

Aktuell hält ein besonders erfolgreicher Computerwurm IT-Sicherheitsexperten in Atem. Der Wurm Conficker oder Downadup befällt augenscheinlich wehrlose Windows-Rechner in Massen. Obwohl inzwischen alle IT-Sicherheitsfirmen und Anbieter von Virenschutz-Software Programme gegen die Wurm-Varianten zur Verfügung stellen, obwohl auch Microsoft selbst in der letzten Woche ein Sicherheits-Update zur Verfügung stellte, verbreitet sich Downadup immer schneller.

Einer US-Studie zufolge richteten solche Cyberkriminellen 2008 allein in den USA einen wirtschaftlichen Schaden von 8,5 Milliarden Dollar an. Neben Firmen sind zusehends auch Privatpersonen durch Online-Kriminalität gefährdet. Über 40 Millionen Deutsche sind inzwischen online, Tendenz noch immer steigend. Laut einer Studie des Branchenverbands Bitkom shoppen inzwischen 41 Prozent der Deutschen gelegentlich im Internet.

Einer CSI-Studie von 2008 sowie einer Studie der Firma Corporate Trust zum Thema Industriespionage zufolge melden gerade mal ein Viertel der Unternehmen IT-Sicherheitsvorfälle. Dies geschehe zum Teil auch deswegen, weil viele Firmen einen Imageschaden befürchteten, wenn sie Sicherheitslücken bekannt gäben. Deshalb schalten sie zunehmend sogenannte IT-forensische Unternehmen ein, um Datenpannen und Sicherheitslücken aufzudecken.

Datenschutz massiv bedroht

Neben der Online-Kriminalität ist auch der Datenschutz in der Bundesrepublik längst zu einem flächendeckenden Problem geworden. Von mindestens jedem vierten Bundesbürger gibt es Schätzungen zufolge Bankverbindungen, Kontostände und andere sensible Daten auf dem Schwarzmarkt zu kaufen. Andere Datenschützer gehen sogar von noch höheren Quoten aus. Zugute kommt dieser Entwicklung, dass das Sammeln von und der Handel mit Daten per se nicht als Verbrechen gelten, sondern erst deren Missbrauch.

Wie hoch das Gefährdungspotential ist, zeigen zahlreiche Datenskandale aus dem Sommer 2008. Damals wurde bekannt, welch reger Handel mit den Daten von Privatpersonen betrieben wird. Im November machte der SPIEGEL publik, dass 2006 mehr als 17 Millionen Datensätze von T-Mobile-Kunden gestohlen worden waren - darunter auch Informationen über Politiker, Minister und TV-Stars.

Deutschlands oberster Datenschützer, Peter Schaar, kritisierte gegenüber SPIEGEL ONLINE, dass es keine Meldepflicht für Datendiebstahl gibt, nachdem der Chaos Computer Club im Juli eine schwerwiegende Datenpanne bei TNS Infratest/Emnid aufgedeckt hatte: Mit einem Trick konnte man gut 40.000 Datensätze der Marktforschungsfirma im Internet einsehen.

Anschließende Recherchen von SPIEGEL ONLINE ergaben, dass die TNS-Nutzerdaten nicht nur abgefragt, sondern sogar manipuliert werden konnten - und dass zahlreiche betroffene Kunden über das Sicherheitsleck nur sehr pauschal informiert wurden. Schaar forderte seinerzeit ein Gesetz, das Firmen dazu verpflichtet, Sicherheitspannen selbständig aufzuklären.

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