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EU-Kommissar Günter Verheugen "Schluss mit den Weltuntergangsszenarien!"

2. Teil: "Man glaubte, alles im Griff zu haben"

SPIEGEL ONLINE: Aber wie lange hält die Währung den jetzigen Ausnahmezustand aus? Warum legt die EU-Kommission die Staaten nicht wenigstens auf bestimmte Regeln fest, ab denen die Maastricht-Kriterien wieder eingehalten werden müssen?

Verheugen: Weil das Einzelfallentscheidungen sind, die von den Wirtschaftsdaten des jeweiligen Staates abhängen. 3,2 Prozent Verschuldung hat von Land zu Land verschiedene Gründe. Ich halte es auch für vollkommen unangebracht, jetzt eine Währungskrise herbeizureden.

SPIEGEL ONLINE: Wie lange werden wir denn die Schulden, die wir heute machen, abbezahlen?

Verheugen: Lange, kein Zweifel. Und angesichts der demografischen Trends, die wir ja kennen, ist das eine schwere Hypothek für die nächste Generation.

SPIEGEL ONLINE: Es gab mal Zeiten, da war der Rückzug des Staates aus der Wirtschaft oberstes Gebot in vielen Ländern. 20 Jahre nach dem Zusammenbruch des realen Sozialismus scheint der Staatsinterventionismus wieder aufzuleben. Ein Epochenwandel?

Verheugen: Ein von den Umständen erzwungener Paradigmenwechsel, auf jeden Fall. Nach dem Ende des Systemwettbewerbs hat sich eine neue, rücksichtslose Form des Kapitalismus durchgesetzt: Das Ende des Kommunismus hat bei den Protagonisten vielleicht die Vorstellung genährt, jetzt könne der Kapitalismus sich alles erlauben. Es kann aber auch sein, dass die gefährlichen Ereignisse in der Finanzwelt auch ohne diesen Epochenwandel gekommen wären. Ich erinnere mich mit Zorn daran, wie oberlehrerhaft Vertreter dieser Lehren aufgetreten sind. In der Wissenschaft, in den Medien, in der Politik. Wir machen es uns zu einfach, wenn wir mit Abscheu auf die Banker an der Wall Street zeigen. Es gab Warnungen genug.

SPIEGEL ONLINE: Warum haben die Europäer dann nicht früher eingegriffen?

Verheugen: Die Mehrheit wollte nicht. Man glaubte, alles im Griff zu haben. Alle Versuche, die Finanzmärkte zu regulieren, wurden in der Vergangenheit abgeschmettert. Besonders von Staaten natürlich, in denen diese Branche besonders stark ist.

SPIEGEL ONLINE: Wirkt die EU-Finanzverfassung deshalb so veraltet und überfordert von den aktuellen Erfordernissen? Die Finanzmarktaufsicht ist noch immer vollkommen zersplittert.

Verheugen: Es gibt schon Zusammenarbeit, so ist es ja nicht. Und dieses Jahr kommt ein groß angelegtes Regelwerk. Für die Finanzmarktaufsicht ist eine Sachverständigengruppe eingesetzt, die prüft, ob wir eine Gruppenaufsicht wollen, in der die nationalen Aufsichten zusammenarbeiten, oder ob eine eigene Institution diese Aufgabe europaweit übernehmen soll.

SPIEGEL ONLINE: Die EZB etwa hat mehr Aufsichtskompetenzen für sich verlangt - halten Sie das für realistisch?

Verheugen: Für mich ist das zumindest eine sehr ernsthafte Option. Klar ist: Es muss etwas passieren.

SPIEGEL ONLINE: Die Länder wirken nicht unbedingt so, als wollten sie derzeit Kompetenzen abgeben - im Gegenteil: Bei den Konjunkturpaketen macht jeder, was er will.

Verheugen: Das stimmt nicht - wir hatten einen Konjunkturgipfel ...

SPIEGEL ONLINE: ... auf dem nur die Größenordnung abgestimmt wurde, die alle Pakete zusammen haben sollen.

Verheugen: Die Gemeinschaft hat in dieser Krise genau das getan, was sie kann und soll. Wir haben dafür gesorgt, dass es bei den nationalen Maßnahmen kein Gegeneinander gibt und dass so wenig formale und bürokratische Hürden im Weg stehen wie möglich. Wir können keine Rettungsschirme für Industrien aufspannen, dafür haben wir weder die Kompetenzen noch die finanziellen Mittel.

SPIEGEL ONLINE: Fühlen Sie sich machtlos?

Verheugen: Durchaus nicht. Die Mitgliedstaaten warten doch regelrecht darauf, dass die Kommission sie unterstützt. Wir wachen darüber, dass Wettbewerbsregeln und Zukunftsstrategien für die grundsätzliche Ausrichtung der Wirtschaft nicht vollkommen außer Acht gelassen werden. Wir ermöglichen gemeinsame Information und Diskussion. Die Stärke der Kommission ist, dass sie nicht den oft kurzfristigen Zwängen der nationalen Politik ausgesetzt ist und langfristig denken kann.

SPIEGEL ONLINE: In der Krise scheint die EU nicht gut aufgestellt: Der Lissabonner Vertrag für weitere Integration steht nach dem Nein bei der Volksabstimmung in Irland auf der Kippe. Im Juni wird das Parlament gewählt, im Herbst die Kommission neu zusammengesetzt ...

Verheugen: ... 2009 ist ein Jahr des Übergangs, aber man kann ja nicht die demokratischen Grundregeln außer Kraft setzen, weil es eine Krise gibt. Also bringt es nichts, darüber zu klagen. Zumindest für die Kommission gilt: Es wird bis zum letzten Tag hart gearbeitet und entschieden. Es wird keine Phase des politischen Stillstands geben.

SPIEGEL ONLINE: In der jüngst veröffentlichten EU-Prognose heißt es, 2010 sei wieder ein geringes Wachstum zu erwarten. Glauben Sie daran?

Verheugen: Das sind Berechnungen, die auf aktuellen Daten beruhen. Sie berechtigen zu vorsichtigem Optimismus. Dennoch weiß schlicht niemand, wie lange diese Krise noch dauert. Das Prognosegeschäft hat auch schon bessere Zeiten gesehen.

Mit Günter Verheugen sprachen die Spiegel-Online Redakteure Claus Christian Malzahn und Anne Seith in seinem Büro in Brüssel.

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insgesamt 774 Beiträge
chirin 17.01.2009
Ganz klar, Geldverschwendung! Insbesondere das alberne Angebot der Verschrottungsprämie. Die Schrottfirma verkauft diese Fahrzeuge nach Afrika,Ägypten oder Ostblock und das natürlich für Gewinn, aber die Verseuchung des [...]
Zitat von sysopDie Maßnahmen der Bundesregierung zur Finanz- und Wirtschaftskrise sind umstritten, ebenso wie der Kapitaleinsatz. Das neue Konjunkturprogramm: Reine Geldverschwendung oder eine notwendige Rettungsaktion?
Ganz klar, Geldverschwendung! Insbesondere das alberne Angebot der Verschrottungsprämie. Die Schrottfirma verkauft diese Fahrzeuge nach Afrika,Ägypten oder Ostblock und das natürlich für Gewinn, aber die Verseuchung des Luftraumes macht ja vor Deutschland nicht halt. Außerdem bemängel ich eine Kontrolle, ob auch Autos aus deutscher Fabrikation gekauft werden, nicht das die Chinesen noch reicher werden und Deutschland die Werke schließen muß. Das ist mal wieder von völlig geistlosen Politikern ausgeheckt worden. Wenn schon Hilfe, dann Gutscheine auf deutsche Produkte, damit deutsche Unternehmen wieder in die Puschen kommen und dadurch keine Entlassungen von in Deutschland wohnenden Arbeitnehmern erfolgen kann. Überdies, ich fahre einen tipp/topp DB - Jahrgang 1985. Der fährt und fährt und fährt. Ich müßte verrückt sein, das gute Stück gegen eine der heutigen Klamotten einzutauschen.
Michael Giertz 17.01.2009
Wie gesagt, all diese Konjunkturpakete würden weit mehr Einfluss haben und den Menschen helfen, würde man diese zur Reduzierung der Schulden der Bundesbürger verwenden, statt sie nahezu bedingungslos den Banken nachzuwerfen. [...]
Zitat von sysopDie Maßnahmen der Bundesregierung zur Finanz- und Wirtschaftskrise sind umstritten, ebenso wie der Kapitaleinsatz. Das neue Konjunkturprogramm: Reine Geldverschwendung oder eine notwendige Rettungsaktion?
Wie gesagt, all diese Konjunkturpakete würden weit mehr Einfluss haben und den Menschen helfen, würde man diese zur Reduzierung der Schulden der Bundesbürger verwenden, statt sie nahezu bedingungslos den Banken nachzuwerfen. Im Prinzip funktionieren Konjunkturpakete nicht, weil die Wirtschaft nunmal eine Mischung aus Chaoskonzept und Kopfsache ist: solange die Entscheider bei den Banken das Gefühl haben, es geht immernoch abwärts, kann sich daran nichts ändern. Höchstens eins: den Aufkauf der faulen Wertpapiere. Da bin ich aber völlig dagegen, mit dem Mist dürfen die Banken selber auskommen. Und wenn's dem Ackermann seinen Stuhl kostet und die Deutsche Bank pleite geht - mir soll's recht sein.
Huuhbär 17.01.2009
Ja. Dieses müssen alle in unmittelfristiger Zeit selbst auslöffeln. Was die egoistischen politische-wirtschaftliche Prominenz dazu behauptet, ist schlicht falsch. Wer ein Paket schnürt, dass 2500 Euro für ein altes Auto und [...]
Zitat von sysopDie Maßnahmen der Bundesregierung zur Finanz- und Wirtschaftskrise sind umstritten, ebenso wie der Kapitaleinsatz. Das neue Konjunkturprogramm: Reine Geldverschwendung oder eine notwendige Rettungsaktion?
Ja. Dieses müssen alle in unmittelfristiger Zeit selbst auslöffeln. Was die egoistischen politische-wirtschaftliche Prominenz dazu behauptet, ist schlicht falsch. Wer ein Paket schnürt, dass 2500 Euro für ein altes Auto und 100 Euro für ein Kind verspricht. Dem kann man nur entgegen halten, dass dieses Missverhältnis tief blicken lässt. Diese Blase wird ebenfalls immer größer und platzt eines Tages. Was benötigt wird ist eine weltweite Systemumstellung in dem Finanzbereich, sonst wird den Völkern und Volkswirtschaften noch mehr Schaden zugefügt.
Huuhbär 17.01.2009
Ach ja, noch was. Die Kompromisse des Konjunkturpaketes werden weder die Binnenkonjunktur ankurbeln noch die Wirtschaftskrise abfedern. Erreicht ist lediglich momentan, dass die Regierungsparteien sich je zur Hälfte durchgesetzt [...]
Ach ja, noch was. Die Kompromisse des Konjunkturpaketes werden weder die Binnenkonjunktur ankurbeln noch die Wirtschaftskrise abfedern. Erreicht ist lediglich momentan, dass die Regierungsparteien sich je zur Hälfte durchgesetzt haben. Ist für die jeweilige Regierung nach der Wahl einfacher den jeweiligen Hebel in ihr parteipolitisches Konzept umzulegen. Die überwiegende Mehrheit wird von dem KPII in der Realität so gut wie nicht profitieren, dafür in dem ganzen Prozess zerrieben. Für besser hielt ich es, den Menschen zu helfen, die durch die Krise unverschuldet in Not geraten werden – den Menschen wohl gemerkt -, nicht den Unternehmen, von denen nicht wenige verschulet und wissentlich in diese Schieflage gekommen sind (wie sich immer mehr abzeichnet – um es dezent auszudrücken: durch das falsch eingeschätzte Risiko). Das ganze ist doch nur noch ein Witz, aber die politische-wirtschaftliche Kaste der gesellschaftlichen Brandstiftern wird wohl wieder durchkommen und gewählt werden, während gesunde Unternehmen und Unternehmenskonzepte in der Zwischenzeit den Bach runter gehen.
MarkusW77 17.01.2009
Weiß eigentlich irgendjemand, woher der Staat diese Milliarden jetzt nimmt? Bzw. auch die Zinszahlungen der schon vorhandenen Schulden gehen doch an die Banken, die als Gläubiger unserem Staat Geld geliehen haben. Und jetzt, wo [...]
Weiß eigentlich irgendjemand, woher der Staat diese Milliarden jetzt nimmt? Bzw. auch die Zinszahlungen der schon vorhandenen Schulden gehen doch an die Banken, die als Gläubiger unserem Staat Geld geliehen haben. Und jetzt, wo alle Banken betroffen sind, also Geld brauchen....von wem leiht sich jetzt eigentlich der Staat das Geld??
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