Wirtschaft



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05.02.2009
 

Wall-Street-Banker-Blues

"Ich bin am Ende"

Von Marc Pitzke, New York

Eben noch Stars der Wall Street, jetzt Buhmänner der Nation: US-Investmentbanker werden für die Finanzkrise verantwortlich gemacht, Präsident Obama will ihre Gehälter begrenzen. Auf SPIEGEL ONLINE berichtet ein betroffener Banker über sein neues Leben als Hassobjekt.

New York - Fernando Salinas* hat ein Buch auf dem Nachttisch liegen, mit dem er sich jeden Abend in den unruhigen Schlaf liest. "Firing Back" heißt es, eine Art Überlebensbibel für gestürzte Top-Manager. Darin zeigt der Harvard-Ökonom Jeffrey Sonnenfeld auf, "wie man nach einem vernichtenden beruflichen Rückschlag Karriere und Reputation rettet".

Protest in der Wall Street: Wut schlägt auch den Schuldlosen entgegen
AFP

Protest in der Wall Street: Wut schlägt auch den Schuldlosen entgegen

Salinas liest das präventiv - noch hat er eine Karriere. Doch die Reputation ist längst dahin, und seine professionelle Zukunft wagt der New Yorker Investmentbanker auch kaum mehr vorherzusagen. "Mein Boss hat mir versichert, dass meine Stelle sicher sei", sagt er und seufzt. "Doch bevor ich tatsächlich die Namen der nächsten Entlassungsrunde höre, glaube ich ihm nichts."

Salinas, 40, arbeitet in führender Stellung bei einer US-Großbank, die er nicht nennen darf, weil ihm verboten wurde, sich öffentlich zu äußern. Er leitet dort die Gruppe, die "Mortgage-backed Securities" (MBS) betreut, also Wertpapiere, die durch Hypothekendarlehen besichert sind - jene Investmentvehikel, mit denen das ganze Desaster begonnen hat. "Wir sind das Auge des Sturms", sagt er. "Ground Zero der Krise."

Und nicht nur das. Anlageexperten wie Salinas, einst die Stars der Wall Street, sind plötzlich die Buhmänner der ganzen Welt - gehetzt von immer offenerer Wut und verbaler Lynchjustiz.

Late-Night-Comedians verhöhnen sie als "Ratten". Die Abgeordnete Claire McCaskill nannte sie "einen Haufen Idioten". US-Präsident Barack Obama hat sie ins Visier genommen, nicht zuletzt wegen anhaltender Bonus-Bezüge ("eine Schande"). Er verordnete ihnen am Mittwoch obendrein Gehaltsobergrenzen, so ihre Konzerne Staatshilfen wollen - Kapitalismus an der Regierungskandare. "Ihre neue Rolle", schreibt die "New York Times" halb mitleidig, halb hämisch, "ist die Rolle der nationalen Parias."

Wie ein Paria fühlt sich auch Salinas. Zu Unrecht, findet er: "Diese Krise hat viele Schuldige. Und wir leiden doch auch." Trotzdem trifft er sich nur unter konspirativen Umständen, wie ein flüchtiger Krimineller - fernab seines Büros, auf der diskreten Empore des Delikatessentempels "Balducci's" in Chelsea, von der man den Laden überblicken kann, ohne selbst groß aufzufallen. Er wirkt gehetzt und übermüdet. Seine Augen blinzeln.

Kaputte Branche verliert ihren größten Anreiz

Salinas will kein Mitleid, allenfalls Verständnis. "Diese Debatte um Schuld und Gier und blindes Vertrauen ins Geld", sagt er, "die hat doch noch eine andere Seite. Aber darüber redet ja keiner. Es ist politisch nicht opportun."

In der Tat: Diese andere Seite geht derzeit schnell unter - die Seite der Banker, von denen im mittleren Management viele ebenso schwer betroffen sind. Da wird lieber schwarz-weiß gemalt, mit Soundbites getönt, die die Wähler angeblich besser verstehen. Böse, reiche Wall Street gegen gute, arme "Main Street". Abzocker gegen Betrogene. Täter gegen Opfer.

Obama und sein Finanzminister Tim Geithner setzten sich am Mittwoch an die Spitze dieser Bewegung: "Diese Wirtschaftskrise ist zum Teil von einem Vertrauensverlust in unsere Finanzinstitutionen verursacht worden", sagte Geithner. Sprich: von einem Vertrauensverlust in die gesamte Branche und alle ihre Repräsentanten. "Diejenigen, die für diese Krise nicht verantwortlich waren, tragen nun eine größere Bürde als die, die es waren."

Salinas hat da eine etwas andere Perspektive. Sein Team umfasste einmal zwölf Mitglieder, jetzt sind es nur noch vier, die anderen sitzen auf der Straße. Sein Grundgehalt würde die von Obama jetzt verhängte 500.000-Dollar-Obergrenze ohnehin nicht erreichen, auch wenn seine Bank einer der Nutznießer des staatlichen Rettungspakets ist. Und sein Bonus, bisher mehr als 50 Prozent seiner Gesamteinkünfte, ist zuletzt auf fast null geschrumpft - anders als die verteufelten Millionenboni der Wall-Street-Vorstandschefs.

"Ein Bonus ist für uns Fußvolk keine luxuriöse Extraleistung", sagt Salinas. "Er ist Ansporn, um für unsere Firma mehr Geld zu verdienen, Nachtschichten zu fahren, uns mit ganzem Herzen zu engagieren. Das ist nun futsch." Er denkt nach. "Es war wie eine Droge, die mich antrieb, und jetzt stürze ich ab."

Unabhängige Fachleute bestätigen diese Sicht: Der kaputten Branche gehe nun ihr größter Anreiz verloren. Der Kompensationsexperte James Reda zum Beispiel findet die neuen Gehaltsobergrenzen "ziemlich drakonisch" für die Wall Street, "vor allem, wenn es da keinen Bonus mehr drauf gibt". Dies würde es den fraglichen Firmen erschweren, neue Talente zu rekrutieren, sagte er der "New York Times".

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