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Wall-Street-Banker-Blues "Ich bin am Ende"

2. Teil: Absturz aus einem euphorischen Berufsleben ins Nichts

Fernando Salinas wollte immer schon Banker werden. Es war sein Traumberuf. Ein Dutzend Jahre verbrachte er bei Fannie Mae, dem mittlerweile unter Staatsaufsicht gestellten Hypothekengiganten. Die letzten paar Jahre dann war er bei seinem jetzigen Arbeitgeber.

Einst verschafft ihm sein Job tägliche Euphorie - und nicht nur ihm. Er arbeitete im Zentrum des American Dreams. "Immobilien", sagt er, "waren immer ein Hauptelement dessen." Die Kombination mit dem elektrisierenden Trading Floor, auf dem er anfangs handelte ("in meiner Jugend"), war wie ein Rausch: Schmetterlinge im Bauch, Kribbeln in den Fingerspitzen. "Ich lebte für diesen Job. Ich atmete diesen Job."

Jeder nahm jahrelang freiwillig teil an diesem realen Monopolyspiel: Kleininvestoren, neue Hausbesitzer, Institutionen, Fondsmanager, ausländische Regierungen. "Als alle munter Geld machten, hat sich da jemand über uns beschwert, über unsere Gebühren, unsere Boni?", fragt Salinas. "Nein. Keine Seele."

So sieht er denn auch viele Mitverantwortliche für das spätere Desaster. Die Rating-Agenturen, die selbst die riskanten Kredite "mit Ratings geadelt haben, die sie nicht verdienten". Die stillen Großinvestoren im Hintergrund mit schier endloser Toleranzgrenze, "bereit, jedes Risiko einzugehen". Die Aufsichtsbehörden wie die SEC, "die beide Augen zudrückten".

Und nicht zuletzt die Konsumenten: "Die Hypotheken wurden doch an Erwachsene verkauft, nicht an kleine Kinder. Die wussten, worauf sie sich einließen. Stattdessen ergaben sie sich dem Dollar-Strudel, sparten nicht, lebten auf Pump, belasteten ihre Immobilien immer neu und machten ihre Häuser quasi zu Geldautomaten. Die Generation meiner Eltern war da immer vorsichtiger. Doch die Konsumenten, die kritisiert ja heute keiner."

"Ich bin am Ende, todmüde"

Sicher, auch Salinas gibt zu, dass es in seiner Industrie viele faule Äpfel gebe. Doch manche Ereignisse der vergangenen Monate seien Selbstläufer gewesen, deren Hintergründe bis heute keiner recht verstehe, etwa der rasante Kollaps der Investmentbank Bear Stearns.

Auch kritisiert Salinas "instinktloses" Verhalten an der Spitze. Die Firmenjets - vor Jahren bestellt, aber ausgerechnet jetzt ausgeliefert. Die astronomischen CEO-Bezüge. Immer mehr Lustreisen in Nobelhotels. Dummerweise schlägt die populistische Wut darüber jetzt auch den Schuldlosen entgegen.

"Ich bin am Ende, todmüde", sagt Salinas. Er verkaufe seit langem keine "Produkte" mehr, sitze nur noch herum, um das Debakel zu minimieren. "Ich habe keine Autorität mehr. Alle Entscheidungen kommen von oben." Sein Team sei überarbeitet und demoralisiert, die Kündigungswellen hätten das Vertrauen zerstört. "Das ist jetzt jeder gegen jeden."

Salinas hat längst die Freude verloren an seinem Beruf, der ihm einst alles bedeutete. "Zum ersten Mal sehe ich kein Licht am Ende des Tunnels. Keine Zukunft." Er plane nur noch 60 Tage im Voraus, "und wenn ich einmal rausfliege, werde ich bei der momentanen Lage mindestens zwei Jahre lang keine Anstellung mehr in der Finanzwelt finden".

Er selbst könne sich zwar durchschlagen. "Aber ich muss ja auch meine gebrechlichen Eltern mitversorgen." Um seinen Tagen trotzdem einen Sinn zu geben, steht Salinas abends freiwillig bei God's Love We Deliver, einem Essen auf Rädern für Aidskranke, in der Küche.

Salinas tritt aus "Balducci's" auf die Straße hinaus. Die Dämmerung legt sich über die Eighth Avenue. Auf dem Gehweg verkauft ein fliegender Händler T-Shirts. Eins davon trägt die Aufschrift: "Ich hasse Investmentbanking."

*Name von der Redaktion geändert

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