Von Marc Pitzke, New York
Weinstein stieg erst zum Chef des Deutsche-Bank-Kredithandels für Nordamerika und Europa auf und im Sommer 2008 dann zum Co-Chef für Global Credit Trading - eine ruhmreiche Abteilung, die in den beiden Vorjahren insgesamt rund 1,6 Milliarden Dollar Gewinn eingefahren hatte. Sein Team nannte er "Saba", Hebräisch für "weiser Großvater", und freitags nach Börsenschluss traf sich die Mannschaft zum Pokern im Hinterzimmer.
Anfangs ging alles gut. Noch Ende Juli 2008 beschrieb die "Financial Times" in einem geradezu ehrfurchtsvollen Porträt, wie Weinstein schon um 6 Uhr früh an seinem Bloomberg-Terminal saß, Kollegen ärgerte und Klienten umgarnte. "Mr. Weinstein und die Deutsche Bank", befand das Blatt, "genießen bei den Investoren hohe Glaubwürdigkeit."
Doch schon einen Monat später nahm das Desaster seinen Lauf. Auslöser der Katastrophe für Weinstein waren die drei großen Wendepunkte der Wall-Street-Krise - die sich alle innerhalb einer schicksalhaften September-Woche ereigneten: der plötzliche Kollaps der traditionsreichen Investmentbank Lehman Brothers
, das Ende von Merrill Lynch
und die Quasi-Nationalisierung des damals weltgrößten US-Versicherungsriesen AIG
.
Alle drei nunmehr kaputten Konzerne hatten eine wichtige Rolle im CDS-Handel gespielt. Jetzt brach der Markt zusammen. Weinsteins Geschäftsgrundlage schmolz dahin.
Die Frankfurter Bankspitze zwang den Starhändler daraufhin, wie das "Wall Street Journal" später berichtete, fast alle seine Aktivitäten abzustoßen, um den Schaden möglichst klein zu halten. Das wahre Ausmaß des Desasters begann der Wall Street allerdings erst ab Mitte Dezember zu dämmern: Da wurde Reportern gesteckt, Weinstein und sein Team hätten im vierten Quartal "rund eine Milliarde Dollar" verloren.
Neustart im Sommer
"Bis zum vierten Quartal haben wir die Krise relativ gut überstanden", gab Ackermann Mitte Januar dann zu. Doch mit dem Zusammenbrauch von Lehman habe sich die Lage verschärft. Trotzdem markierte der angeschlagene Bankchef in einer Telefonkonferenz mit Analysten noch Optimismus.
Da war Weinsteins Abgang schon beschlossene Sache: Die Bank stellte das Roulette mit Kreditpapieren auf eigene Rechnung komplett ein. Weinsteins Job und Expertise waren überflüssig geworden. "Die Risiken", sagte ein eingeweihter Manager dem SPIEGEL, "sind einfach nicht mehr vertretbar." Abschreibungen, Absturz, Abgang - und dennoch hat Weinsteins Image in Business-Kreisen kaum Schaden genommen. "Das ist der Kerl, den ich anrufe, wenn ich wissen will, was los ist", sagte Hedgefondsmanager Bill Ackman dem Wirtschaftsdienst Bloomberg auch hinterher noch. Weinstein bleibe "einer der zwei Top-Leute im Kreditgeschäft". Worauf das "New York Magazine" bitter resümierte: "Weinstein beweist, dass Scheitern doch eine Option ist."
In seinem Profil auf der Networking-Seite LinkedIn - wo er nach wie vor als "Managing Director at Deutsche Bank" auftritt - notiert Weinstein unter der Rubrik "Interessen": "Neue Referenzen". Längst soll er aber schon erfolgreich begonnen haben, nach Investoren für seinen eigenen Hedgefonds zu suchen. "Er erwartet", berichtet das "Wall Street Journal", "dass er im Sommer mit dem Handel beginnt."
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