Von Stefan Schultz
Hamburg - Spätestens seit dem Eröffnungstag des Mobile World Congress in Barcelona hat der Mobilfunk-Markt einen neuen Hype: Das Produkt der Stunde ist der sogenannte Application Store - eine Art digitaler Gemischtwarenladen, in dem Nutzer ihr mobiles Endgerät mit individuellen Diensten, Spielen und Programmen bestücken können.
Nokia-Vizechef Niklas Savander: Vorstoß in die digitale Wolke
Der Mobilfunkmarkt ist plötzlich voll mit digitalen Krämern, die sich damit brüsten, für jedes noch so abwegige Bedürfnis ihrer Handy-Nutzerschaft ein nützliches Angebot im virtuellen Regal zu haben. Software ist aufs Neue trendy, und gesetzt hat diesen Trend, mal wieder, Apple - im Juli 2008 mit dem "App Store" für das iPhone.
In diesem werden inzwischen mehr als 15.000 Handy-Programme angeboten. Mehr als eine halbe Milliarde Software-Downloads verzeichnet das Portal bereits. Die Produktpalette des "App Stores" reicht von Computerspielen über Nützliches wie mobile Fahrplanauskünfte und Übersetzungstools, weniger Nützliches wie ein Programm, mit dem das iPhone zur Fernbedienung für die Audio-Software iTunes wird, bis hin zu komplett Sinnfreiem wie einem virtuellen Bierglas, das man austrinken kann, indem man das iPhone seitlich neigt:
Das Konzept des "App Store", das nun immer mehr Konkurrenten kopieren, ist so einfach wie bestechend: Jeder kann eigene Anwendungen programmieren. Nach einem Qualitätscheck durch das Unternehmen wird die Software dann im Store veröffentlicht und ein Preis definiert. Der Programmierer erhält bei jedem Download 70 Prozent der Erlöse, Apple den Rest.
Man kann den "App Store" als konsequente Aktivierung der vielbeschworenen Schwarmintelligenz bezeichnen, auf jeden Fall hat er drei entscheidende Vorteile:
Gerade Punkt zwei ist ein entscheidendes strategisches Vehikel für den hart umkämpften Mobilfunkmarkt. Das Wachstum der Handy-Verkäufe ist 2008 stark von der Wirtschaftskrise gebremst worden. Das IT-Marktforschungsunternehmen IDC ermittelte ein Plus von 3,5 Prozent auf gut 1,18 Milliarden verkaufte Mobiltelefone - prognostiziert war ein Wachstum von zehn Prozent. 2007 waren es noch zwölf Prozent. Neuer Hoffnungsträger sind die sogenannten Smartphones - eine Mischung aus Handy und Mini-Computer. Ihr Absatz stieg im vergangenen Jahr nach Nokia-Schätzungen um 37,6 Prozent auf 161 Millionen. Für dieses Jahr wird ein Anstieg auf 190 bis 200 Millionen verkaufte Smartphones erwartet. Branchenkenner erwarten, dass sie andere Geräte nach und nach ablösen werden.
Seit dem Siegeszug von Apples iPhone (siehe Bilderstrecke) setzt sich mehr und mehr das Smartphone mit dem Touchscreen als Standard durch. Viele der großen Player bieten inzwischen entsprechende Modelle an. Das aber bedeutet, dass es schon jetzt wieder zusätzlicher Alleinstellungsmerkmale bedarf, um gegen die Konkurrenz zu bestehen. Ein wichtiges ist derzeit der eigene Software-Shop, in dem Nutzer Touchscreen-Telefone individuell an ihre Bedürfnisse anpassen können.
Das Gleichziehen mit der Konkurrenz - wie es Microsoft und Nokia derzeit mit ihren Application Stores betreiben - ist dabei weniger eine Option als eine Notwendigkeit. Die Smartphone-Revolution hat die Machtverhältnisse auf dem Markt der mobilen Endgeräte in ihren Grundfesten erschüttert. Beherrschte Nokia Ende 2007 noch einen Anteil von über 50 Prozent im Smartphone-Segment, waren es Ende 2008 gerade noch 37 Prozent. Die Anteile von Apple und dem Blackberry-Hersteller Research in Motion stiegen dagegen deutlich.
Der Suchmaschinenriese hat auf die neue Online-Shop-Offensive von Nokia und Microsoft bereits reagiert: Rühmte sich Google bis Mitte Februar noch damit, sämtliche Dienste im "Android Marketplace" umsonst anzubieten, können Programmierer in den USA inzwischen Geld für ihre Dienste verlangen. Auch in Deutschland soll das bald möglich sein. Angesichts der wachsenden Webshop-Konkurrenz blieb Google kaum eine Wahl, um für Programmierer attraktiv zu bleiben.
Während sich die großen Player gerade mit ihren Shops im mobilen Netz positionieren, sprechen Branchenkenner schon vom nächsten Hype. Sie schätzen, dass die Mobilsoftware-Shops in wenigen Jahren wieder obsolet sein werden - spätestens wenn schnelle Mobilfunkstandards flächendeckend verfügbar sind und das Internet auf dem Handy ebenso dargestellt werden kann wie heute auf PC oder Laptop.
Dann nämlich könnten kleine Programme, die aktuell in den Mobilfunk-Stores verkauft werden, direkt im Browser dargestellt werden. Aufwendigere Software dagegen lässt sich bei entsprechend schneller Mobilverbindung auf einen zentralen Server auslagern - und dann von einem beliebigen Endgerät aus ansteuern. Bereits heute experimentieren alle großen IT-Player mit solchen "Cloud Computing"-Konzepten (siehe Infobox).
Der aktuelle Hype um mobile Applikationen dürfte so gesehen ein kurzer sein, aus Marketing-Perspektive ergibt er dennoch Sinn. Denn er ist ein weiterer Schritt in den nächsten, wirklich großen Zukunftsmarkt: das mobile Internet.
Laut Paul Huppertz, Spezialist für Cloud Computing beim IT-Beratungsunternehmen Avanade, bereiten sich die Mobilfunk-Riesen bereits auf den nächsten Goldrausch vor - und stecken mit ersten mobilen Diensten schon mal die Claims für das kommende Jahrzehnt ab. Tatsächlich gehen derzeit schon 41 Prozent der Mobilfunk-Nutzer in Europa und 71 Prozent in den USA davon aus, dass sie demnächst täglich unterwegs Daten-Dienste nutzen werden. Das ergab eine Umfrage des Marktforschers Nielsen und des Telekommunikations-Dienstleisters Tellabs - und iPhone-Anwender nutzen der Erhebung zufolge besonders intensiv das mobile Internet.
"Anbieter wollen das mobile Netz schon jetzt nachhaltig mit den eigenen Brands, Logos und Diensten besetzen", sagt Huppertz. "Alle großen Player im Markt der mobilen Sprach- und Datenkommunikation, von Nokia über Google bis Microsoft, ringen darum, die potentiellen Konsumenten durch attraktive Angebote in ihre jeweilige Wolke zu ziehen."
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