Mittwoch, 10. Februar 2010

Wirtschaft



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26.02.2009
 

Monopol-Streit

Ulla Schmidts Apotheker-Allianz ärgert Experten

Von Corinna Kreiler

Das Apotheken-Monopol in Deutschland sorgt weiter für Zank: Gesundheitsministerin Schmidt verteidigt vehement die Apotheken und warnt vor Medikamentenfälschern. Aber nicht einmal ihre eigenen Experten können Schmidts Argumente nachvollziehen.

Hamburg - Wer in Deutschland an einem Wehwehchen leidet, hat es selten weit zur nächsten Apotheke. Im Extremfall sind es nur ein paar Schritte, wie am Tibarg im Hamburger Stadtteil Niendorf. Dort reihen sich auf einer Strecke von 200 Metern gleich fünf Arzneiausgaben aneinander.

So wie in der Einkaufsstraße im Norden der Hansestadt sieht es mancherorts aus in der Bundesrepublik. Die Apotheken sind in Deutschland eine der größten Einzelhandelsgruppe, rund 21.500 Filialen gibt es hierzulande.

Tabletten: Steigt mit der Liberalisierung die Gefahr gefälschter Pillen?
DPA

Tabletten: Steigt mit der Liberalisierung die Gefahr gefälschter Pillen?

Experten ziehen gegen diese Apothekendichte zu Felde. "Die Überversorgung ist unnötig und teuer", sagt Gerd Glaeske, Gesundheitsökonom an der Uni Bremen und Mitglied im Sachverständigenrat Gesundheit, der die Bundesregierung berät. Profiteur ist seiner Meinung nach die deutsche Apothekerzunft, die es sich - abgeschirmt vom Wettbewerb - im Monopol gemütlich gemacht und eine Apotheke nach der anderen gegründet hat.

Das Apotheken-Monopol ist in Deutschland per Gesetz festgelegt, auf Amtsdeutsch heißt es Mehr- und Fremdbesitzverbot. Die Regelung erlaubt nur studierten Pharmazeuten den Besitz einer Apotheke, plus drei Filialen. Das Gesetz verhindert, dass Konzerne wie der niederländische Versandhändler DocMorris auf den Markt drängen und Apothekenketten entstehen, wie sie in Großbritannien oder den Niederlanden längst üblich sind.

Marktbeobachter rechnen zwar seit Jahren damit, dass das Monopol auch in Deutschland fällt. Doch die Liberalisierung findet nicht statt: Der Europäische Gerichtshof (EuGH) wird die Entscheidung höchstwahrscheinlich der Bundesregierung überlassen - und die zeigt keinerlei Interesse an einer Öffnung des Markts, auch wenn die eigens engagierten Experten sie dazu auffordern: "Sowohl wir Gesundheitsweisen als auch die Wirtschaftsweisen unter Bert Rürup haben der Bundesregierung dringend geraten, das Monopol aufzuheben", sagt Glaeske.

Dass Gesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) sich dem Rat widersetzt, ist für Glaeske fachlich nicht nachvollziehbar. "Mit der Liberalisierung würde ein Preis- und Qualitätswettbewerb in Gang gesetzt, der den Krankenkassen und den Patienten dient", sagt der Experte.

Doch Schmidt bleibt hart. "Wir wollen das Fremdbesitzverbot nicht aufheben", sagte ihr Sprecher Klaus Vater. Die Ministerin selbst verkündete im Branchen-Blatt "Apotheken-Umschau": "Wir wollen keine Apothekenketten." Die Argumentation des Ministeriums: Eine Marktöffnung wäre zu gefährlich. Schließlich könnten dann die Arzneimittelsicherheit, die Verlässlichkeit der Versorgung und die kompetente Beratung der Kunden nicht mehr garantiert werden.

Apotheker warnen vor Konzernen

Genau so argumentiert auch der Lobbyverband der Apothekenbetreiber: "Wenn die Apotheker nicht mehr unabhängig sind, steht das Gewinninteresse eines Konzerns im Vordergrund", sagt ein Sprecher der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände. Und dann sei die Versorgung nicht mehr verlässlich, der ethische Umgang mit Arzneimitteln nicht mehr garantiert.

Stimmt nicht, argumentiert der Gesundheits-Sachverständigenrat. Den Experten zufolge ist es nicht entscheidend, ob Fremdkapital in einer Firma steckt oder nicht. Was zählt, ist die Unternehmensethik. Das zeige sich am Beispiel der privaten Krankenhäuser, durch die sich Transparenz sowie Leistung und Qualität im Gesundheitssektor schon aus Wettbewerbsgründen verbessert haben - obwohl Klinik-Konzerne wie Asklepios gewinnorientiert sind.

Auch die Warnung vor gefälschten Arzneimitteln, die Apothekerverband und Bundesregierung als Argument gegen die Liberalisierung anführen, ist nach Ansicht von Glaeske irreführend: "Auch nach der Liberalisierung werden die Apotheken vom Großhandel beliefert und dort finden intensive Kontrollen statt." Die Quote der gefälschten Medikamente in Deutschland liege deutlich unter 0,5 Prozent - eine Quote, die vernachlässigt werden könne, findet Glaeske. Das gilt auch für die deutschen und holländischen Versandapotheken, denn auch sie bekommen ihre Arzneimittel für den deutschen Markt vom Großhandel.

Zudem handelt es bei den gefälschten Medikamenten gar nicht um ein Apotheken-Problem: Der illegale Handel findet hauptsächlich im Internet statt, und dem ist auch mit Arzneimittelrecht nicht beizukommen. Die Pillen werden schließlich nicht über Apotheken oder Versandapotheken verkauft.

Beratung in Apotheken ist mangelhaft

Das Argument, dass nur studierte Pharmazeuten siechende Kranke kompetent beraten könnte, lässt Glaeske ebenfalls nicht gelten: "Studien belegen, dass die Beratung in Apotheken zu einem Drittel verbesserungsbedürftig ist." Von der Liberalisierung erhofft Glaeske sich deshalb sogar Fortschritte - schließlich bringt Beratung dann einen Wettbewerbsvorteil und somit einen Anreiz für Apotheker, sich von Konkurrenten abzuheben.

Doch im Gesundheitsministerium interessiert man sich nicht für die Argumente der Sachverständigen: "Herr Glaeske vertritt eine Einzelmeinung, wenn er persönlich für die Sicherheit garantieren könnte, würden wir die Liberalisierung befürworten", sagt Ulla Schmidts Sprecher Vater auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE. Glaeske bestreitet das: "Ich stehe natürlich erst einmal für mich, aber mit den Experten aus dem Sachverständigenrat gemeinsam." Es gebe keine empirischen Beweise dafür, dass die Liberalisierung mit einer Verringerung der Sicherheit und Verlässlichkeit sowie mit einer schlechteren Beratung verbunden sei.

Da sich die Bundesregierung dennoch so vehement dem Rat ihrer Berater widersetzt, lässt für Glaeske nur einen Schluss zu: "Der Einfluss der Apothekerlobby auf die Regierung ist offenbar groß." Und das Apotheken-Monopol bleibt in Deutschland wohl noch eine Weile erhalten.

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