GM-Krise
Opel braucht mehr Hilfe vom Staat
Die Finanzkrise bei Opel weitet sich aus: 1,8 Milliarden Euro Bürgschaften sind beim Bund angefragt, doch dieser Rahmen reicht nach SPIEGEL-Informationen bei weitem nicht aus. Wirtschaftsminister Guttenberg verstärkt nun den Druck auf das Unternehmen - und verlangt ein stimmiges Sanierungskonzept.
Hamburg - Die Rüsselsheimer Adam Opel GmbH benötigt nach SPIEGEL-Informationen weit höhere Staatsbürgschaften als bislang bekannt. Danach beziffert die Bundesregierung den Liquiditätsbedarf des Konzerns aktuell mit rund 3,3 Milliarden Euro. Bislang war von Bürgschaften im Umfang von 1,8 Milliarden Euro die Rede.
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Insignia-Fertigung bei Opel in Rüsselsheim: 3,3 Milliarden Euro nötig
Sollte eine staatliche Kreditgarantie tatsächlich erforderlich werden, will Wirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg die Folgen für den Arbeitsmarkt berücksichtigen. "Die Sicherung von Arbeitsplätzen in einem Konzernteil sollte nicht zum Verlust von Arbeitsplätzen woanders führen." Zudem müsse "das Unternehmen schlüssig darstellen, wie es zu wirtschaftlichem Erfolg zurückfinden will", sagte er dem SPIEGEL.
Seehofer weist auf Grenzen staatlichen Handelns hin
Im neuen SPIEGEL 9/2009:
Darf der Staat Opel retten?
Der bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer äußerte sich skeptisch zu Staatshilfen. Zwar hält er die Rufe nach dem Staat für "nachvollziehbar. Wir müssen uns aber auch darauf besinnen, wo in der Sozialen Marktwirtschaft die Grenzen für staatliches Eingreifen liegen. Es nützt niemandem, wenn die Politik mit dem Geld der Steuerzahler nicht sorgsam umgeht und so tut, als könnte sie jede einzelne Unternehmensinsolvenz verhindern".
General Motors
(GM) hatte angekündigt, weltweit 47.000 Stellen abbauen zu wollen, davon 26.000 außerhalb der USA. Insgesamt würden ferner bis zu 30 Milliarden US-Dollar an Staatshilfen benötigt. Sechs Milliarden Dollar davon sollen außerhalb der USA zusammengetragen werden, unter anderem in Deutschland. Mit der Bundesregierung verhandelt Opel wegen der GM-Schieflage über eine Bürgschaft.
Die CSU will solche Finanzhilfen allerdings von bestimmten Auflagen abhängig machen. Generalsekretär Alexander Dobrindt forderte den US-Mutterkonzern GM auf, den Weg für einen Neuanfang von Opel freizumachen. "Deutschland muss GM klarmachen, dass es Finanzhilfen vom Bund nur gibt, wenn im Gegenzug Opel aus dem GM-Konzern herausgelöst wird", sagte er am Freitag der "Bild"-Zeitung. Zu einem Neuanfang gehöre auch, dass GM endlich seine konzerninternen Schulden von über eine Milliarde Euro bei Opel begleiche. "Die deutschen Autohersteller könnten sich nun mit Opel im besonders zukunftsträchtigen Segment der Klein- und Mittelklassewagen breiter aufzustellen."
Experten sehen keine deutsch-deutsche Kooperation
SPIEGEL ONLINE
Grafik: Opelstandorte in Deutschland
Ein Vorschlag, der bei Experten auf wenig Gegenliebe stößt: Der Direktor des Instituts für Automobilwirtschaft, Willi Diez, hält ihn sogar für falsch. Er glaubt, dass deutsche Autohersteller nicht als strategischer Partner für Opel in Frage kommen. Volkswagen

baue zwar von 2012 an die Kleinwagen-Familie "up" und könnte sich daher für eine Fertigung im Opel-Werk Eisenach interessieren, sagte Diez der Zeitung. Dennoch sei die Wahrscheinlichkeit gering, dass ausgerechnet VW den Erzrivalen auf dem Inlandsmarkt unterstützen würde. Das gleiche gelte für Mercedes und BMW

, die bereits gemeinsam Hybridmotoren entwickeln und beim Einkauf kooperieren wollen.
Chancen für eine Kooperation sieht er dagegen bei der Gruppe PSA Peugeot
/Citroën, die zuletzt Verluste eingefahren hat und Geld aus dem französischen Rettungsfonds benötigt. PSA fehle anders als Renault
/Nissan und Fiat
/Chrysler ein starker Allianz-Partner, der beim Einsparen beträchtlicher Kosten helfe.
SZENARIEN: DIE ZUKUNFT VON GM-TOCHTER OPEL
Eine Lösung wäre, eine europäische Gesellschaft zu gründen,
in der die Marken Opel, Vauxhall und Saab zusammengefasst
werden. Diese GM-Tochter müsste einen eigenen Zugang zum
Kapitalmarkt haben, eigene Markenrechte und Lizenzen für
Entwicklungen und Technologien besitzen. An dieser rechtlichen
Einheit könnten sich die Standortländer und andere Investoren
beteiligen. Um das durchzusetzen, ist wohl politischer Druck auf europäischer Ebene nötig.
GM-Europa-Chef Carl-Peter Forster bemüht sich in Europa um
Staatshilfen von mehr als drei Milliarden Dollar. Für Opel hat
das Unternehmen in Deutschland eine Bürgschaft über knapp zwei
Milliarden Euro für 2009 und 2010 beantragt, für Saab in
Schweden über bis zu einer Milliarde Dollar. Bislang gibt es aber
noch keine verbindlichen Zusagen von den Regierungen. Wenn GM -
wie angedroht - auch in Europa Werke schließen sollte, dürften
diese Bürgschaften jedoch gefährdet sein. Schweden hatte in Aussicht gestellt, der heimischen Autoindustrie bis zu 25 Milliarden Kronen für Kreditgarantien und Notkredite zur Verfügung zu stellen - unter der Voraussetzung, dass das Geld in Schweden bleibt und damit
Arbeitsplätze erhalten werden. Auch die deutsche Bundesregierung
knüpft Staatshilfen an die Bedingung, dass diese nicht letztlich
der Mutter in Detroit zugutekommen.
Weniger aussichtsreich sind Lösungen auf regionaler oder
nationaler Ebene. Die Adam Opel GmbH allein ist ebensowenig
überlebensfähig wie Produktionsgesellschaften in einzelnen
Ländern.
Auch die Opel-Händler sind bereit, bei der Rettung von Opel
zu helfen. Sie haben eine Beteiligung an dem Autobauer ins Spiel
gebracht, wollen das aber nicht allein schultern. Denkbar wäre
auch eine Zusammenarbeit mit einem ausländischen Investor. Wie
für andere Möglichkeiten auch, müssten die Regierungen der
Opel-Länder in Europa und der Autobauer selbst zunächst ein
Konzept für die Zukunft des Unternehmens erarbeiten.
Denkbar ist auch, dass sich Länder und Regionen bereit
erklären, Gebäude und Einrichtungen von GM zu kaufen und sie an
den US-Konzern zurückzuvermieten oder -verleasen
(Sale-and-lease-back). Das ist nach Meinung von Experten relativ
schnell umzusetzen und hätte für GM den Vorteil, dass der
US-Konzern kurzfristig dringend benötigtes Geld für seine
Sanierung bekäme.
Diese Möglichkeit versuchen derzeit alle Beteiligten mit
allen Kräften zu verhindern. Es ist allerdings nur schwer
vorstellbar, dass GM angesichts dringend benötigter Kleinwagen
für den US-Markt die Entwicklungskapazitäten seiner Tochter in
Rüsselsheim aufgibt.
Auch im indischen Tata-Konzern

, der bereits Jaguar und Land Rover übernommen hat, sowie in den chinesischen Herstellern Chery und Geely sieht Diez potenzielle Interessenten für Opel.
Opel beschäftigt mehr als 25.000 Menschen in seinen deutschen Werken in Hessen, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und Thüringen. Der Hersteller kündigte an, "sehr bald" das von der Politik geforderte Rettungskonzept zu präsentieren. "Daran arbeiten wir mit Hochdruck", sagte ein Firmensprecher.
Die Länder mit Opel-Werken, der Bund und die Gewerkschaft IG Metall machen ein Sanierungskonzept zur Voraussetzung dafür, dass sie sich an der Rettung des Unternehmens beteiligen. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sagte: "Wenn wir dieses Konzept haben, werden wir beraten." Darin müssten die Elemente einer Zukunftssicherung für Opel enthalten sein.
suc/sam/ddp