SPIEGEL ONLINE: Herr Goudsblom, Lidl ist billig, Lidl ist schnell - jetzt wollen Sie auch noch nachhaltig werden. Wie soll das funktionieren?
Goudsblom: Billig heißt ja nicht unbedingt, dass man nicht nachhaltig ist. Man kann billig sein und sehr gute Qualität bieten.
Lidl-Einkaufstüten im Kassenbereich einer Filiale: "In einer Firma mit 50.000 Mitarbeitern werden Sie immer Leute finden, die sich nicht wohlfühlen"
SPIEGEL ONLINE: Das alleine ist aber noch nicht nachhaltig ...
Goudsblom: Nein - aber wir haben in den vergangenen Jahren erkannt, dass das Thema "soziale Verantwortung" eine immer größere Rolle spielt. Wir sind eine schlanke Firma, deshalb können wir schnell auf solche Anforderungen reagieren. Und weil wir ein großes Unternehmen sind, setzen wir damit auch Maßstäbe.
SPIEGEL ONLINE: Allerdings nicht immer ganz freiwillig: Greenpeace prangerte 2005 die hohen Pestizidwerte in Ihrem Obst- und Gemüse an ...
Goudsblom: ... und wir haben umgehend reagiert. Wir wurden genauso bewertet wie alle anderen, sind dann aber sehr schnell zum Vorreiter geworden.
Goudsblom: Nehmen Sie unser Fischsortiment: Wir sind ebenfalls von Greenpeace darauf aufmerksam gemacht worden, dass der Rotbarsch zu den am stärksten bedrohten Fischsorten der Welt zählt. Deshalb haben wir ihn vor drei Jahren aus dem Sortiment genommen - obwohl er der zweitstärkste Artikel beim Umsatz in diesem Bereich war. Wir sind außerdem das erste Handelsunternehmen, das damit angefangen hat, in großem Umfang Produkte mit dem MSC-Siegel zu verkaufen, das einen umweltgerechten Fischfang garantiert.
SPIEGEL ONLINE: Was tun Sie im Bereich soziale Verantwortung?
Goudsblom: Das ist ein breites Feld. Ich will nicht verhehlen, dass uns da auch das "Schwarzbuch" die Augen geöffnet hat. Natürlich werden Sie in einer Firma mit 50.000 Mitarbeitern immer Leute finden, die sich nicht wohlfühlen. Aber wir haben inzwischen eigene Leitlinien für den Umgang mit Mitarbeiter und Lieferanten. Außerdem bezahlen wir unseren Mitarbeitern alle Überstunden, und die Löhne sind übertariflich.
SPIEGEL ONLINE: Wenn Sie aber doch so viel Gutes tun, warum ist das Image von Lidl dann immer noch so schlecht?
Goudsblom: So etwas wie das "Schwarzbuch" und die Bespitzelungsaffäre, das kriegen Sie nicht von heute auf morgen gelöst. Wann immer es etwas Schlechtes aus dem Handel zu berichten gibt, ist es natürlich medienwirksam, immer Lidl als Beispiel zu nehmen.
SPIEGEL ONLINE: Heißt das, Sie fanden die Berichterstattung über den Spitzelskandal unfair?
Goudsblom: Nein, überhaupt nicht. Die Schuld lag eindeutig bei uns. Wir haben große Fehler gemacht, die sind inzwischen abgestellt und werden uns nicht mehr passieren. Daraus haben wir gelernt und versuchen, uns in Zukunft besser zu präsentieren.
SPIEGEL ONLINE: Erwarten die Kunden im Discounter überhaupt nachhaltige Produkte?
Goudsblom: Ja - sonst hätten wir zum Beispiel vor vier Jahren nicht unser Fairglobe-Sortiment eingeführt. Wir sind nicht mehr der klassische Discounter wie vor 20 Jahren, der nur eine begrenzte Warenanzahl hat. Da hat uns einfach ein Teil im Sortiment gefehlt - und darauf haben uns die Kunden angesprochen.
SPIEGEL ONLINE: Wird das auch so bleiben, wenn die Kunden wegen der Wirtschaftskrise weniger Geld in der Tasche haben?
Goudsblom: Ja - denn der Kunde wird eher auf zwei Tage Urlaub als auf den Genuss zu Hause verzichten. Ich habe deshalb keine Angst: Bio hat ein stabiles Wachstum in den vergangenen Jahren vorgelegt und einen festen Platz im Sortiment.
SPIEGEL ONLINE: Das war auch der Grund, warum Sie im vergangenen Jahr bei der Bio-Supermarkt-Kette Basic einsteigen wollten. Allerdings rebellierten die Kunden, der Deal platzte. Wo wollen Sie sich jetzt beteiligen?
Goudsblom: Nirgends. Wir verkaufen Bio in unserem Sortiment und geben überproportional viel Geld für die Werbung aus. Bio ist ein Teil unseres Angebots geworden. Keine Nische, sondern Teil des Hauptgeschäfts.
SPIEGEL ONLINE: Reicht das, um künftig tatsächlich als nachhaltiges Unternehmen wahrgenommen zu werden?
Goudsblom: Wir sind keine perfekte Firma. Auch wir müssen noch viel verbessern, vor allem, was die Transparenz und den Umgang mit Mitarbeitern angeht. Aber das Thema steht bei uns ganz oben auf der Tagesordnung. Wir haben auch kein Problem damit, kritisch angeschaut zu werden - aber wir wollen, dass wir dabei mit den anderen Wettbewerbern verglichen werden.
Das Interview führte Susanne Amann
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