Aus Rüsselsheim berichtet Anne Seith
Rüsselsheim - Frank-Walter Steinmeier blickt in die Menge, als wäre sie nur seinetwegen hier. Tausende stehen vor ihm, vor dieser kleinen Bühne am Opel-Werk in Rüsselsheim, und Steinmeier lächelt erstaunt und begeistert zugleich, der Mund ist leicht geöffnet, der Kopf nach vorne gestreckt. Vielleicht sieht er sich in Gedanken einen kurzen Moment schon im Wahlkampf.
Frank-Walter Steinmeier: "Ich werde an Eurer Seite kämpfen"
Der Gedanke, dass ein guter Teil dieser Menge bald zum wütenden Heer der Arbeitslosen gehören könnte, scheint ihm jedenfalls nicht zu kommen. Auch die hohen, eigentlich unerfüllbaren Erwartungen, die viele in der Menge da unten an ihn haben, schüchtern ihn nicht ein.
Die meisten Gesichter im Publikum sind ernst. Es geht hier um die blanke Existenz. Wenn nicht bald was passiert, wird Opel gemeinsam mit dem US-Mutterkonzern General Motors (GM) im Sumpf der Finanz- und Wirtschaftskrise untergehen. 31 Milliarden Dollar Verlust hat GM 2008 geschrieben - allein im vierten Quartal wurden zehn Milliarden Dollar versenkt. Das Unternehmen hat gigantischen Kapitalbedarf - und bereits angekündigt, allein bei den europäischen Töchtern 26.000 Jobs streichen zu wollen.
Opel-Mitarbeiter "nicht weniger wert als Banker"
Für die, die in Rüsselsheim stehen, ist klar: Opel muss raus aus dem kranken Konzerngebilde. Die Gewerkschaft IG Metall will, dass der Autobauer sich gemeinsam mit der britischen Schwester Vauxhall selbständig macht. Ohne Staatshilfe freilich geht das nicht - irgendwer muss die Töchter schließlich rauskaufen aus den USA. Und in der angeschlagenen Autobranche dürfte sich derzeit kaum ein Interessent finden. Also soll der Staat ran.
IG-Metall-Chef Berthold Huber will Steinmeier gleich vor Ort in die Pflicht nehmen. Also heizt Huber die Menge ordentlich an. Wenn zig Milliarden in den Bankensektor gesteckt würden, könne es nicht sein, dass die Politik den "industriellen Kern, für die Basis des Wohlstandes keinen Cent aufbringen will", brüllt der Gewerkschafter mit heiserer Stimme. Die Opel-Mitarbeiter seien "nicht weniger wert als Banker und Banken." Lautes Gebrüll und Pfeifen sind die Antwort.
Und dann ist der "liebe" Frank-Walter Steinmeier dran, den Huber ausdrücklich gebeten hat, "dazu was zu sagen".
Eine ziemlich schwierige Aufgabe. Denn das, was die Belegschaft da fordert, ist so einfach nicht. Denn dass "GM tot ist ohne Opel", wie es ein Mitarbeiter stolz formuliert, ist nur ein Teil der Geschichte. Die deutsche Tochter ist zentral für den Konzern, weil sie unter anderem für die Modellentwicklung des Konzerns zuständig ist.
Aber ist nicht auch Opel tot ohne GM?
Opel mag eine Traditionsmarke sein, aber der Glanz des Blitzes ist verblasst. Der Marktanteil rutschte in Deutschland von rund 17 Prozent zu Beginn der neunziger Jahre auf zuletzt acht Prozent. Zwar zog Europa-Chef Carl-Peter Forster 2005 in seinem Zuständigkeitsbereich eine Radikalsanierung durch - alleine in Deutschland wurden 9000 Jobs gestrichen. Qualitätsprobleme wurden beseitigt, die Fabriken produktiver.
Steinmeier und Merkel geht es ums Prinzip
Doch auf dem Weg zurück an die Spitze der deutschen Autoindustrie wurde der Hersteller von der Finanzkrise ausgebremst. Zudem sind sich viele Branchenexperten einig: Allein und auch im Verbund mit Vauxhall ist Opel zu klein, um zu bestehen. Gerade 1,5 Millionen Wagen produzieren die beiden Unternehmen im Jahr - um überleben zu können, müsse es ein Konzern mindestens auf drei Millionen bringen, heißt es in der Branche.
Autoexperten wie Ferdinand Dudenhöffer glauben trotzdem an eine Lösung: Sie liege in weitgehenden Kooperationsabkommen mit anderen Herstellern für die Entwicklung neuer Plattformen oder auch bei der Produktion. Auch General Motors könnte an einer neuen Opel SE beteiligt bleiben, schreibt Dudenhöffer in einer Studie - so könnten die Amerikaner weiter ihre Modelle in Deutschland entwickeln lassen.
Doch Opel aus dem engen GM-Geflecht herauszulösen, könnte Jahre dauern, halten Kritiker dagegen. Zudem fehlten Opel etwa im Gegensatz zu Volkswagen viele wichtige internationale Absatzmärkte.
Ob und wann ein neues europäisches Unternehmen überhaupt ein tragfähiges Geschäftsmodell aufbauen kann, steht demnach in den Sternen. Das Engagement des Staates wäre eine Wette auf eine ungewisse Zukunft.
Für Steinmeier und seine aktuelle Chefin, Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), geht es ums Prinzip. Die Bankenrettung war eine Sache - gibt man aber Opel Kredite und Bürgschaften oder steigt der Staat gar bei dem Unternehmen ein, könnten schnell auch Manager anderer Krisenfirmen die Hand aufhalten.
In Rüsselsheim rechnet man anders. 29.000 Menschen arbeiten für Opel in Deutschland, in der Zulieferindustrie sind noch einmal Zehntausende Jobs bedroht. "Ich bin seit mehr als 20 Jahren bei Opel", sagt ein Werkzeugmacher. Wenn das Werk in Bochum schließe, werde er auf der Straße stehen. "Mit 48. Und meine Tochter studiert gerade." Wie solle er das künftig finanzieren? Ein anderer Demonstrant sagt, er sei viel zu sehr auf die Opel-Produktion spezialisiert für einen anderen Job. "Meinen eigentlichen Beruf als Elektriker habe ich doch längst verlernt."
"Opel, das sind Erinnerungen"
Dieser Konzern ist ein Stück deutsche Geschichte, das weiß auch Steinmeier. "Opel, das sind Erinnerungen", ruft er in die Menge. Das Unternehmen stehe für "ein Stück vom Wohlstand, das sich alle leisten konnten". Eine Pleite wäre ein erschreckendes Zeichen dafür, wie tief die deutsche Wirtschaft im internationalen Schlamassel steckt.
Die Regierung ist in der Zwickmühle - sie will auf keinen Fall bei einem kranken Unternehmen die finanzielle Verantwortung übernehmen ohne eine klare Perspektive. So setzt Berlin erst einmal auf das Lösungsmodell, das der Opel-Aufsichtsrat am Freitag beschließen will - und darauf, was die Manager in Detroit dazu sagen. Die Führung des US-Konzerns sei in der "Bringschuld", wettert Steinmeier.
Es müsse eine europäische Lösung gefunden werden, sagt der Kanzlerkandidat außerdem - und warnt vor "jeder Art von Wirtschaftsprotektionismus". "Dieser Tag kann die Geburtstunde einer europäischen Industriepolitik werden." Wie so ein Modell allerdings aussehen soll, sagt er nicht. Nur dass es "ein bisschen Zeit" dauern werde, bis eine Lösung da sei.
Solange setzt der Kanzlerkandidat der SPD auf Solidaritätsbekundungen. "Ich werde an Eurer Seite kämpfen", ruft er. Oder: "Opel, das ist mehr als nur Autos." "Dünne", findet das eine Zuschauerin. "Solidarität hin oder her, da muss doch mehr kommen."
Immerhin: Einige Sätze sagt Steinmeier doch noch, die zumindest aufmerksame Zuhörer als Versprechen deuten. "Was jetzt in Deutschland wegbricht, das kommt nicht wieder. Auch die Politik darf davor nicht weglaufen." Mehr habe er nicht hören wollen, sagt ein Mann nüchtern.
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