Washington - Die Zahlen sind dramatischer als angenommen, die US-Wirtschaft kann sich dem Sog der weltweiten Finanzkrise nicht entziehen: Die Entwicklung des Bruttoinlandsprodukt (BIP) fiel deutlich schlechter aus als von Experten und der US-Regierung erwartet. Demnach ist das BIP im letzten Quartal 2008 berechnet auf das Gesamtjahr um 6,2 Prozent gesunken, teilte das US-Handelsministerium am Freitag in Washington in einer zweiten Schätzung mit. Das ist der stärkste Rückgang seit Anfang 1982.
Bauarbeiter in New York: Schnelle Erholung der US-Wirtschaft nicht in Sicht
In einer ersten Schätzung war noch mit einem Minus von 3,8 Prozent gerechnet worden. Volkswirte hatten eine Korrektur auf minus 5,4 Prozent erwartet. Im dritten Quartal war die US-Wirtschaft um lediglich 0,5 Prozent geschrumpft.
Grund für den Einbruch am Jahresende waren stark sinkende Konsumausgaben und Exporte. Die Verbraucher schränkten ihre Ausgaben um 4,3 Prozent ein. Das ist das größte Minus seit Frühjahr 1980. Die Exporte brachen sogar um 23,6 Prozent ein. Einen stärkeren Rückgang gab es zuletzt 1971.
"Schärfste Rezession seit dem Zweiten Weltkrieg"
Eine schnelle Erholung der weltgrößten Volkswirtschaft ist Experten zufolge nicht in Sicht. "Die USA befinden sich in der schärfsten Rezession seit dem Zweiten Weltkrieg, vermutlich seit den frühen Dreißigern", sagte Helaba-Experte Ulrich Wortberg. "Anzeichen für eine konjunkturelle Belebung gibt es bislang nicht."
Die USA stecken seit Dezember 2007 in der Rezession. Im Kampf gegen den Abschwung hatte die US-Notenbank Fed den Leitzins im Dezember auf eine historisch niedrige Spanne von null bis 0,25 Prozent gesenkt.
Wie wackelig gerade das US-Finanzsystem trotz aller Rettungspakete immer noch ist, zeigt Fannie Mae. Der marode größte US-Immobilienfinanzierer beantragte weitere 15,2 Milliarden Dollar. Das Unternehmen meldete erschreckende Abschlusszahlen des Geschäftsjahres 2008: Fannie Mae häufte einen Verlust von 58,7 Milliarden Dollar an. Allein im vierten Quartal wurde nach Unternehmensangaben ein Minus von 25,2 Milliarden Dollar erwirtschaftet.
Es war Fannie Maes sechster Quartalsverlust in Folge. Das Unternehmen ist einer der beiden großen Baufinanzierer in den USA. Die Krise an den Haus- und Kreditmärkten könnte 2009 sogar noch schlimmer werden, warnte Fannie Mae am Donnerstagabend in Washington. Auch beim etwas kleineren Wettbewerber Freddie Mac wird in den nächsten Tagen ein erneut hoher Milliardenverlust erwartet.
Neue Regeln für das Finanzsystem
Am Donnerstag hatte der neue US-Präsident Barack Obama angekündigt, das Finanzsystem der USA und weltweit besser kontrollieren zu wollen. "Wir können die Märkte des 21. Jahrhunderts nicht mit den Bestimmungen aus dem 20. Jahrhundert aufrechterhalten", sagte der US-Präsident nach einem Treffen mit Finanzminister Timothy Geithner und Wirtschaftsexperten von Demokraten und Republikanern im Kongress. Die USA müssten dafür Sorge tragen, dass auch andere Länder ihre Bestimmungen änderten, um zu verhindern, dass Krisen über die Grenzen schwappen: "Wir müssen begreifen, dass unsere Herausforderungen nicht nur amerikanische Herausforderungen sind, sondern weltweite."
Der US-Kongress soll nun strikte Regeln für Finanzgeschäfte aufstellen. Dem demokratischen Senator Charles Schumer zufolge will das Finanzministerium ein Regelwerk bis zum G-20-Gipfel am 2. April in London ausarbeiten. Dann wollen die Staats- und Regierungschefs der 20 wichtigsten Industrie- und Schwellenländer über das weitere Vorgehen im Kampf gegen die Finanz- und Wirtschaftskrise beraten und ein Konzept für eine neue Weltfinanzordnung erstellen.
Hinweis der Redaktion: In einer früheren Version dieses Artikels hieß es, das amerikanische Bruttoinlandsprodukt sei im vierten Quartal 2008 gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 6,2 Prozent geschrumpft. Diese Formulierung ist missverständlich. Tatsächlich ist das BIP berechnet auf das Gesamtjahr um 6,2 Prozent gesunken. Dies entspricht der gängigen amerikanischen Darstellungsweise: Prozentuale Veränderungen werden auf Jahresbasis angegeben ("annualisiert"), das heißt, die Veränderung wird auf ein ganzes Jahr hoch gerechnet. Wir bitten, die Ungenauigkeit zu entschuldigen.
sam/AP/dpa-AFX/Reuters
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