Von Nils Klawitter
Hamburg - Im Autohaus von Masoud Etehad gibt es einen Auslieferungsraum, in dem Kunden ihren neuen Wagen abholen. Am Mittwoch vergangener Woche übergab der Autohändler dort einen Saab. Es war der Tag, als im Stammwerk im schwedischen Trollhättan vorübergehend die Bänder stillstanden. Beim schwedischen Zoll hingen Zulieferteile fest, weil Gebühren nicht bezahlt worden waren. Nur ein paar Tage davor hatte der schwedische Autobauer Gläubigerschutz beantragt. Ihm droht die Insolvenz. Seitdem vibriert es im Autohaus Etehad.
Apokalyptiker rufen an, die sich die vermeintlich letzten Cabrios sichern wollen. Nervöse Kunden treten von Kaufverträgen zurück und sagen dann doch wieder zu. Nie zuvor hat der Händler derartige Emotionen erlebt. Viele fragen Etehad auch, "wie sie helfen können". Die Saab-Gemeinde gilt gemeinhin als zurückhaltend und scheint über die Jahre eine gewisse Krisenresistenz entwickelt zu haben. Und genau diese stoisch-skandinavische Autoseele, die braucht Etehad jetzt ziemlich dringend. "Das ist saabisch."
Den Auslieferungsraum hat er mit Urkunden geschmückt, die seine Firma in Halstenbek bei Hamburg als einen der besten Saab-Händler der Republik ausweisen. Die früheren Ehrungen sind teilweise mit Hand geschrieben. Manche sind mit Tusche verziert. Nach 1989 dominiert dagegen grafische Einöde. Eine "GM Academy" gratuliert mit sterilen Floskeln auf billigen Vordrucken. "Saabisch ist das nicht", findet Etehad. Der allmähliche Niedergang der schwedischen Kultmarke - für viele begann er 1989 mit dem Einstieg des US-Autobauers General Motors (GM).
Damals erwarben die Amerikaner 50 Prozent, seit 2000 gehört ihnen Saab komplett. Aus der Marke für Freiberufler mit Sponti-Erinnerungen und ausgeprägter Mercedes-BMW-Audi-Allergie wurde eine Plattform für die öde Großserientechnik der Amerikaner.
Nun ist Saab, einer der kleinsten Hersteller in Europa, das erste Opfer der weltweiten Auto-Absatzkrise, auch wenn Unternehmenschef Jan Åke Jonsson die drohende Pleite noch als Crash-Test für künftige Prosperität verkauft.
Er will die Verbindung zur akut angeschlagenen Mutter GM kappen. Zwar kann er - anders als die ebenfalls schwedische Ford-Tochter Volvo - nicht auf Staatshilfen bauen, aber Jonsson will mit Hilfe von Investoren neue Modelle entwickeln.
"Die möchten mal eine neue Armaturentafel sehen"
Darauf jedoch wartet die Fan-Gemeinde schon seit Jahren. Ihre Treue kann Etehad manchmal selbst kaum fassen. Einige seiner Kunden fahren zum fünften Mal hintereinander ein kaum verändertes Saab-Modell. "Die möchten einfach mal eine neue Armaturentafel sehen."
Aber wie lange kann eine Marke überleben, deren Mutter für 2008 gerade 30,8 Milliarden Dollar Verlust verkündet hat und deren Autobank GMAC ausgerechnet von Saab-Händlern bei Finanzierungen nun 20 Prozent mehr Sicherheiten haben will?
Am Nachmittag ist Michael Ahrendt gekommen, ein alter Kunde. Ahrendt hat sich im Internet auf einer Saab-Rettungsseite registrieren lassen, die zwei Dresdner Händler noch am Tag des Schutzantrags ins Netz stellten: "Saab, we can believe in!" In einer Woche unterschrieben mehr als 10.000 Fans. Sie wollen Geld sammeln und sich an Saab beteiligen.
Ahrendts hellblauer Saab 900 war vor 29 Jahren das zweite Auto, das Etehad verkaufte. Dass der gebürtige Iraner überhaupt Saab-Händler wurde, war Zufall, keine Zuneigung, Liebe allenfalls auf den dritten Blick, wie Saab das wohl gewohnt ist. "Nach der Meisterschule waren alle Marken vergeben und irgendwer riet mir: 'Mach doch Saab'." Ein Vertreter fuhr mit einem 900 Turbo vor, und Etehad dachte: "Oh Gott, wie hässlich!"
Sabbernder Zweitakter
Was soll diese Beule von Windschutzscheibe, warum muss der Zündschlüssel unten in die Konsole? Etehad durfte den Wagen nach Hause fahren. Er spürte zum ersten Mal das Turbo-Loch, ahnte, was die Schweden mit "Leistung auf Abruf" meinten, und las von der Tradition der einstigen Flugzeugfirma, die es nach dem Zweiten Weltkrieg erst mit Fertigteilhäusern, dann mit Booten und schließlich mit Autos probierte.
Das waren zunächst sabbernde Zweitakter. Ihren Nachfolgern gelang in den siebziger Jahren plötzlich der Sprung in die Moderne: Seitenaufprallschutz gegen Elch-Unfälle, aktive Kopfstützen, elektrisch beheizbare Sitze - alles Saab-Erfindungen. Etehad war begeistert.
Den Mythos des Querdenker-Autos, das Fortschrittlichkeit mit sozialem Engagement paart, eines "Automobils ohne Aggression" ("Die Zeit") gab es gratis dazu - wenn derlei auch immer weniger stimmte: Technische Raffinessen blieben aus, viele Saab-Modelle blieben relativ durstig.
Masoud Etehads Saab-Zukunft passt heute in einen kleinen Schnellhefter. Darin sind leicht vergilbte Kopien der neuen Modelle. Prospekte für seine Kunden hat er noch nicht, obwohl den Händlern bereits im Oktober der neue Saab 9-5 vorgestellt wurde. Es war zur 100-Jahr-Feier von GM in Köln. Im Mittelpunkt standen andere Modelle, der neue Geländewagen von Hummer etwa, der auch zur großen GM-Familie gehört. "Auf dem Wagen stand eine Art Indiana Jones mit Peitsche", erinnert sich Etehad. Es entsetzt ihn noch heute.
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