SPIEGEL ONLINE: Aber die Schweiz steht jetzt nun mal im Mittelpunkt der Kritik aus aller Welt - von Seiten der Deutschen, der Franzosen, der Briten und der USA.
Roth: Es ist zu kurz gegriffen zu sagen: "Es gibt eine dreckige Ecke, und das ist die Schweiz. Und die muss gesäubert werden." Wir sind nicht die Bösen auf der Welt. Wenn uns der britische Premier Gordon Brown kritisiert, dann muss ich an seine Hinterhöfe denken, an die Karibikinseln und Kanalinseln. Das sind echte Steueroasen. Es gibt in Großbritannien die Möglichkeit anonymer Trusts, während es bei uns längst keine anonymen Nummernkonten mehr gibt.
SPIEGEL ONLINE: Verstehen Sie nicht, dass europäische Staatschefs angesichts klammer Kassen wütend sind auf die Schweiz und der Ansicht sind, sie fördere die Steuerhinterziehung?
Roth: Das Bankgeheimnis ist nicht schuld an der Steuerhinterziehung, sie hat andere Gründe. Es ist auch interessant zu sehen, dass in der Schweiz eine vergleichsweise niedrige Hinterziehungsquote herrscht.
SPIEGEL ONLINE: Könnten Sie nicht ruhiger schlafen, wenn die Schweizer Banken nicht dauernd im Verdacht stünden, schmutzige Dinge zu tun?
Roth: Es geht nicht darum, ob ich ruhig schlafe. Es geht darum, dass ich mithelfen kann, den Finanzplatz zu fördern und dass die Interessen der Schweiz gewahrt sind. Ich bin nicht der Meinung, dass wir ein schlechtes Image haben.
SPIEGEL ONLINE: Die Schweiz gilt trotz zahlreichen Gesetzesverschärfungen immer noch als Hort von schmutzigen Geldern. Es ist ein Klischee, das in jedem James-Bond-Film abgerufen wird. Fühlen Sie sich wohl damit?
Roth: Nein, überhaupt nicht, deswegen versuche ich das seit Jahren richtigzustellen. Der Schweizer Finanzplatz ist in Wahrheit Vorreiter bei der Kriminalitäts- und bei der Terrorismusbekämpfung. Und wenn ein Potentat heute noch glaubte, er könne hier Geld verstecken, dann täuscht er sich - die Schweiz ist der einzige Staat, der etwa im Fall des nigerianischen Diktators Abacha das Geld gesperrt und dem Land zurückgegeben hat.
SPIEGEL ONLINE: Wieso steht denn die Schweiz immer im Rampenlicht?
Roth: Sie ist ein Ziel, das mit wenig politischen Risiken angegriffen werden kann. Und natürlich wegen ihrer Bedeutung: Nirgendwo auf der Welt werden so viele Offshore-Vermögen verwaltet wie in der Schweiz. Aber es ist falsch und absolut inakzeptabel, zu behaupten, wer in die Schweiz komme, habe bestimmt Steuern hinterzogen.
SPIEGEL ONLINE: Wie viel von den zwei Billionen Dollar in ausländischen Vermögen, die auf Schweizer Banken lagern, sind denn nun Schwarzgeld? 400 Milliarden, wie die "Berner Zeitung" schrieb?
Roth: Jede Zahl ist Spekulation, niemand weiß es. Wir fragen die Kunden ja auch nicht danach. Nicht akzeptabel ist, wenn Mitarbeiter in Banken das Bankgeheimnis im Hinblick auf Steuerhinterziehung vermarkten - was ja offenbar einzelne Angestellte der UBS gemacht haben.
SPIEGEL ONLINE: Und Sie glauben, die UBS sei da ein Einzelfall?
Roth: Die UBS war als einzige in einem Strafverfahren. Ich habe keine Hinweise auf andere Fälle.
SPIEGEL ONLINE: Basiert der Reichtum der Schweiz auf dem Bankgeheimnis?
Roth: Es ist sicher ein bedeutender Faktor. Neun Prozent der Bruttowertschöpfung erzeugt der Bankensektor, drei bis vier Prozent stammen aus dem Vermögensverwaltungsgeschäft mit Offshore-Kunden. Daran hängen 35.000 Arbeitsplätze. Das Bankgeheimnis hat einen wichtigen Anteil an der Konkurrenzfähigkeit der Schweiz. Es aufzugeben - was nicht passieren wird - hätte klare Auswirkungen auf den Wohlstand. Stellen Sie sich einen Tisch vor, der vier Beine hat: Stabilität, Kompetenz, Lebensqualität und das Bankgeheimnis - wenn man eines kürzt, steht der Tisch am Ende schief da.
SPIEGEL ONLINE: In Wahrheit hat die Schweiz doch das Bankgeheimnis schon seit Jahrzehnten immer wieder aufgeweicht. Es ist durch zahlreiche Abkommen mit der EU und den USA schon schwer durchlöchert.
Roth: Ja, es gibt Löcher, in dem Sinn, dass wir keine Kriminellen schützen wollen.
SPIEGEL ONLINE: Aber das tun Sie doch: Sie schützen Steuerhinterzieher.
Roth: Die Hinterziehung ist in der Schweiz nun mal kein strafrechtlicher Tatbestand. Und wir sind der Meinung, das behalten wir bei.
Das Interview führte Mathieu von Rohr
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