"Die Bundesrepublik ist mehr noch als andere Länder eine Industriegesellschaft. Männlich dominierte Branchen wie die Autoindustrie oder der Maschinenbau prägen die Wirtschaft - deshalb sind wir ziemlich weit hinten, wenn es um Gleichberechtigung geht. Viele Frauen machen Jobs, die Männer gar nicht wollen, die Einkommensunterschiede sind sehr viel ausgeprägter als in anderen Ländern.
Es ist ein historisches Erbe. Die Industriegesellschaft hätte sich ohne eine strikte Arbeitsteilung nicht entwickelt.
Wenn Männer in die Zeche wollten, mussten sie um punkt sechs Uhr morgens parat stehen, da war keine Zeit mehr, noch das Kind zu windeln und zehn Minuten später zu kommen. Selbst in der Agrargesellschaft war der Arbeitsrhythmus flexibler. Schon weil etwa während der Ernte jede Hand gebraucht wurde.
Die Frauenbewegung hat versucht, auch die Verhältnisse in Deutschland zu ändern. Aber sie hat vielleicht auch einen Fehler gemacht. In den siebziger Jahren hieß es zwar: Wir wollen das Gleiche - aber die Frauen wollten männliche Lebensmodelle übernehmen. Das wird aber schlicht und einfach unmöglich, wenn Kinder kommen. Weil die meisten Mütter dem Arbeitsmarkt nicht so ausschließlich zur Verfügung stehen können.
Wo gerade Karriere- und Zeitmuster vorgegeben sind, tun sich Frauen schwer. Man müsste Bedingungen schaffen, in denen auch Frauen Karrierechancen haben. Wo sie Vorstand werden können, ohne eine 60-Stunden-Woche absolvieren zu müssen. Und vielleicht auch erst mit 30, 35 richtig in den Job einsteigen können, wenn die Familie schon gegründet ist.
Aber auch in Deutschland wird sich in den kommenden Jahren ein Wandel vollziehen, wenn auch vielleicht langsamer als in anderen Ländern. Die jungen Frauen, die bei mir studieren, sind selbstbewusst, ehrgeizig und berufsorientiert. Die werden ihre Rechte einfordern. Und auf das Kapital, das sie anbieten, wird man auf Dauer auch nicht verzichten können."
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