SPIEGEL ONLINE: Unser Eindruck ist, dass die Regierung viel gegen die aktuelle Krise unternimmt - aber kaum etwas, um künftige Krisen zu verhindern.
Schmidt: Das sehe ich anders. Wenn das Haus brennt, muss erst einmal gelöscht werden. Das Konjunkturprogramm der Bundesregierung ist deshalb richtig - von Detailfragen abgesehen. In einem zweiten Schritt kann man sich die Finanzarchitektur vornehmen. Dort gibt es in einzelnen Punkten Verbesserungsbedarf. Aber daran wird ja gearbeitet, zum Beispiel auf Ebene der G-20-Staaten.
SPIEGEL ONLINE: Was ist nötig, um ähnliche Krisen künftig zu verhindern?
Schmidt: Um ehrlich zu sein: Man wird sie nie ganz verhindern können. In der Vergangenheit gab es an den Finanzmärkten jede Menge Verwerfungen. Es ist immer das gleiche Auf und Ab - ein ständiger Wechsel von Euphorie und Angst ...
SPIEGEL ONLINE: ... und dem sind wir einfach ausgeliefert?
Schmidt: Wer hohes Wachstum will, muss bereit sein, Risiken einzugehen. Das ist das Wesen unserer prosperierenden Wirtschaft.
SPIEGEL ONLINE: Sie begrüßen das Konjunkturpaket der Bundesregierung. In früheren Jahren wäre ein solches Programm ein Tabu gewesen - die meisten Ökonomen lehnten staatliche Eingriffe in die Wirtschaft ab.
Schmidt: Ich sehe da keinen Widerspruch. Unser Hauptargument gegen staatliche Programme war, dass keiner genau wusste, wo man sich im Konjunkturzyklus befand. Für die Regierung war also unklar, wo sie Impulse setzen sollte. Heute stellt niemand in Zweifel, dass wir es mit einer Rezession zu tun haben. Und da sollte der Staat gegensteuern.
SPIEGEL ONLINE: Klingt nach John Maynard Keynes - dem berühmten Ökonomen, der die Wirtschaft durch Staatseingriffe steuern wollte. Sind Sie auf einmal Keynesianer?
Schmidt: Ich halte nichts von diesem Schubladendenken. Es kommt auf die Situation an: Aktuell bricht die Nachfrage aus dem Ausland weg, also macht es Sinn, wenn der Staat die heimische Nachfrage stärkt. Wenn wir aber auf unseren Wachstumspfad zurückgekehrt sind, wären weitere Konjunkturprogramme falsch. Dann müssen wir an der Angebotsseite ansetzen, durch eine Deregulierung der Arbeitsmärkte oder Bürokratieabbau.
SPIEGEL ONLINE: Vor ein paar Jahren hieß der Guru der Wirtschaftswissenschaften Milton Friedman - ein Ökonom, der auf fast alle Probleme nur eine Antwort kannte: Der Markt soll es richten. Ist der Neoliberalismus jetzt out?
Schmidt: Ein guter Makroökonom kann nie nur angebotsorientiert sein oder nur nachfrageorientiert. Ich möchte auf keinen der beiden verzichten - weder auf Keynes noch auf Friedman.
SPIEGEL ONLINE: Sie sind ein anerkannter Arbeitsmarktexperte. Was erwarten Sie für dieses Jahr?
Schmidt: Als wir im Dezember unsere Prognose für 2009 veröffentlicht haben, sind wir von einem Schrumpfen der Wirtschaft um zwei Prozent ausgegangen. Das würde einem Verlust von 600.000 Arbeitsplätzen in diesem Jahr entsprechen. Aus heutiger Sicht war diese Annahme zu optimistisch.
SPIEGEL ONLINE: Es wird in diesem Jahr also mehr als vier Millionen Arbeitslose geben?
Schmidt: Das ist leider wahrscheinlich. Das Konjunkturpaket setzt einen kleinen Gegenimpuls, vermutlich gehen 100.000 Stellen weniger verloren. Gleichzeitig lässt aber die Wirtschaftsleistung stärker nach als befürchtet - und der Arbeitsmarkt folgt immer mit Verzögerung. Selbst wenn die Unternehmen wieder mehr Aufträge erhalten, wird es am Arbeitsmarkt nicht sofort eine Entspannung geben.
SPIEGEL ONLINE: Und wann kommt die Wende?
Schmidt: Das können wir nicht genau voraussagen. Wir hoffen, dass es in der zweiten Jahreshälfte dazu kommt. Das hieße: Im Jahr 2010 wäre ein ganz langsamer, flacher Aufschwung möglich.
SPIEGEL ONLINE: Klingt nicht gut.
Schmidt: Die Rezession wird ihre Zeit brauchen, daran kommen wir nicht vorbei. Wir sollten aber eines beachten: Uns geht es immer noch sehr gut - selbst wenn wir von unserem Lebensstandard zwei oder drei Prozent abgeben. Natürlich werden diese drei Prozent für manche sehr viel bedeuten, zum Beispiel wenn sie ihren Arbeitsplatz verlieren. Für sehr viele wird die Krise aber überhaupt nicht spürbar sein. Das sollten wir bei aller Dramatik nicht vergessen.
Das Interview führte Anselm Waldermann
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