"Das 'Brigitte'-Team besteht zu 95 Prozent aus Frauen, da sind Teilzeit- und Halbtagsjobs Alltag. Auch auf Führungsebene. Die beiden stellvertretenden Chefredakteurinnen sind zum Beispiel Mütter. Zwei Nachmittage in der Woche arbeiten sie von zu Hause aus. Auch viele Ressortleiterinnen haben Teilzeitstellen.
Ich, der oberste Chef, bin ein Mann, aber das ist Zufall. Vor mir waren 18 Jahre lang Frauen am Ruder. Als ich den Job bekam, ging es nicht ums Geschlecht, sondern ums Blatt. Wenn ich müsste, könnte sicher auch ich eine Teilzeitlösung verwirklichen, meine Kinder sind nur schon erwachsen.
Ich bin überzeugt: Auch in der Wirtschaft werden flexible Arbeitszeitmodelle bald normal werden. Wir können schon aus demografischen Gründen nicht auf das Potential verzichten, das Frauen bieten. Abgesehen davon ist die Arbeit mit Frauen sehr angenehm.
Frauen kommen zum Beispiel - entgegen aller Vorurteile - schneller zum Punkt. Ein Beispiel: Eine Runde aus sechs Männern will über das Thema Kreuzfahrtschiffe reden. Dann muss erst mal jeder der Anwesenden klarstellen, dass er ein toller Journalist ist, gut vorbereitet, und dass er viel von Kreuzfahrtschiffen versteht. Ein Ritual, das auch durchgezogen wird, wenn die Kollegen seit zwanzig Jahren alle zwei Tage zusammensitzen. So vergeht die erste Stunde ohne Ergebnis.
Frauen sind schneller bei der Sache. Dafür schweifen sie dann im Laufe des Gesprächs leichter ab. Kommen von Kreuzfahrtschiffen auf das Thema Urlaubsreisen - und am Ende kommt vielleicht eine Artikel- oder Serienidee heraus, die gar nichts mehr mit Kreuzfahrtschiffen zu tun hat. Das kann gut und schlecht sein, je nachdem.
Soll heißen, Frauen sind nicht grundsätzlich die besseren oder schlechteren Journalisten. Sie arbeiten einfach anders. Sie gehen zum Beispiel auch ganzheitlicher an Themen heran. Wenn man etwa zwei Männern sagt: Einer recherchiert Aspekt X, der andere recherchiert Aspekt Y dazu - dann macht jeder sein Ding, und die Ergebnisse werden am Ende zusammengebaut. Zwei Frauen trinken dann erst einmal Kaffee und reden. Sie stimmen sich ab, schauen sich an, was die andere macht, dann fällt ihnen auf, dass Aspekt Z komplett fehlt. Das kann bereichernd sein. Aber es kann auch Zeit kosten.
Das heißt aber nicht, dass Frauen schlechter zusammenarbeiten. Dieses mantrahaft vorgebrachte Vorurteil etwa, Frauen seien stutenbissig, ist schlicht nicht wahr. Im Gegenteil. Wie in allen Unternehmen erlebt man auch bei der 'Brigitte' im Laufe der Jahre die gesamte Bandbreite möglicher Schicksalsschläge: Krankheiten, Todesfälle, private Dramen. Die Art und Weise, wie die Kolleginnen damit umgehen und sich auch über die Arbeit hinaus Halt geben, ist schon toll."
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