Aus Huaypong und Bangkok berichtet Thilo Thielke
Huaypong/Bangkok - Irgendwann im vergangenen Jahr wurde der erste Auftrag storniert. Das war noch nicht so schlimm, dachten sich die Leute von Bader Asia, der Thailand-Niederlassung einer schwäbischen Firma, die sich auf Lederteile für luxuriöse Autos spezialisiert hat. Schließlich waren die Auftragsbücher bislang immer voll gewesen, und Bader wächst seit Jahren kontinuierlich. Das mehr als hundert Jahre alte Unternehmen gehört immerhin zu den drei größten Produzenten von "Premiumleder in der Automobilindustrie" und beliefert Kunden wie BMW, Mercedes oder Mitsubishi.
Doch dann, so ab Dezember, kamen immer weniger Aufträge. Die ersten Kunden nahmen zuvor Bestelltes nicht mehr ab, und irgendwann zahlten die ersten auch nicht mehr. Im Lager stapelte sich plötzlich die Ware, und in den Produktionshallen standen immer mehr Nähmaschinen still.
Da wurde den ersten mulmig. Leute, die schon länger dabei waren, erinnerten sich in diesem Moment an den Tsunami. Dessen Welle baute sich auch erst ganz langsam auf und sorgte anfangs für mehr Faszination als Panik. Doch je näher sie kam, desto furchterregender wurde sie. Bis es dann für viele zu spät war.
"Die letzten drei Monate sind der reinste Wahnsinn", sagt Thomas Ferentzi, Geschäftsführer von Bader Asia. "Das Geschäft ist um fünfzig Prozent eingebrochen, von 400 Mitarbeitern mussten wir schon 50 entlassen. Die Krise hat uns voll erfasst."
Ferentzi steht in einer riesigen Halle und schwitzt. Schon draußen ist es brüllend heiß, drinnen aber wie in einer Sauna. Im Städtchen Huaypong hat Bader Asia ein gewaltiges Areal angemietet: 20.000 Quadratmeter, 70 Prozent davon sind bebaut, gerade erst wurden zwei neue Gebäude eingeweiht. Das Fabrikgelände befindet sich an der "Eastern Seaboard", etwa zwei Autostunden südlich von Bangkok, im immer noch pulsierenden Industriezentrum Thailands.
Bader Asia ist eine von elf Dependancen weltweit. Das Netz der Firma erstreckt sich von Japan und Australien über Polen und Südafrika bis nach Mexiko und Uruguay. Es soll räumlich nahe an den Endabnehmern gewerkelt werden.
Seit langem ist Bader Asia, das ausschließlich den asiatischen Markt beliefert, auf Expansionskurs. Ist? War? "2008 war ein gutes Jahr mit einem stattlichen Ergebnis", sagt Ferentzi. "Von denjenigen, die wir jetzt entlassen mussten, haben wir doch viele erst eingestellt, als das Geschäft so boomte." In zehn Jahren sei die südostasiatische Niederlassung ständig gewachsen: von 80 auf 400 Mitarbeiter. Trotz des Rückgangs, "den man nicht wegdiskutieren kann", gehe es der Firma immer noch gut.
Ferentzi ist Schwabe - wie es sich gehört für den leitenden Angestellten einer Firma, die 1872 in Göppingen als Rosslederfabrik gegründet wurde. Seit zwanzig Jahren lebt er in Asien. Er hat die große Krise der Tigerstaaten 1997 miterlebt. Er kennt die Risiken, aber er weiß auch um die Selbstheilungskräfte des Markts, um asiatischen Ehrgeiz und Erfindungsreichtum. "2010 soll das Geschäft wieder anlaufen", hofft Ferentzi. "Wir müssen uns nicht so arg beängstigen, schließlich haben wir schwäbisch-solide gewirtschaftet."
Er lächelt. Aber richtig überzeugend wirkt das nicht.
Was soll er auch tun? Bader hat sich hundertprozentig auf die Autobranche eingestellt, produziert all das hochwertige Leder, mit dem die Lenkräder und Schaltungen in teuren Autos verkleidet sind. Die Ware ist erstklassig. In zehn Jahren habe es nicht eine kleine Reklamation gegeben, beteuert der zuständige Mann von Daimler, einem Großabnehmer von Bader. Aber ausgerechnet die Autobranche taumelt. Nicht nur in den USA. Nicht nur in Deutschland. Weltweit.
Die große Krise hat längst Asien erfasst. Anfangs hatten sie hier gehofft, das Reich der Mitte könne sie vielleicht vor dem Schlimmsten bewahren. Dieses gewaltige Heer von 1,3 Milliarden bienenfleißigen Chinesen. Dieses Wirtschaftswunderland, das einen Rekord nach dem anderen brach und magnetisch eine Industrie nach der anderen anzog - auch zum Verdruss des staunenden Rests der Menschheit. Doch die letzten Meldungen sind ernüchternd. Immer klarer wird, dass Chinas schwindelerregender Aufschwung zum großen Teil eben auch mit der Dollar-Blase in Amerika zu tun hatte. Natürlich hat das dramatische Folgen für Südostasien.
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