Von Hauke Goos
Im Durchschnitt, sagt Schröder, sei der Lehman-Geschädigte 64 Jahre alt. Schröder wird im Juni 40, die Menschen, die in seiner Kanzlei vor ihm sitzen, könnten seine Eltern sein. Sie fühlen sich verraten, sie schämen sich, sie wollen den Banken zeigen, dass man so mit ihnen nicht umgehen kann.
Von den rund 300 Mandanten, die er inzwischen habe, sagt Schröder, seien höchstens 15 noch berufstätig. Der große Rest: Rentner, Menschen, die ihr Leben lang fürs Alter gespart haben. Meistens waren sie seit Jahrzehnten Kunde bei derselben Bank. Sie kannten ihren Berater und vertrauten ihm, das machte sie attraktiv für die Verkaufsstrategen in den Banken. Zwei seiner Mandanten seien von ihren Beratern im Altersheim angerufen worden, sagt Schröder. Der eine hielt Schröder, als der ihn später besuchte, für einen Mann der Sparkasse, "weil Sie auch so nett sind".
Unterlagen "zum internen Gebrauch"
Schröders ältester Mandant feiert im März seinen 100. Geburtstag. Er habe "beide Weltkriege und den Rübenwinter überlebt", hat er zu Schröder gesagt, "und jetzt verbrennt die Frankfurter Sparkasse die letzte Kohle".
Tatsächlich sprachen die Kundenberater untereinander über "die flexible Lehman-Oma", wenn sie Kunden meinten, denen man so gut wie alles aufschwatzen konnte. Die man anrief, wenn Umsatz gemacht werden musste, wenn irgendwelche Vorgaben zu erfüllen waren und die Zeit drängte. Für die Banker waren das "AD-Kunden": A für alt und D für doof. "Das waren Zustände", sagt Schröder, "wie man sie sonst nur aus dem grauen Markt kennt."
Zwei Möglichkeiten gibt es, den Kampf gegen die Frankfurter Sparkasse, die Dresdner Bank oder die Citibank vor Gericht zu gewinnen, sagt Schröder. Entweder weist der Kunde seiner Bank vor Gericht eine fehlerhafte Beratung nach, oder er macht glaubhaft, dass der Berater ihm die versteckten Provisionen verschwiegen hat.
Schröder hat einen Aktenordner mitgebracht, Papiere sind darin, die er sich besorgt hat, die ihm Bankmitarbeiter geschickt haben, weil man sich kennt in Frankfurt, teilweise sind es vertrauliche Papiere, "nur zum internen Gebrauch", Beweismaterial. Er nimmt eine E-Mail heraus, geschrieben von einem Bankberater drei Monate vor der Pleite. In der Mail verspricht der Berater die "Absicherung des investierten Kapitals durch 100 Prozent Kapitalschutz am Laufzeitende".
Die Aussichten seien gut, sagt Schröder, diesen Prozess zu gewinnen.
Tatsächlich haben die meisten Kunden von dem Risiko, ihren gesamten Einsatz zu verlieren, nichts gewusst. Anders als bei Fonds gibt es bei Zertifikaten ein Emittentenrisiko: geht der Emittent pleite, wird automatisch auch das Zertifikat wertlos. Es gab keinen hundertprozentigen Kapitalschutz, das haben die Lehman-Anleger inzwischen gelernt.
"Einziger riesiger Beschiss"
Schröder hält seinen Ordner in die Höhe. Es gebe einen ausführlichen Prospekt, sagt er, jeder Emittent muss ihn bei der Bundesaufsichtsbehörde für das Finanzwesen, kurz Bafin, hinterlegen.
"Die Schuldverschreibungen unterliegen keinem Kapitalschutz", steht dort, auf Seite 1, gefettet. "Ein teilweiser Verlust oder ein Totalverlust des eingesetzten Kapitals ist möglich." Die Käufer von Zertifikaten sollten Erfahrungen haben mit Derivaten, Optionen und Optionsscheinen, heißt es weiter hinten in dem Prospekt, unerlässlich vor dem Kauf sei "eine Beratung durch die eigenen Rechts- und Steuerberater, Wirtschaftsprüfer oder sonstige Berater". Im Saal ist ein Raunen zu hören.
In dem Flyer, den einige der Lehman-Opfer mit nach Hause nehmen durften, ist von Risiken keine Rede.
Die Methoden, mit denen die Banken die Lehman-Papiere in den Depots langjähriger Kunden abgeladen haben, findet Schröder "pervers" und "skrupellos". Der einzige Sinn von Zertifikaten bestehe darin, dass sie der Bank ermöglichen, richtig abzukassieren, ohne dass die Kunden etwas merken. "Das sind Standard-Gagaprodukte", sagt Schröder. "Da können Sie als Anleger gar nicht dran verdienen. Sie wetten halt gegen Superprofis." Sein Ziel sei es, zu belegen, "dass Zertifikateverkauf in Deutschland ein einziger riesiger Beschiss war", sagt Schröder in seinem Frankfurter Büro. "Und ich habe überhaupt keine Sorge, dass wir damit nicht durchkommen."
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