Wirtschaft



  • Drucken
  • Senden
  • Feedback
17.03.2009
 

Billige Rohstoffe

Wie der Energiepreis-Verfall auf die Wirtschaft durchschlägt

Von Anselm Waldermann

Weltweit fallen die Rohstoffpreise - Kupfer, Nickel oder Platin kosten zwei Drittel weniger als vor einem halben Jahr. Trotzdem bringen die Billigimporte die deutsche Wirtschaft nicht in Schwung. Warum eigentlich?

Hamburg - Die Zahl klingt gigantisch: 1.000.000.000.000 Dollar. Also tausend Milliarden. Oder eine Billion. Diese Summe sparen die Industrienationen dank der fallenden Ölpreise in diesem Jahr. Das behauptet zumindest die Internationale Energieagentur (IEA). Ihr Chef Nobuo Tanaka hält den Preissturz für "eines der größten Konjunkturprogramme aller Zeiten". Zum Vergleich: Das Konjunkturpaket der USA hat einen Umfang von 787 Milliarden Dollar.

Kupfer-Schmelze (in Serbien): "Von Ökonomie keine Ahnung"
Zur Großansicht
REUTERS

Kupfer-Schmelze (in Serbien): "Von Ökonomie keine Ahnung"

Tanaka hat seine Rechnung vor rund einer Woche in der "Financial Times" vorgestellt. Dabei verglich er den Ölpreis im vergangenen Jahr - durchschnittlich 100 Dollar pro Fass - mit dem aktuellen Preis von rund 40 Dollar. Das Ergebnis ist klar: Die Industrienationen müssen für ihre Energie-Importe deutlich weniger zahlen.

Aber hilft das der Konjunktur wirklich? Hat Tanaka Recht mit seiner These vom Eine-Billion-Dollar-Konjunkturprogramm?

Experten haben Zweifel. "Wer den sinkenden Ölpreis mit einem Konjunkturprogramm gleichsetzt, hat von Ökonomie keine Ahnung", sagt Roland Döhrn vom Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung (RWI). Denn was den Industrienationen zugutekomme, fehle nun in den Förderländern.

Auch Thomas Hüne vom Bundesverband der deutschen Industrie (BDI) widerspricht Tanaka: "Natürlich gibt es eine Entlastung auf der Kostenseite. Aber wenn den Unternehmen die Nachfrage wegbricht, hilft das wenig."

Tatsächlich haben die Rohstoffpreise nur geringen Einfluss auf die Wirtschaftsentwicklung. In Deutschland machen die Rohstoffkosten nur einen geringen Teil der Gesamtkosten aus: Bei einem durchschnittlichen Industrieunternehmen liegen sie im einstelligen Prozentbereich.

Das wurde auch im vergangenen Jahr deutlich, als der Ölpreis explodierte. Trotz Rekordwerten von mehr als 140 Dollar pro Barrel hielt sich die Konjunktur stabil. Zum Absturz kam es erst durch die Finanzkrise.

Entsprechend kritisch sehen Ökonomen Tanakas These, wonach die Rohstoffpreise großen Einfluss auf die Weltwirtschaft haben. Wenn überhaupt, dann besteht die Kausalität in der anderen Richtung: Demnach ist es gerade die schwache Weltwirtschaft, die den Preisverfall beim Öl ausgelöst hat.

Was für Öl gilt, ist auch bei anderen Rohstoffen der Fall: An den internationalen Börsen sind die Preise auf breiter Front gefallen. Platin, Kupfer oder Nickel kosten heute zwei Drittel weniger als vor einem halben Jahr. Nur Gold, das Anleger in Krisenzeiten für einen sicheren Hafen halten, bleibt relativ stabil (siehe Grafiken).

Das gleiche Bild bietet sich bei den deutschen Einfuhrpreisen. Die jüngsten verfügbaren Zahlen stammen aus dem Dezember - und sie zeigen nach unten. Öl verbilligte sich im Vergleich zum Vormonat um 24,1 Prozent, bei Erdgas belief sich das Minus auf 2,2 Prozent, bei Steinkohle auf 13,7 Prozent.

Kaum anders ist die Entwicklung bei nicht-energetischen Rohstoffen: Eisenerz wurde im Dezember erstmals seit mehr als einem Jahr wieder günstiger. Im Vergleich zu November sank der Importpreis um 6,6 Prozent. Nahrungsmittel wie Getreide wurden mit minus 3,5 Prozent ebenfalls günstiger (siehe Tabelle).

Importpreise in Deutschland
Produktgruppe Veränderung geg. Vorjahresmonat in Prozent Veränderung geg. Vormonat in Prozent
Rohöl -46,4 -24,1
Erdgas +46,0 -2,2
Steinkohle +37,3 -13,7
Nicht-Eisen-Metallerze -32,1 -12,9
Eisenerz +77,3 -6,6
Getreide -35,2 -3,5
Quelle: Statistisches Bundesamt

Auf den ersten Blick bedeutet dies eine enorme Entlastung für die heimische Wirtschaft. "Allein beim Öl kann Deutschland 40 Milliarden Euro sparen", sagt Simon Junker, Konjunkturexperte bei der Commerzbank, zu SPIEGEL ONLINE. Er vergleicht dabei die Erwartungen für 2009 mit dem Jahr 2008. "Für Deutschland ist das erst mal positiv."

Auf der anderen Seite fehlt dieses Geld bei den Förderländern - also im Nahen Osten, Russland oder Venezuela. "Für die Weltwirtschaft ist es ein Nullsummenspiel", erklärt Junker.

Unter Umständen fällt die Rechnung sogar negativ aus. BDI-Mann Hüne versteht den Optimismus von IEA-Chef Tanaka deshalb nicht: "Die Saudis können nicht mehr so viel investieren", klagt er. "Also kaufen sie weniger Produkte - auch aus Deutschland."

Besonders hart trifft der Preissturz die Opec (Organisation Erdöl exportierender Länder). Laut "Financial Times" werden die Mitglieder des Kartells in diesem Jahr nur noch 400 Milliarden Dollar einnehmen - statt 970 Milliarden Dollar wie im Vorjahr. "Weltweit findet eine extreme Umverteilung statt", sagt Döhrn vom RWI. "Weg von den Förderländern hin zu den Industrieländern." Die wirtschaftlichen Probleme der betroffenen Staaten könnten sich dadurch massiv verschärfen.

In der Folge schadet das auch deutschen Firmen, vor allem in der Schlüsselbranche Maschinenbau - der Export schrumpft. Das heißt: Die deutschen Verbraucher dürfen sich über niedrigere Spritpreise freuen, doch die Industrie hat kaum etwas davon. "Im schlimmsten Fall ist der destabilisierende Effekt beim Außenhandel größer als der stabilisierende bei der Binnennachfrage", sagt RWI-Experte Döhrn.

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

Forum

insgesamt 61 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
06.07.2009 von lupenrein:

Man kann diese Frage nur beantworten, wenn man gleichzeitig vermerkt, f ü r w e n Vorteile oder Nachteile überwiegen... Denn da gibt es schon sehr große Interessenunterschiede... mehr...

06.07.2009 von Karkur:

Sehr geehrte Damen und Herren! Die entscheidende Frage ist, ob Rohstoffe zum oder abseits ihres realen Wertes gehandelt werden. Mittels internationaler Sozialstandards, verbindlich durchgesetzt, würde die ausbeuterische [...] mehr...

06.07.2009 von Karkur:

Sehr geehrter Sir Turbo! Den durchschnittlichen IQ bezüglich politischer Entscheidungsfähigkeit des deutschen Wählers würde ich eher anhand dessen beurteilen, wie er immer wieder jene Typen in die Positionen wählt, die von [...] mehr...

03.07.2009 von SirTurbo:

Bei DEN Wahlergebnissen für die FDP - wäre es denn sehr falsch die Deutschen für ausserordentlich dumm zu halten? mehr...

18.03.2009 von Diomedes: Kein Segen, aber eine Chance...

Und vielleicht dazu noch die letzte Möglichkeit, bevor die Rohstoffpreise erneut explodieren, die Wirtschaftsweise auf Alternativen und nachwachsende Rohstoffe und Energiequellen umzustellen, wie sie schon bei den niedrigen [...] mehr...

Und Ihre Meinung? Diskutieren Sie mit! zum Forum...

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Wirtschaft

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH









TOP



TOP