SPIEGEL ONLINE: Bei Ihrem Vorschlag muss der Staat die Bankeinlagen absichern.
Galbraith: Unbedingt, sonst funktioniert es nicht. Es wäre naheliegend, dafür einen Fonds zur Insolvenzversicherung einzurichten. Das Prinzip dahinter lautet, dass der normale Sparer für die Probleme seiner Bank nicht verantwortlich ist. Man kann von ihm nicht erwarten, dass er die Leistung der Bankvorstände überwacht. Denn haben die Sparer den Verdacht, es könnte mit ihrer Bank etwas nicht stimmen, heben sie einfach ihr Geld ab. Dann hat die Bank ganz schnell ein grundlegendes Problem. Deshalb ist es so wichtig, dass die normalen Bankgeschäfte auch dann weiterlaufen, wenn eine Bank Insolvenz anmeldet.
SPIEGEL ONLINE: Das bekannteste Beispiel einer deutschen Bank in Zahlungsnöten ist die Hypo Real Estate ...
Galbraith: (lacht) ... warum überrascht mich das bei dem Namen nicht?
SPIEGEL ONLINE: Die Bank rutschte, wie so viele, in die Liquiditätskrise. Die Bundesregierung hat schon gut 100 Milliarden Euro zu ihrer Stützung aufgebracht. Was wäre Ihre Empfehlung für den Umgang mit solch einer Bank?
Galbraith: Ich hoffe sehr, dass das Management den Inhalt der Finanzprodukte genau studiert hat, bevor sie sich zum Kauf entschied. Und wenn sie sich stattdessen auf die Einschätzungen der Ratingagenturen verlassen hat, sollte die Führung wenigstens gefragt haben, ob die Agenturen eine ordentliche Due Diligence durchgeführt haben. Ich bin mir aber sehr sicher, dass die Antwort wieder einmal Nein lautet. Die Ratingagenturen haben großes Unheil angerichtet, als sie Schrottpapiere mit "AAA" bewertet haben. Hier sind Versäumnisse auf jeder Stufe des Systems zu erkennen. Und ein enormes betrügerisches Potential. Wenn eine Ratingagentur ein Papier mit "AAA" bewertet, dann macht sie eine verbindliche Aussage über die hohe Qualität einer Forderung. Solch eine verbindliche Aussage kann sie nicht machen, ohne vorher einen genauen Blick in die Bücher geworfen zu haben.
SPIEGEL ONLINE: Sollte man meinen.
Galbraith: Ja. Trifft eine Agentur eine solche Aussage ohne Überprüfung, dann ist das einfach Betrug. Vielleicht kann die Hypo Real Estate ja Regressansprüche geltend machen. Allerdings habe ich, auch ohne Kenntnis der Details, daran meine Zweifel. Es herrschte meist ein stilles Einverständnis zwischen Banken und Ratingagenturen. Wenn man sich die Sprache in der Branche genau ansieht, eröffnen sich ganz andere Erklärungen als jene, die uns Bankmanager in diesen Tagen weismachen wollen. "Lügenkredite", "Giftmüll" oder - mein Lieblingsausdruck - "neutron loans", also Neutronenkredite, die wie eine Neutronenbombe Menschen töten, aber Gebäude intakt lassen. Das waren die Begriffe, mit denen in der Finanzindustrie diese Praktiken beschrieben wurden. Darin spiegelt sich eine Betrugskultur von unglaublichen Ausmaßen wider. Regierungen müssen nun erkennen, dass dies die Dinge sind, die ihre Aufmerksamkeit erfordern.
SPIEGEL ONLINE: Dann sprechen Sie wahrscheinlich auch nicht von "Systemversagen", weil so die Finanzverbrechen aus dem Blick geraten?
Galbraith: Die Systemfehler sind ganz offensichtlich! Das bedeutet aber nicht, dass es keine kriminellen Energien gab. Es ist wichtig, auf die Sprache zu achten, mit der wir diese Phänomene beschreiben. Ich tue mich schwer mit neutralen Begriffen wie "Systemversagen" oder "Blase". Denn man könnte daraus den Schluss ableiten, die Beteiligten wären unschuldig. Das sehe ich aber ganz anders.
SPIEGEL ONLINE: Was war es dann?
Galbraith: Die Finanzkrise entwickelte sich in einer Kultur der Komplizenschaft. Das macht es heute so schwer, damit umzugehen, besonders für all jene, die selbst darin verwickelt waren, die sich selbst verleugnet haben, die auch schon das Ausmaß der Schäden erahnten. Wahrscheinlich dachten viele, sie würden schon irgendwie davonkommen. Nun müssen sie erkennen, dass sie uns in einen enormen Abschwung geführt haben.
SPIEGEL ONLINE: Zurück zu den Maßnahmen, die Sie vorgeschlagen haben, nämlich die Banken für insolvent zu erklären und nur die Einlagen staatlich zu sichern. Müssen wir nicht bei systemrelevanten Banken einen gefährlichen Dominoeffekt fürchten?
Galbraith: Den Dominoeffekt werden wir so oder so erleben. Die Frage an die Politik lautet vielmehr: Wollt ihr den Dominoeffekt jetzt lostreten oder wollt ihr euch mit diesen Problemen noch ein weiteres Jahrzehnt herumschlagen? Sie sollten gewarnt sein: Je länger sich die Krise hinzieht, desto größer werden die Verluste. Das ist die Lektion aus der japanischen Krise der neunziger Jahre. Es gibt Zeiten, da muss der Staat seine Handlungsfähigkeit sichern. Gut möglich, dass man - etwa im Fall der Hypo Real Estate - zu dem Schluss kommt, eine Bank sei für das Finanzsystem unersetzlich. Dann wird es höchste Zeit, diese Banker für die Allgemeinheit arbeiten zu lassen. Und nicht die Allgemeinheit für diese Bank.
Das Interview führte Matthias Kaufmann (manager-magazin.de)
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