Von Marc Pitzke, New York
Blogs und Online-Foren quellen über vor zynischen Kommentaren, ebenso Social-Network-Sites wie Facebook und Twitter. Die Nachrichtensender strahlen Heimvideos von Zuschauern aus, die gegen AIG wüten. Die "New York Times" berichtet, sie habe selten so viele böse Zuschriften bekommen wie zu AIG.
Nach den Morddrohungen gegen Mitarbeiter hat AIG zusätzliche Sicherheitsvorkehrungen getroffen. Bewaffnete Beamte patrouillieren vor der Finanzverwaltung in Connecticut. Einige Angestellte erschienen trotzdem aus Angst erst gar nicht zum Dienst.
Politiker schießen sich auf AIG ein
Die Kongressabgeordneten und Senatoren in Washington berichten ebenfalls über eine Flut wütender Anrufe, Briefe und E-Mails zu AIG. Entsprechend werden auch sie zu Kritikern - obwohl sie die Boni abgesegnet hatten, wissentlich oder nicht.
Ein Politiker nach dem anderen drängelt sich ins Licht der Kameras, um seinen Ärger los zu werden. Etwa der demokratische Abgeordnete Barney Frank: "Es ist Zeit, unsere Besitzrechte geltend zu machen", sagt er in Anspielung auf die 79,9-Prozent-Beteiligung des Staates an AIG. "Wir sollten sagen: Nein, ich zahle dir den Bonus nicht. Du hast nichts geleistet. Du hast diesen Vertrag nicht erfüllt."
Einige Politiker wollen die Prämien zurückfordern, notfalls mit einer Strafsteuer. Andere verlangen Haft für AIG-Manager, wieder andere einen öffentlichen Büßergang. Der republikanische Senator Charles Grassley versteigt sich zu der Bemerkung, die Verantwortlichen sollten "zurücktreten oder Selbstmord begehen".
Kongress hat Boni abgesegnet
Auch Präsident Barack Obama ergreift das Wort, zweimal und den zweiten Tag in Folge. Er nennt die AIG-Boni "ungeheuerlich", ein Symbol für eine Kultur von "Gier, Exzess-Kompensation, Exzess-Risiko", und kündigt an, "jeden nur möglichen Weg" zu verfolgen, sie wieder einzufordern. "Die Leute sind zu Recht empört." Und nicht nur sie: "Ich bin wütend."
Was die Verantwortlichen in Washington dabei hartnäckig verschweigen: Der Kongress hatte bereits vereinbarte Boni von Firmen, die Staatshilfe bekommen, erst im Februar ausdrücklich abgesegnet. Und zwar im Konjunkturpaket: Das untersagte den Unternehmen zwar künftige Prämien - jene aber, die vor dem 11. Februar zugesichert worden waren, wurden davon ausgenommen.
Diese winzige Klausel hatte, wie sich am Abend herausstellte, der demokratische Senator Christopher Dodd nachträglich noch einfügen lassen - auf Wunsch des Finanzministeriums. Dodd hat von AIG übrigens zuletzt 100.000 Dollar an Wahlkampfspenden bekommen.
Was wusste Finanzminister Geithner?
Dadurch könnte nun auch die Regierung die Wut der Steuerzahler treffen. Sowohl Notenbankchef Ben Bernanke als auch Finanzminister Timothy Geithner waren nach Angaben Liddys in den Bonus-Prozess bei AIG lange eingebunden. Deshalb wirkten die Unmutsbekundungen des Weißen Hauses unglaubwürdig. "Obama braucht sogar einen Teleprompter, um wütend zu werden", lästert die Kolumnistin Maureen Down von der "New York Times" über den vom Manuskript abgelesenen TV-Ärger des Präsidenten.
Geithner - der seit der verunglückten Präsentation des Wall-Street-Rettungspakets im Februar täglich mehr unter Druck gerät - hat eine Einladung des Kapitalmarkt-Ausschusses denn vorerst auch tunlichst abgelehnt. Er will lieber erst nächste Woche erscheinen, wenn sich das Feuer abgekühlt hat. Trotzdem ist er jetzt schon im Saal vertreten - auf den Plakaten von Protestlern in den Zuschauerbänken: "Feuert Geithner!"
Vergeblich versuchen die Abgeordneten, Liddy die Namen der verhassten Bonus-Begünstigten zu entlocken. "Nur unter dem Siegel der Verschwiegenheit", weigert sich der. "Ich fürchte sehr um die Sicherheit meiner Leute." Barney Frank ist herzlich unbeeindruckt: "Dann werden wir sie per Gerichtsbefehl anfordern."
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