Berlin - Von Optimismus keine Spur - im Gegenteil: "Im zweiten Halbjahr 2009 schlägt die wirtschaftliche Schwäche deutlich auf den Arbeitsmarkt durch", teilte das Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) am Montag in Düsseldorf mit. Die Arbeitslosigkeit werde im vierten Quartal saisonbereinigt die Marke von vier Millionen überschreiten. Im Jahresschnitt 2010 seien voraussichtlich 4,5 Millionen Menschen ohne Job.
Arbeitsagentur in Halle: Schrumpfende Wirtschaftsleistung führt zu steigender Arbeitslosigkeit
Der Grund ist einfach: Im laufenden Jahr werde die Wirtschaftsleistung um fünf Prozent schrumpfen, erklärten die gewerkschaftsnahen Düsseldorfer Forscher. "Die Exporte - der Konjunkturmotor des vergangenen Aufschwungs - brechen dramatisch ein." Für 2009 sei hier ein Minus von 15,6 Prozent zu erwarten. Auch wenn die Konjunkturprogramme ab Jahresmitte einen Beitrag zur Stabilisierung leisten dürften, werde die Talsohle des Abschwungs erst 2010 erreicht. Im kommenden Jahr sei allenfalls mit einer Stagnation und einem Anstieg des Bruttoinlandsproduktes um 0,2 Prozent zu rechnen.
"Bis Oktober ist Vier-Millionen-Grenze erreicht"
Das deckt sich mit einer Einschätzung des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung (RWI), das von einem Rückfall in die Massenarbeitslosigkeit ausgeht: "Wir erwarten, dass im Verlauf dieses Jahres rund 1,2 Millionen Arbeitsplätze verloren gehen und die Zahl der Arbeitslosen um 1,1 Millionen steigt", sagte der Konjunkturchef des Essener Instituts, Roland Döhrn, am Montag. "Wir rechnen damit, dass bereits im Oktober die Vier-Millionen-Grenze erreicht wird. Ende 2010 werden wir dann nicht mehr weit weg von fünf Millionen sein", fügte er hinzu.
Auch die Zahl der Kurzarbeiter werde stärker steigen als in früheren Rezessionen, prognostizierte das RWI. Der Konjunktureinbruch wird demnach mit einem Minus beim Bruttoinlandsprodukt (BIP) von 4,3 Prozent für dieses Jahr wesentlich drastischer ausfallen als bislang angenommen. Nächstes Jahr soll die Wirtschaft dann wieder leicht um 0,5 Prozent wachsen. Denn durch die zurückliegenden Arbeitsmarktreformen steige die Chance, dass die Firmen im Aufschwung auch wieder schneller Arbeitskräfte einstellten.
Die staatlichen Konjunkturpakete in Milliardenhöhe werden die Wirtschaft laut RWI vor einem noch gravierenderem Abschwung bewahren: "Der Rückgang wäre noch weitaus dramatischer, wäre nicht eine Gegenbewegung im zweiten Quartal 2009 nach unserer Einschätzung wahrscheinlich, unter anderem weil Teile des Konjunkturpakets die Inlandsnachfrage vorübergehend stimulieren", sagte RWI-Konjunkturexperte Döhrn. Auch die Abwrackprämie werde zur Stabilisierung der Wirtschaft im Frühjahr beitragen. Wenn sich die Lage am Finanzmarkt beruhige, könne es im kommenden Jahr eine allmähliche Wirtschaftsbelebung geben. Bei den Investitionen werde es zu einem Umschwung kommen, falls Firmen die noch bis Ende 2010 günstigen Abschreibungsbedingungen nutzen sollten.
Konjunkturpakete stabilisieren die Wirtschaftslage
Das RWI, das von dem Wirtschaftsweisen Christoph Schmidt geleitet wird, warnte zugleich davor, im Kampf gegen die Krise das Defizit zu stark auszuweiten. "Die Politik muss dafür Sorge tragen, dass die Staatsverschuldung nach Überwindung der Krise nicht weiter steigt und die Haushaltskonsolidierung wieder in Angriff genommen wird", mahnte er. Die vorgeschlagene Schuldenbremse weise in die richtige Richtung, müsse sich in der Praxis allerdings noch bewähren.
Auch die Commerzbank sagt einen dramatischen Wirtschaftseinbruch voraus. Der Konjunktureinbruch fällt nach Einschätzung der Commerzbank-Ökonomen in diesem Jahr weitaus höher aus als bislang angenommen. Das Bruttoinlandsprodukt werde um sechs bis sieben Prozent einbrechen, heißt es in einer am Montag veröffentlichten Studie. Damit legt die Commerzbank die bislang pessimistischste Prognose für Deutschland vor.
Die Experten korrigieren mit der Studie ihre bisherige Prognose von minus drei bis vier Prozent drastisch. "Das liegt vor allem daran, dass die zuletzt veröffentlichten Auftragseingangs- und Produktionsdaten für Januar mit einer Dramatik eingebrochen sind, die ohne Beispiel in der deutschen Nachkriegsgeschichte ist", schrieb Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer in der Studie. Diese Indikatoren seien von Dezember auf Januar um acht Prozent gefallen. "Das hat der bisherigen Prognose den Boden unter den Füßen weggezogen."
Bis Ende des Jahres könnte die Zahl der Arbeitslosen der Analyse zufolge auf knapp über vier Millionen steigen und sich bis Ende 2010 sogar auf rund 4,75 Millionen erhöhen.
sam/Reuters
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