HINTERGRUND: DIE SPÄH-PROJEKTE BEI DER BAHN
44 Seiten - so lang ist der Zwischenbericht der Bahn über ihre Spitzelaktionen. Eigentlich soll das Papier zur Aufklärung der Affäre beitragen. Tatsächlich hat es wohl ein anderes Ziel: die Zukunft von Konzernchef Hartmut Mehdorn zu sichern.
Insgesamt macht die Bahn zu 17 Spitzelprojekten nähere Angaben, weitere 26 Projekte werden namentlich aufgelistet. Trotzdem bleiben Fragen offen. So sind die Ausführungen des Berichts in vielen Fällen äußerst vage. Bisweilen heißt es lediglich, die Angelegenheit könne noch nicht abschließend bewertet werden.
Besonders bedenklich: Die genauen Recherchemethoden der Bahn und der von ihr beauftragten Detektei Network bleiben oft unklar. Dabei kommt es gerade darauf an, um die strafrechtliche Relevanz der Vorgänge beurteilen zu können.
Was ebenfalls fehlt, ist eine Stellungnahme von Network selbst. In einzelnen Fällen entsteht so der Eindruck, dass die Detektei eigenmächtig ohne Wissen der Bahn gehandelt habe - eine Darstellung, die zumindest fragwürdig ist.
Bei dem Projekt ermittelte die Bahn nach eigenen Angaben gegen ein nicht näher bezeichnetes Lieferantenkartell zwischen 2002 und 2005. Der Dienstleister Network analysierte demnach Stammdaten von Umsätzen und Rahmenverträgen. Im Ergebnis erhielt die Bahn 1,75 Millionen Euro Schadensersatz von Lieferanten. Der Berliner Datenschutzbeauftragte habe im Oktober 2008 festgestellt, dass keine personenbezogenen Daten von Mitarbeitern verwendet wurden, heißt es in dem Zwischenbericht.
Laut Bahn ging es hier um den Verbleib von Triebfahrzeugen im Jahr 2002. Auslöser seien Inventurdifferenzen gewesen. Network habe Daten wie Tank- oder Verschrottungsprotokolle verglichen und im Internet recherchiert. Ergebnis: Die Inventurdifferenzen konnten aufgeklärt werden.
Dieser Auftrag wurde laut Zwischenbericht im Jahr 2003/2004 auf Eigeninitiative der Konzernrevision veranlasst. Der Dienstleister Network wurden demnach die Stammdaten von 774 Führungskräften sowie rund 500 verfügbare Datensätze von nahen Angehörigen der Führungskräfte zur Auswertung übergeben. Die Daten der Angehörigen stammen nach Bahn-Angaben "vermutlich" aus einer Datenbank mit Informationen über Fahrvergünstigungen.
Die Daten wurden laut Bahn in zwei Schritten mit Firmen- und Handelsregisterdatenbanken abgeglichen. Ziel sei das "Erkennen wirtschaftlichen Engagements" gewesen - also die Frage, ob die jeweilige Person zum Beispiel als Vorstand, Geschäftsführer oder in anderer Position bei einem anderen Unternehmen tätig war. Daraus ergab sich laut Bahn eine Liste mit etwa zwölf oberen Führungskräften, die an die Führungskräftebetreuung übergeben wurde. Die CDs, auf denen sich die Originaldaten befunden haben, wurden nach Abschluss der Auswertung vernichtet.
Ein erneutes Datenscreening war laut Bahn auch das Projekt "Babylon": Hier wurden mit Hilfe der Firma Network 204.000 Datensätze von rund 173.000 Mitarbeitern mit rund 80.000 Lieferantendaten abgeglichen. Daraus ergab sich dem Zwischenbericht zufolge eine Liste mit "220 höchstwahrscheinlichen und 96 möglicherweise bestehenden Lieferantenbeziehungen".
Nachdem eine Mitarbeiterin der Konzernrevision diese Übereinstimmungen individuell durchgesehen hatte, fanden in 175 Fällen Vorprüfungen und Interviews statt, in 116 Fällen erfolgten demnach weitere Maßnahmen. Relativ schwammig heißt es dann weiter, dass die betroffenen Mitarbeiter informiert und weitere Untersuchungen beziehungsweise Ad-hoc-Revisionen durch die Konzernrevision durchgeführt worden seien, die dokumentiert wurden.
Die Bahn witterte nach eigenen Angaben 1998 Manipulationen im Bieterverfahren beim Verkauf eines Fährschiffs der Tochter Deutsche Fährgesellschaft Ostsee mbH (DFO). Network habe den Vorgang analysiert. Infolge der Ermittlung musste demnach ein Manager der Tochter gehen.
2002 erhob eine anonyme Quelle laut Bahn den Vorwurf der Bestechlichkeit gegen vier Mitarbeiter. Dem Schreiben seien Quittungsbelege beigefügt gewesen. Daraufhin habe die Bahn Network mit Ermittlungen beauftragt.
Der Dienstleister half der Konzernrevision demnach bei der Sicherstellung digitaler Daten und bei der Auswertung. Auch bei der Analyse des bei Bürodurchsuchungen sichergestellten Materials war Network den Angaben zufolge dabei. Auf den Firmenrechnern der Mitarbeiter fanden sich laut Bahn Angaben über private Kontobewegungen, Reisetätigkeit und Familienverhältnisse, die das Unternehmen auswertete - sofern sie mit dem Fall in Verbindung standen. Auch die von den Angestellten besuchten Internet-Seiten habe Network geprüft.
Im Ergebnis konnte der Vorwurf gegen die vier Betroffenen dem Zwischenbericht zufolge entkräftet werden. Der Hinweisgeber sei identifiziert worden. Gegen ihn wurde Strafanzeige wegen falscher Verdächtigung gestellt.
2002 informierte eine Person unter falschem Namen laut Bahn mehrere Steuerbehörden über mögliche "Grundsteuerdelikte" bei dem Konzern. Schnell war offenbar klar, dass die genutzten Informationen nur einem eingeschränkten Kreis von Mitarbeitern (40) zugänglich seien.
Die Konzernrevision habe Network mit einem Schriftstilgutachten beauftragt. Der Dienstleister habe den E-Mail-Verkehr der Mitarbeiter ausgewertet, der auf Zufallsbasis erstellt worden sei. Darunter hätten sich auch private Schreiben und Korrespondenzen mit dem Betriebsrat befunden, heißt es in dem Zwischenbericht. Ein Angestellter sei infolge der Ermittlungen identifiziert worden. Ihm kündigte die Bahn nach eigenen Angaben.
Im anschließenden Arbeitsgerichtsprozess sei die Kündigung jedoch als unwirksam angesehen worden. Ein Gutachter habe erklärt, dass man nur mit einer "gewissen Wahrscheinlichkeit" von einer Täterschaft ausgehen könne.
2002 hatte die Bahn den Logistiker Stinnes übernommen. Drei Jahre später verkaufte der Konzern zwei Stinnes-Töchter - Interfer und Brenntag - weiter. Zur Bewertung der Firmen wurde dem Zwischenbericht zufolge das "Konsolidierungs-Tool" Konz eingesetzt. Allerdings hätten Mitarbeiter, die die Software entwickelt und benutzt hatten, ebenfalls den Arbeitgeber gewechselt. Die Bahn fürchtete nach eigenen Angaben nun Eingriffe bei der Bewertung durch die Angestellten zu eigenen Lasten. Network habe den Vorgang untersucht, konnte aber keine Manipulationen entdecken.
Der Name war Programm: Der Ombudsmann der Bahn hatte laut Zwischenbericht Hinweise auf dubiose Auftragsvergabe im Bereich des "Vegetationsschnitts an Bahnstrecken" in einer bestimmten Region erhalten. Network habe die Konzernrevision unterstützt, insbesondere bei der Untersuchung möglicher Beziehungen zwischen den Personen und Firmen. Die Ergebnisse erbrachten laut Bahn einen hinreichenden Tatverdacht. Das Strafverfahren dauert an.
Laut Bahn erhielt ein Ombudsmann 2003 einen Hinweis über eine "auffällige Bevorzugung bestimmter Dienstleister durch DB Systems". Network habe daraufhin die Beziehungen zwischen den handelnden Personen bei DB Systems und den Dienstleistern analysiert. Dabei sei ein "i2-Diagramm" erstellt worden.
Besondere "Nähebeziehungen" habe man nicht belegen können, erklärt die Bahn nun in ihrem Bericht. Allerdings habe man bei der Bearbeitung des Falls "weitere Erkenntnisse" gewinnen können. Aufgrund dieser nicht weiter benannten Erkenntnisse sei der Verantwortliche bei DB Systems von seiner Funktion entbunden worden.
Laut Bahn stand das Projekt in Zusammenhang mit der Datenanalyse aus dem Projekt Babylon. Dabei seien 167 der "positiv abgeglichenen Lieferantenbeziehungen" nach folgenden Kriterien untersucht worden:
1.Taucht der Name des Bahn-Mitarbeiters in Firmendatenbanken auf?
2.Findet sich der Kreditor in Firmendatenbanken?
3.Welche (gegebenenfalls anderen Unternehmen) firmieren an der Adresse des Bahn-Mitarbeiters und, falls abweichend, an der des Kreditors?
Die Ergebnisse seien in die weiteren Untersuchungen der Konzernrevision zu "Babylon" eingeflossen.
Laut Bahn gab es 2004 Hinweise auf "unübliche Vertragskonstruktionen" zwischen DB Station & Service und einem Beratungsunternehmen. Dabei sei es um "auffallend hohe Honorarzahlungen ohne erkennbare Gegenleistung" gegangen.
Network wurde daraufhin beauftragt, ein "Beziehungsgeflecht" zwischen Bahn-Mitarbeitern und dem Beratungsunternehmen zu erstellen. Im Ergebnis habe man "strafrechtlich relevantes Zusammenwirken" aufdecken können. Im folgenden Prozess seien vier der Beschuldigten zu Freiheitsstrafen mit Bewährung und/oder Geldstrafen verurteilt worden.
Auslöser war laut Bahn ein anonymer Hinweis beim Ombudsmann im Jahr 2003. Demnach wirke ein von der Bahn beauftragter Berater darauf hin, dass seine Dienstleistungsfirma bei Auftragsvergaben begünstigt werde. Der Auftraggeber - also ein Bahn-Mitarbeiter - würde dies decken.
Nach Bahn-Angaben hat Network die Konzernrevision bei "Recherchen in Firmendatenbanken" unterstützt. Gesucht wurde dabei nach möglichen Firmenbeteiligungen des Beraters. Außerdem sei zu einer "weiteren im Fallzusammenhang benannten Person" recherchiert worden.
Laut Konzern wurde der Bahn-interne Auftraggeber über die Vorwürfe informiert. Die Interessenkonflikte seien "beseitigt" worden.
Laut Bahn handelt es sich "offenbar" um eine zweite Rechnung zum Projekt Theodor Heuss I aus dem Jahr 1998. Ein eigenständiges Projekt sei nicht zu erkennen.
Laut Bahn stand das Projekt in Zusammenhang mit der Datenanalyse aus dem Projekt Babylon. Network habe eine Geoanalyse erstellt. Dabei sei es darum gegangen, die "Übereinstimmungen von der Positivliste" bestmöglich auf die Regionalbüros der Konzernrevision aufzuteilen. Das Ziel: weitere Untersuchungen.
In dem Projekt aus dem Jahr 2003 ging es um Geschäftsbeziehungen der Bahn zu einem US-Unternehmen. Laut Konzern hat eine Planrevision "Anhaltspunkte für steuerrechtliche Risiken" ergeben. Die Bahn habe daraufhin Network beauftragt, das Geschäftsmodell der Amerikaner zu überprüfen. Der Verdacht: Das Unternehmen sei nur eine Scheinfirma. Überprüft wurde auch, ob es Verbindungen zu Mitarbeitern der Bahn gebe.
Laut Bahn übergab Network einen Bericht, der "Geldbewegungen eines Kontos der Firma" enthielt. Die Konzernrevision habe den Bericht aber zurückgewiesen, da "die Recherche solcher Daten nicht beauftragt gewesen sei". Daraufhin habe Network noch am gleichen Tag einen Bericht ohne diese Angaben erstellt.
Allerdings räumt die Bahn ein, dass der zuständige "Bearbeiter des Compliancefalls" das zurückgewiesene Exemplar nicht vernichtet habe. Bei der "Aufarbeitung der Geschäftsbeziehungen zu Network" sei das Schriftstück deshalb wieder aufgetaucht.
In der Sache habe sich die US-Firma tatsächlich als Briefkastenfirma erwiesen. Hinweise auf eine Beteiligung von Bahn-Mitarbeitern fanden sich nicht. Die Geschäftsbeziehung wurde beendet.
Laut Bahn gab es im Jahr 2004 Hinweise auf "Nähebeziehungen" zwischen dem Projektleiter einer Tochtergesellschaft und einem Auftragnehmer. Network Deutschland hat daraufhin den "Firmenhintergrund des Auftragnehmers" und "mögliche Verflechtungen der Beteiligten" überprüft. Dazu wurde laut Bahn in "Firmendatenbanken" recherchiert. Ergebnisse seien noch nicht bekannt.
In den Jahren 2001 bis 2007 gab es weitere Projekte in Zusammenarbeit mit der Firma Network. Das Auftragsvolumen lag jeweils unter zehntausend Euro. Laut Bahn dauert die Aufarbeitung dieser Vorgänge noch an. Der Konzern listet die insgesamt 26 Projekte in seinem Bericht nur mit der zugehörigen Jahreszahl auf. Darunter finden sich Namen wie "Akazie", "Kreuzkümmel", "Watzmann" oder "Basilikum".