Bahn-Spähskandal
Mehdorn tritt mit schwarzen Zahlen ab
Von Michael Kröger
Mehr Umsatz, mehr Gewinn: Mit positiven Unternehmenszahlen versuchte Hartmut Mehdorn bei der Jahresbilanz, die Bahn als Erfolgskonzern zu präsentieren. Erst im Nachklapp verkündete er die eigentliche Nachricht. Der Bahnchef tritt wegen der Spähaffäre zurück - und wähnt sich als Opfer von "Skandalisierungen".
Berlin - Den letzten Triumph wollte sich Hartmut Mehdorn nicht nehmen lassen. Fast eineinhalb Stunden referierten der Bahnchef und sein Finanzvorstand Diethelm Sack bei der Bilanz-Pressekonferenz am Montag in Berlin die Erfolge des vergangenen Geschäftsjahres. Energiepreise, ein hoher Tarifabschluss und die wegbrechende Nachfrage im Güterverkehr in den letzten Monaten hätten das Geschäft erschwert, erklärte Mehdorn. Trotzdem sei das Ergebnis mehr als zufriedenstellend ausgefallen.
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Bahnchef Mehdorn: Ende einer Ära
Die anschließende Fragerunde fiel allerdings deutlich kürzer aus, als bei solchen Ereignissen üblich. Mehrere Pressevertreter meldeten sich zu Wort, die Genaueres zu einigen Details erfahren wollten, etwa zur S-Bahn in Berlin. Mehdorn parierte, wies zurecht, stellte richtig.
Doch dann änderte sich der Tonfall: In einem "Statement zum Thema Korruptionsbekämpfung/Datenschutz" wies Mehdorn noch einmal den Medien und der Öffentlichkeit die Schuld an der Eskalation der Situation bei der Bahn zu. Er sprach von "unzulässiger Vorverurteilung" und "Skandalisierungen", die mit den Fakten nichts zu tun hätten.
Von der ihm eigenen Angriffslust war dabei nichts mehr zu spüren. Der Bahnchef wirkte plötzlich resigniert und unsicher. Auch wenn er sich nichts vorzuwerfen habe, schadeten die "zerstörerischen Debatten" dem Unternehmen, dem Standort Deutschland und dem ganzen Land, räumte er ein. "Es ist für mich sehr bedrückend, dass sich Eigentümer, Mitarbeiter und Management jetzt nicht mit aller Kraft auf die Lösung der anstehenden Probleme konzentrieren können", erklärte er mit belegter Stimme. Er werde deshalb dem Aufsichtsratsvorsitzenden die Auflösung seines Vertrages anbieten.
Da war sie raus, die Rücktrittserklärung.
Der Tonfall verfehlte seine Wirkung nicht. Im Saal herrschte plötzlich betretenes Schweigen, das auch dann noch anhielt, als Mehdorn anschließend eine sehr persönliche Bilanz seiner Arbeit zog. "Meine fast zehn Jahre bei der Bahn waren eine tolle Zeit. Manchmal ein wenig verrückt. Immer aufregend", sagte er mit zittriger, brüchiger Stimme, fast zu Tränen gerührt. "Wir Bahner haben in dieser Zeit gemeinsam unheimlich viel erreicht. Das hätte uns Ende 1999, als ich zur DB kam, wirklich niemand zugetraut. Darauf blicke ich mit Dankbarkeit und auch einem gewissen Stolz zurück."
Es war ein sehr leiser Moment in der Karriere eines Managers, der sonst eher für laute, auch mal ruppige Töne bekannt ist. Und für das Unternehmen war es ein Paukenschlag - obwohl sich das Ende der Ära Mehdorn schon am Freitag abgezeichnet hatte. Da hatten die Bahn-Sonderermittler Gerhart Baum und Herta Däubler-Gmelin gemeinsam mit der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG die Ergebnisse ihrer Ermittlungen zur Datenaffäre vorgelegt.
Aus Mehdorns Sicht war das zunächst ein Freispruch. Denn strafrechtlich relevante Vorgänge konnten die Prüfer bislang nicht entdecken, weder in der Datenaffäre noch beim Ausspähen von E-Mails. "Es handelt sich nicht um einen Datenskandal, sondern um eine Kampagne zur Veränderung der Unternehmenspolitik", warf Mehdorn seinen Kritikern vor.
Doch die
Ausforschung des E-Mail-Verkehrs, die erst am Freitag in der Öffentlichkeit bekannt geworden war, brachte das Fass zum Überlaufen. Ein weiterer Skandal, Datenmissbrauch und das "Foulspiel" gegen die Gewerkschaften, indem Rundrufe - wenngleich juristisch zulässig - ohne Rücksprache gelöscht wurden - das war dann doch zu viel.
Bei ihren Ermittlungen hatten die Prüfer Indizien dafür gefunden, dass die Bahn jahrelang die E-Mails von 70.000 bis 80.000 Mitarbeitern systematisch gefiltert hat - täglich bis zu 145.000. Am Wochenende musste der Konzern dann noch einräumen, dass er im Herbst 2007 E-Mails mit einem Streikaufruf der Lokführergewerkschaft GDL gestoppt hatte. Danach rückte auch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) von Mehdorn ab. Die Bahngewerkschaften GDBA, Transnet und GDL sowie die SPD und die Opposition hatten schon zuvor seine Ablösung verlangt.
Auch im Bahn-Management hatte Mehdorn Rückhalt verloren. Einer Solidaritätsadresse für ihren Boss schlossen sich lediglich noch zwei Drittel der 180 Führungskräfte an. Erstmals war aus dem Management vernehmliche Kritik zu hören: Mehdorn habe in seiner schwierigen Lage in der Datenaffäre die Solidarität der Manager erzwingen wollen.
Die Vorsitzenden der Gewerkschaften Transnet und GDBA, Alexander Kirchner und Klaus-Dieter Hommel, zollten Mehdorns Entscheidung Respekt. "Es ist die logische Konsequenz aus der Schnüffelaffäre und unserer entsprechenden Forderung vom vergangenen Freitag. Wir erwarten jetzt von der Politik ein klares Bekenntnis, welchen Weg die Bahn künftig gehen soll", heißt es in einer gemeinsamen Erklärung.
Gewinnsprung im Personenverkehr, Minus im Gütertransport
Für Mehdorns Nachfolger wird es jetzt darum gehen, den richtigen Weg durch die Wirtschaftskrise zu finden. Die Voraussetzungen dafür sind nicht schlecht, denn abseits der Skandale hat Mehdorn sein Haus bestellt. Die Jahresbilanz jedenfalls spricht für ihn.
Der Gewinnsprung im Personenverkehr konnte den Einbruch im Güterverkehr mehr als ausgleichen, so dass am Ende noch ein Plus übrig blieb - auch wenn die Bahn die eigenen Planzahlen knapp verfehlte. Der Umsatz 2008 lag bei 33,5 Milliarden Euro, wie das Unternehmen mitteilte. Um Zukäufe bereinigt sind das 3,7 Prozent mehr als im Vorjahr. Der Gewinn vor Zinsen und Steuern (Ebit) stieg um 4,8 Prozent auf 2,48 Milliarden Euro.
"Das gute Ergebnis zeigt, dass wir gerüstet sind für die Krise", erklärte Mehdorn. "Uns bläst in diesen Tagen ein eisiger Wind ins Gesicht, von dem wir nicht wissen, ob er sich nicht zu einem Orkan auswächst." 2009 habe schwierig begonnen. "Die Auftragseinbrüche sind gravierend." Eine Prognose für das laufende Jahr wagte der Konzern daher nicht. In ihrem Geschäftsbericht warnte die Bahn aber vor möglichen jahrelangen Auswirkungen auf die Ertragslage.
Zu dem Gewinnplus 2008 trugen der Regionalverkehr und vor allem der Fernverkehr bei: IC und ICE bauten ihren Gewinn massiv aus. Damit konnte der Einbruch bei der Güterbahn sowie der internationalen Logistik von Schenker abgefangen werden. Hier schrumpfte der operative Gewinn um zehn beziehungsweise 14 Prozent. Das Unternehmen kündigte weiter an, man werde 2009 wohl mehr als zwei Milliarden Euro über den Kapitalmarkt refinanzieren. Der mit 16 Milliarden Euro verschuldete Staatskonzern spielt auf den internationalen Anleihemärkten eine wichtige Rolle.
Betriebsbedingte Kündigungen seien bisher aber nicht geplant, sagte Mehdorn. Ziel sei es, so durch die Krise zu kommen. Die weitere Entwicklung hänge aber von der Marktlage ab, die Bahn wolle Kosten senken. Eine Gewinnbeteiligung für die Mitarbeiter von einmalig 400 Euro für das Geschäftsjahr 2008 werde aber ausgezahlt, obwohl ein dafür festgelegter finanzieller Schwellenwert knapp verfehlt worden sei.
Ein Abschiedsgeschenk an die Mitarbeiter?
Auf jeden Fall eher ein leiser Moment.
SPÄH-ANGRIFF DER BAHN: CHRONOLOGIE EINER AFFÄRE
Seit Monaten beschäftigt die Datenaffäre die Deutsche Bahn. Der Staatskonzern hat seit 1998 mehrmals in groß angelegten Aktionen Mitarbeiterdaten mit denen von Lieferanten abgeglichen. Offizielle Begründung: Korruptionsbekämpfung. Offensichtlich ging es aber auch darum, Bahn-Kritiker und ihre Informanten aus dem Konzern ausfindig zu machen. Der Betriebsrat und die Beschäftigten waren über die maschinellen Datenscreenings nicht informiert. Das Vorgehen stößt in der Politik, bei Gewerkschaften und in der Öffentlichkeit auf scharfe Kritik. Bahn-Chef Hartmut Mehdorn selbst will von den Vorgängen nichts gewusst haben.
In Presseberichten wird bekannt, dass die Bahn mehr als tausend Mitarbeiter des oberen Managements über einen längeren Zeitraum ausgeforscht haben soll. Dabei soll der Konzern nach Auffassung der Berliner Datenschutzbehörde gegen rechtliche Bestimmungen verstoßen haben. Die Bahn verteidigt die Aktion als "pflichtgemäß und routinemäßig".
Es wird bekannt, dass die Datenaffäre bei der Bahn ein weitaus größeres Ausmaß hat als bislang angenommen. Der Anti-Korruptions-Beauftragte des Konzerns, Wolfgang Schaupensteiner, räumt im Verkehrsausschuss des Deutschen Bundestages ein, dass nicht nur die Daten von tausend, sondern von rund 173.000 Bahn-Mitarbeitern ausgewertet wurden.
Bahn-Chef Hartmut Mehdorn verteidigt die massenhaften Datenabgleiche, schaltet aber gleichzeitig die Staatsanwaltschaft ein, um die Vorgänge untersuchen zu lassen. "Wir haben unsere Mitarbeiter nicht bespitzelt und nicht gerastert", sagt er. Die Vorwürfe seien "nicht nachvollziehbar und polemisch". Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee (SPD) fordert von Mehdorn umfangreiche Aufklärung. "Es geht nicht an, dass immer neue Tatsachen scheibchenweise in die Öffentlichkeit gelangen."
Die Bundesregierung kritisiert die Informationspolitik der Bahn als "völlig unzureichend". Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) erwartet "eine lückenlose Aufklärung". Die Gewerkschaft Transnet fordert vollständige Aufklärung und eine Entschuldigung bei den Mitarbeitern.
Mehdorn räumt Fehler in der Datenaffäre ein. "Aus heutiger Sicht waren wir übereifrig", schreibt er an die Mitarbeiter. Es habe "eine falsch verstandene Gründlichkeit" gegeben. Auch sei es ein Fehler gewesen, das sogenannte Screening-Verfahren nicht mit den Arbeitnehmervertretern abzusprechen.
Mehdorn entschuldigt sich auch bei den Gewerkschaften. Gleichzeitig räumt er bei einer Sitzung des Konzernbetriebsrats Verstöße beim Abgleich von Mitarbeiterdaten ein. Die Gewerkschaften Transnet und GDBA nehmen die Entschuldigung zur Kenntnis, fordern allerdings weitere Aufklärung.
Die Bahn legt einen ersten Zwischenbericht zur Datenaffäre vor. Demnach ist das Ausmaß noch größer als bislang bekannt. Insgesamt wurden zwischen 1998 und 2007 in fünf Fällen Daten von Mitarbeitern ohne deren Wissen mit denen von Lieferanten zur Korruptionsbekämpfung abgeglichen. Bislang waren lediglich drei Fälle bekannt. Ein abschließender Bericht soll bis zum 27. März erstellt werden. Verkehrsminister Tiefensee kritisiert den Zwischenbericht als unzureichend: "Er wirft mehr Fragen auf, als er beantwortet".
Der Verkehrsausschuss des Deutschen Bundestages befragt Vertreter der Deutschen Bahn zur Datenaffäre. Mehdorn ist nicht dabei. Die Befragung bringt kaum Neues.
Der Bahn-Aufsichtsrat setzt Sonderermittler zur Untersuchung der Datenaffäre ein. Neben der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG werden der frühere Bundesinnenminister Gerhart Baum (FDP) und die ehemalige Bundesjustizministerin Herta Däubler-Gmelin (SPD) beauftragt. Sie sollen bis zum 27. März einen Bericht vorlegen.
Mehdorn selbst stellt sich nun den Fragen des Verkehrsausschusses des Deutschen Bundestages. Überschattet wird die Befragung von Vorwürfen der Sonderermittler Baum und Däubler-Gmelin, sie würden vom Bahn-Vorstand bei ihrer Arbeit behindert. Zahlreiche Verkehrsexperten äußern den Verdacht, bei der Bahn seien Akten vernichtet worden.
Die Ermittlungsergebnisse, welche die Sonderermittler dem Aufsichtsrat vorlegen, machen deutlich, dass das Ausmaß der Datenaffäre noch einmal deutlich größer ist als bislang angenommen. Nach SPIEGEL-Informationen wurden auch E-Mails von Journalisten und Wissenschaftlern überwacht. Damit wird klar, dass der Konzern nicht nur gegen Korruption vorgegangen ist. Vielmehr ging es gezielt darum, Bahn-Kritiker innerhalb und außerhalb des Konzerns ausfindig zu machen.
HINTERGRUND: DIE SPÄH-PROJEKTE BEI DER BAHN
44 Seiten - so lang ist der Zwischenbericht der Bahn über ihre Spitzelaktionen. Eigentlich soll das Papier zur Aufklärung der Affäre beitragen. Tatsächlich hat es wohl ein anderes Ziel: die Zukunft von Konzernchef Hartmut Mehdorn zu sichern.
Insgesamt macht die Bahn zu 17 Spitzelprojekten nähere Angaben, weitere 26 Projekte werden namentlich aufgelistet. Trotzdem bleiben Fragen offen. So sind die Ausführungen des Berichts in vielen Fällen äußerst vage. Bisweilen heißt es lediglich, die Angelegenheit könne noch nicht abschließend bewertet werden.
Besonders bedenklich: Die genauen Recherchemethoden der Bahn und der von ihr beauftragten Detektei Network bleiben oft unklar. Dabei kommt es gerade darauf an, um die strafrechtliche Relevanz der Vorgänge beurteilen zu können.
Was ebenfalls fehlt, ist eine Stellungnahme von Network selbst. In einzelnen Fällen entsteht so der Eindruck, dass die Detektei eigenmächtig ohne Wissen der Bahn gehandelt habe - eine Darstellung, die zumindest fragwürdig ist.
Bei dem Projekt ermittelte die Bahn nach eigenen Angaben gegen ein nicht näher bezeichnetes Lieferantenkartell zwischen 2002 und 2005. Der Dienstleister Network analysierte demnach Stammdaten von Umsätzen und Rahmenverträgen. Im Ergebnis erhielt die Bahn 1,75 Millionen Euro Schadensersatz von Lieferanten. Der Berliner Datenschutzbeauftragte habe im Oktober 2008 festgestellt, dass keine personenbezogenen Daten von Mitarbeitern verwendet wurden, heißt es in dem Zwischenbericht.
Laut Bahn ging es hier um den Verbleib von Triebfahrzeugen im Jahr 2002. Auslöser seien Inventurdifferenzen gewesen. Network habe Daten wie Tank- oder Verschrottungsprotokolle verglichen und im Internet recherchiert. Ergebnis: Die Inventurdifferenzen konnten aufgeklärt werden.
Dieser Auftrag wurde laut Zwischenbericht im Jahr 2003/2004 auf Eigeninitiative der Konzernrevision veranlasst. Der Dienstleister Network wurden demnach die Stammdaten von 774 Führungskräften sowie rund 500 verfügbare Datensätze von nahen Angehörigen der Führungskräfte zur Auswertung übergeben. Die Daten der Angehörigen stammen nach Bahn-Angaben "vermutlich" aus einer Datenbank mit Informationen über Fahrvergünstigungen.
Die Daten wurden laut Bahn in zwei Schritten mit Firmen- und Handelsregisterdatenbanken abgeglichen. Ziel sei das "Erkennen wirtschaftlichen Engagements" gewesen - also die Frage, ob die jeweilige Person zum Beispiel als Vorstand, Geschäftsführer oder in anderer Position bei einem anderen Unternehmen tätig war. Daraus ergab sich laut Bahn eine Liste mit etwa zwölf oberen Führungskräften, die an die Führungskräftebetreuung übergeben wurde. Die CDs, auf denen sich die Originaldaten befunden haben, wurden nach Abschluss der Auswertung vernichtet.
Ein erneutes Datenscreening war laut Bahn auch das Projekt "Babylon": Hier wurden mit Hilfe der Firma Network 204.000 Datensätze von rund 173.000 Mitarbeitern mit rund 80.000 Lieferantendaten abgeglichen. Daraus ergab sich dem Zwischenbericht zufolge eine Liste mit "220 höchstwahrscheinlichen und 96 möglicherweise bestehenden Lieferantenbeziehungen".
Nachdem eine Mitarbeiterin der Konzernrevision diese Übereinstimmungen individuell durchgesehen hatte, fanden in 175 Fällen Vorprüfungen und Interviews statt, in 116 Fällen erfolgten demnach weitere Maßnahmen. Relativ schwammig heißt es dann weiter, dass die betroffenen Mitarbeiter informiert und weitere Untersuchungen beziehungsweise Ad-hoc-Revisionen durch die Konzernrevision durchgeführt worden seien, die dokumentiert wurden.
Die Bahn witterte nach eigenen Angaben 1998 Manipulationen im Bieterverfahren beim Verkauf eines Fährschiffs der Tochter Deutsche Fährgesellschaft Ostsee mbH (DFO). Network habe den Vorgang analysiert. Infolge der Ermittlung musste demnach ein Manager der Tochter gehen.
2002 erhob eine anonyme Quelle laut Bahn den Vorwurf der Bestechlichkeit gegen vier Mitarbeiter. Dem Schreiben seien Quittungsbelege beigefügt gewesen. Daraufhin habe die Bahn Network mit Ermittlungen beauftragt.
Der Dienstleister half der Konzernrevision demnach bei der Sicherstellung digitaler Daten und bei der Auswertung. Auch bei der Analyse des bei Bürodurchsuchungen sichergestellten Materials war Network den Angaben zufolge dabei. Auf den Firmenrechnern der Mitarbeiter fanden sich laut Bahn Angaben über private Kontobewegungen, Reisetätigkeit und Familienverhältnisse, die das Unternehmen auswertete - sofern sie mit dem Fall in Verbindung standen. Auch die von den Angestellten besuchten Internet-Seiten habe Network geprüft.
Im Ergebnis konnte der Vorwurf gegen die vier Betroffenen dem Zwischenbericht zufolge entkräftet werden. Der Hinweisgeber sei identifiziert worden. Gegen ihn wurde Strafanzeige wegen falscher Verdächtigung gestellt.
2002 informierte eine Person unter falschem Namen laut Bahn mehrere Steuerbehörden über mögliche "Grundsteuerdelikte" bei dem Konzern. Schnell war offenbar klar, dass die genutzten Informationen nur einem eingeschränkten Kreis von Mitarbeitern (40) zugänglich seien.
Die Konzernrevision habe Network mit einem Schriftstilgutachten beauftragt. Der Dienstleister habe den E-Mail-Verkehr der Mitarbeiter ausgewertet, der auf Zufallsbasis erstellt worden sei. Darunter hätten sich auch private Schreiben und Korrespondenzen mit dem Betriebsrat befunden, heißt es in dem Zwischenbericht. Ein Angestellter sei infolge der Ermittlungen identifiziert worden. Ihm kündigte die Bahn nach eigenen Angaben.
Im anschließenden Arbeitsgerichtsprozess sei die Kündigung jedoch als unwirksam angesehen worden. Ein Gutachter habe erklärt, dass man nur mit einer "gewissen Wahrscheinlichkeit" von einer Täterschaft ausgehen könne.
2002 hatte die Bahn den Logistiker Stinnes übernommen. Drei Jahre später verkaufte der Konzern zwei Stinnes-Töchter - Interfer und Brenntag - weiter. Zur Bewertung der Firmen wurde dem Zwischenbericht zufolge das "Konsolidierungs-Tool" Konz eingesetzt. Allerdings hätten Mitarbeiter, die die Software entwickelt und benutzt hatten, ebenfalls den Arbeitgeber gewechselt. Die Bahn fürchtete nach eigenen Angaben nun Eingriffe bei der Bewertung durch die Angestellten zu eigenen Lasten. Network habe den Vorgang untersucht, konnte aber keine Manipulationen entdecken.
Der Name war Programm: Der Ombudsmann der Bahn hatte laut Zwischenbericht Hinweise auf dubiose Auftragsvergabe im Bereich des "Vegetationsschnitts an Bahnstrecken" in einer bestimmten Region erhalten. Network habe die Konzernrevision unterstützt, insbesondere bei der Untersuchung möglicher Beziehungen zwischen den Personen und Firmen. Die Ergebnisse erbrachten laut Bahn einen hinreichenden Tatverdacht. Das Strafverfahren dauert an.
Laut Bahn erhielt ein Ombudsmann 2003 einen Hinweis über eine "auffällige Bevorzugung bestimmter Dienstleister durch DB Systems". Network habe daraufhin die Beziehungen zwischen den handelnden Personen bei DB Systems und den Dienstleistern analysiert. Dabei sei ein "i2-Diagramm" erstellt worden.
Besondere "Nähebeziehungen" habe man nicht belegen können, erklärt die Bahn nun in ihrem Bericht. Allerdings habe man bei der Bearbeitung des Falls "weitere Erkenntnisse" gewinnen können. Aufgrund dieser nicht weiter benannten Erkenntnisse sei der Verantwortliche bei DB Systems von seiner Funktion entbunden worden.
Laut Bahn stand das Projekt in Zusammenhang mit der Datenanalyse aus dem Projekt Babylon. Dabei seien 167 der "positiv abgeglichenen Lieferantenbeziehungen" nach folgenden Kriterien untersucht worden:
1.Taucht der Name des Bahn-Mitarbeiters in Firmendatenbanken auf?
2.Findet sich der Kreditor in Firmendatenbanken?
3.Welche (gegebenenfalls anderen Unternehmen) firmieren an der Adresse des Bahn-Mitarbeiters und, falls abweichend, an der des Kreditors?
Die Ergebnisse seien in die weiteren Untersuchungen der Konzernrevision zu "Babylon" eingeflossen.
Laut Bahn gab es 2004 Hinweise auf "unübliche Vertragskonstruktionen" zwischen DB Station & Service und einem Beratungsunternehmen. Dabei sei es um "auffallend hohe Honorarzahlungen ohne erkennbare Gegenleistung" gegangen.
Network wurde daraufhin beauftragt, ein "Beziehungsgeflecht" zwischen Bahn-Mitarbeitern und dem Beratungsunternehmen zu erstellen. Im Ergebnis habe man "strafrechtlich relevantes Zusammenwirken" aufdecken können. Im folgenden Prozess seien vier der Beschuldigten zu Freiheitsstrafen mit Bewährung und/oder Geldstrafen verurteilt worden.
Auslöser war laut Bahn ein anonymer Hinweis beim Ombudsmann im Jahr 2003. Demnach wirke ein von der Bahn beauftragter Berater darauf hin, dass seine Dienstleistungsfirma bei Auftragsvergaben begünstigt werde. Der Auftraggeber - also ein Bahn-Mitarbeiter - würde dies decken.
Nach Bahn-Angaben hat Network die Konzernrevision bei "Recherchen in Firmendatenbanken" unterstützt. Gesucht wurde dabei nach möglichen Firmenbeteiligungen des Beraters. Außerdem sei zu einer "weiteren im Fallzusammenhang benannten Person" recherchiert worden.
Laut Konzern wurde der Bahn-interne Auftraggeber über die Vorwürfe informiert. Die Interessenkonflikte seien "beseitigt" worden.
Laut Bahn handelt es sich "offenbar" um eine zweite Rechnung zum Projekt Theodor Heuss I aus dem Jahr 1998. Ein eigenständiges Projekt sei nicht zu erkennen.
Laut Bahn stand das Projekt in Zusammenhang mit der Datenanalyse aus dem Projekt Babylon. Network habe eine Geoanalyse erstellt. Dabei sei es darum gegangen, die "Übereinstimmungen von der Positivliste" bestmöglich auf die Regionalbüros der Konzernrevision aufzuteilen. Das Ziel: weitere Untersuchungen.
In dem Projekt aus dem Jahr 2003 ging es um Geschäftsbeziehungen der Bahn zu einem US-Unternehmen. Laut Konzern hat eine Planrevision "Anhaltspunkte für steuerrechtliche Risiken" ergeben. Die Bahn habe daraufhin Network beauftragt, das Geschäftsmodell der Amerikaner zu überprüfen. Der Verdacht: Das Unternehmen sei nur eine Scheinfirma. Überprüft wurde auch, ob es Verbindungen zu Mitarbeitern der Bahn gebe.
Laut Bahn übergab Network einen Bericht, der "Geldbewegungen eines Kontos der Firma" enthielt. Die Konzernrevision habe den Bericht aber zurückgewiesen, da "die Recherche solcher Daten nicht beauftragt gewesen sei". Daraufhin habe Network noch am gleichen Tag einen Bericht ohne diese Angaben erstellt.
Allerdings räumt die Bahn ein, dass der zuständige "Bearbeiter des Compliancefalls" das zurückgewiesene Exemplar nicht vernichtet habe. Bei der "Aufarbeitung der Geschäftsbeziehungen zu Network" sei das Schriftstück deshalb wieder aufgetaucht.
In der Sache habe sich die US-Firma tatsächlich als Briefkastenfirma erwiesen. Hinweise auf eine Beteiligung von Bahn-Mitarbeitern fanden sich nicht. Die Geschäftsbeziehung wurde beendet.
Laut Bahn gab es im Jahr 2004 Hinweise auf "Nähebeziehungen" zwischen dem Projektleiter einer Tochtergesellschaft und einem Auftragnehmer. Network Deutschland hat daraufhin den "Firmenhintergrund des Auftragnehmers" und "mögliche Verflechtungen der Beteiligten" überprüft. Dazu wurde laut Bahn in "Firmendatenbanken" recherchiert. Ergebnisse seien noch nicht bekannt.
In den Jahren 2001 bis 2007 gab es weitere Projekte in Zusammenarbeit mit der Firma Network. Das Auftragsvolumen lag jeweils unter zehntausend Euro. Laut Bahn dauert die Aufarbeitung dieser Vorgänge noch an. Der Konzern listet die insgesamt 26 Projekte in seinem Bericht nur mit der zugehörigen Jahreszahl auf. Darunter finden sich Namen wie "Akazie", "Kreuzkümmel", "Watzmann" oder "Basilikum".