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11.04.2009
 

Moderne Stromnetze

"Die Energiekonzerne werden die Kontrolle verlieren"

Das US-Startup Silver Spring Networks modernisiert die Stromnetze mit Software und schlauen Zählern. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview sprechen die Firmenchefs Scott Lang und John O'Farell über die Energie-Revolution und den Machtverlust der Stromkonzerne.

SPIEGEL ONLINE: Herr Lang, Herr Farell, als Sie bei Kapitalgebern vor fünf Jahren nach Geld fragten, gab es kaum Interesse. Hat man Sie ausgelacht, weil Sie Daten durch das Stromnetz schicken wollten?

Lang: Ausgelacht nicht, aber ich bekam mehr als hundert Absagen. Es gibt im Silicon Valley eine Straße, die nennt sich Sandhill Road. Da sitzen alle berühmten Investoren und Venture Capitalists. Tagelang war ich dort unterwegs und klapperte die großen Adressen ab. Geld war für die Idee nicht aufzutreiben, kaum ein Investor konnte sich vorstellen, dass eine Investition ins Stromnetz ein riesiger Wachstumsmarkt sein kann.

SPIEGEL ONLINE: Heute gibt der Staat Kalifornien Ihnen 1,7 Milliarden Dollar, um das Strom- zum Datennetz auszubauen. Der Kapitalgeber Kleiner Perkins will Silver Spring Networks zum globalen Riesen aufbauen. Ihr Workshop auf der Earth2Tech-Konferenz vergangene Woche platzte aus allen Nähten. Woher kommt der plötzliche Stromnetz-Hype?

Lang: Die Anforderungen an unsere Stromnetze werden in den kommenden Jahren extrem wachsen. Unstete Energiequellen wie Wind- und Sonnenkraft müssen integriert, Elektroautos daran angeschlossen werden. Häuser werden durch Solarkollektoren zu Mini-Generatoren, die selbst Energie zurück ins Stromnetz schicken können. Unser antiquiertes Stromnetz ist zu solch komplexen Dingen nicht fähig.

SPIEGEL ONLINE: Auch Präsident Barack Obama bläst inzwischen zur Strom-Revolution. Mehrere Milliarden Dollar aus dem Konjunkturpaket hat er für den Ausbau des sogenannten Smart Grids bereitgestellt. Wie beurteilen Sie diese Offensive?

Lang: Obama hat das Thema politisch auf die Agenda gesetzt. Es wird dadurch nun auch national wahrgenommen, nicht länger nur in einzelnen Staaten wie Kalifornien. Washington ist jetzt bewusst, dass das schlaue Stromnetz zu einer grüneren Umwelt beiträgt, dass es mit sofortiger Wirkung mehrere hunderttausend Jobs schaffen kann - und dass man sich damit politisch wunderbar profilieren kann. Entsprechend groß ist die Unterstützung.

SPIEGEL ONLINE: Auch in Europa werden Smart-Grid-Lösungen diskutiert. Allerdings ist hier oft von sogenannter Power Line Carrier Communication (PLC) die Rede. Was ist der Unterschied zum Smart Grid?

Farell: Bei PLC werden Daten ohne ein Netzwerk schlauer Zähler über die Leitungen geschickt. Das ist nicht wirklich nachhaltig. Die Bandbreite dieses Netzes reicht nicht aus, um im Minutentakt die Spannung im Netz zu messen und gleichzeitig Befehle, Störwarnungen und andere Daten darüber zu transportieren. Es wäre so, als hätte man das Internet in den siebziger Jahren nur für E-Mails gebaut. Facebook oder YouTube wären dann nie nicht möglich gewesen.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben auch mit verschiedenen europäischen Energiekonzernen verhandelt...

Farell: Vielen Ländern ist bewusst, dass die Anforderungen an die Netze erheblich steigen werden. Sie sind bereit, die Technik weiterzuentwickeln. Es ist in Europa aber noch nicht geklärt, wie die Modernisierung bezahlt werden soll. Über Subventionen? CO2-Zertifikate? Privat? Durch einen Mix dieser Möglichkeiten? Viele Länder haben das noch nicht zu Ende gedacht, von einer einheitlichen europäische Strategie ganz zu schweigen.

SPIEGEL ONLINE: Ein schlaues Stromnetz würde Nutzern eine minutengenaue Kontrolle über den eigenen Verbrauch geben. Experimente haben gezeigt, dass eine solche Transparenz das Bewusstsein schärft und den Energiebedarf erheblich senken kann. Sträuben sich die Energiekonzerne vor Neuerungen, weil sie einen Kontroll- und Einnahmeverlust fürchten?

Farell: Die Energiekonzerne werden die Kontrolle ohnehin verlieren. Es ist für Verbraucher nicht hinnehmbar, für eine Dienstleistung einmal im Monat Geld vom Konto abgebucht zu bekommen - und diesen Service nur über den Lichtschalter kontrollieren zu können.

Lang: Die Entwicklung zu mehr Transparenz lässt sich nicht aufhalten. Sie wird in einigen Jahren für Energiekonzerne ein unvermeidliches Alleinstellungsmerkmal sein. Wer diesen Service nicht anbietet, wird im Wettbewerb mit Konkurrenten deutlich im Nachteil sein.

SPIEGEL ONLINE: Das heutige Netz ist nicht nur unflexibel, er ist auch hochgradig ineffizient. Bis zu 40 Prozent der Energie geht beim Transport verloren. Ist es nicht unverantwortlich, dass es erst jetzt modernisiert wird?

Farell: In der Tat. Erst die Debatte um den Klimawandel hat genug Öffentlichkeitsdruck erzeugt, um wirklich etwas zu bewegen. Im Detail hätten wir unser Netz schon lange verbessern können. Das Smart Grid, das die US-Regierung aktuell unterstützt, ist allerdings erst seit wenigen Jahren technisch möglich. Bedenken Sie: Es ist ein Datennetz, ähnlich dem Internet - und vor zehn Jahren surften viele Menschen noch per Telefonmodem.

Das Interview führte Stefan Schultz in Redwood City

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