Hamburg - Es klingt wie eine gute Nachricht: Deutschlands Energieunternehmen senken ihre Gaspreise. Allein im März und im April verschickten die Firmen Hunderttausende Briefe an ihre Kunden. Die frohe Botschaft: "Wir lassen Sie teilhaben an der Entwicklung der Energiemärkte." Zum Teil wird Gas jetzt mehr als zehn Prozent günstiger.
Gasflamme: Der Verbrauch ist extrem abhängig von der Jahreszeit
Allerdings ist das nur ein kleiner Teil der Wahrheit. Denn den sinkenden Gaspreisen waren extreme Erhöhungen vorangegangen. Und die Entwicklung hat System: Regelmäßig steigen die Gaspreise im Herbst, zu Beginn der Heizsaison. Gesenkt werden sie - wenn überhaupt - nur im Frühjahr.
Gefühlt haben dies die Verbraucher schon lange, doch jetzt ist dieser Zusammenhang tatsächlich erwiesen. Denn das Verbraucherportal Verivox hat im Auftrag von SPIEGEL ONLINE die Entwicklung der Gaspreise in den vergangenen Jahren untersucht - jeweils in Abhängigkeit von der Jahreszeit.
Das Ergebnis ist eindeutig: Große Preisschübe gab es immer dann, wenn der Verbrauch wetterbedingt nach oben schnellte. Preissenkungen gab es dagegen deutlich seltener - und wenn, dann nur zur warmen Jahreszeit, wenn die Kunden kaum etwas davon haben (siehe Grafik).
Besonders deutlich war die Entwicklung in der vergangenen Heizperiode, also von Herbst 2008 bis Frühjahr 2009. Zunächst stiegen die Preise massiv an, um dann wieder auf ihr Ursprungsniveau zurückzufallen - allerdings erst in jüngster Zeit, da kaum noch geheizt wird. Darüber hinaus zeigt die Grafik: Insgesamt bewegten sich die Preise in den vergangenen Jahren im Trend nach oben.
In Deutschland ist der Gasverbrauch extrem abhängig von der Jahreszeit. Zwar wird auch im Sommer warm geduscht und mit Gas gekocht. Doch dies fällt kaum ins Gewicht im Vergleich zu den Gasmengen, die im Winter zum Heizen benötigt werden. So entfallen auf den Juli durchschnittlich nur zwei Prozent des gesamten Jahresverbrauchs - auf den Januar hingegen 15 Prozent (siehe Tabelle).
| Gasverbrauch in Deutschland | |
| Monat | Verbrauchte Gasmenge in Prozent des Jahresabsatzes |
| Januar | 15 |
| Februar | 15 |
| März | 12 |
| April | 8 |
| Mai | 5 |
| Juni | 3 |
| Juli | 2 |
| August | 3 |
| September | 4 |
| Oktober | 7 |
| November | 11 |
| Dezember | 15 |
| Quelle: www.verivox.de | |
Was nur wenige Kunden wissen: Die Unternehmen rechnen Monat für Monat akkurat ab - auch wenn man dies auf der Rechnung nicht erkennen kann. Für den Jahresabschluss ist dies jedoch äußerst relevant. Denn die warmen Monate Mai bis September machen gerade einmal 17 Prozent der gesamten Rechnung aus. Herbst und Winter schlagen hingegen mit 83 Prozent zu Buche.
Mit anderen Worten: Eine Preissenkung im Frühjahr fällt kaum ins Gewicht. Eine Preiserhöhung im Herbst kommt die Kunden dagegen teuer zu stehen.
Wie teuer genau, hat Verivox nun erstmals ausgerechnet. Demnach hätte ein Durchschnittshaushalt rund 35 Euro sparen können, wenn die Unternehmen ihre Preise nicht im Herbst 2008 erhöht hätten, sondern drei Monate später. Weitere 82 Euro hätte man sparen können, wenn die Preissenkungen vom Frühjahr 2009 drei Monate früher gekommen wären.
Das heißt: Ein durchschnittlicher Verbraucher zahlt insgesamt 117 Euro, die sich allein auf den Zeitpunkt der Gaspreisänderung zurückführen lassen. Dies entspricht immerhin acht Prozent der Jahresrechnung.
| Gaskosten in Abhängigkeit von der Jahreszeit | |
| Monat | Gaskosten in Euro * |
| Juni 2008 | 40 |
| Juli 2008 | 31 |
| August 2008 | 35 |
| September 2008 | 66 |
| Oktober 2008 | 112 |
| November 2008 | 174 |
| Dezember 2008 | 236 |
| Januar 2009 | 243 |
| Februar 2009 | 225 |
| März 2009 | 187 |
| April 2009 | 106 |
| Mai 2009 | 61 |
* Berücksichtigt wurden der monatsabhängige Verbrauch und eventuelle Preisänderungen; Durchschnittshaushalt mit einem Jahresverbrauch von 20.000 kWh Quelle: www.verivox.de |
|
Die Unternehmen selbst argumentieren mit der Ölpreisbindung. Demnach folgt der Gaspreis dem Ölpreis mit sechs Monaten Verzögerung. "Seit Januar sinken die Gaspreise in Deutschland", sagt Hildegard Müller, Hauptgeschäftsführerin des Bundesverbands der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW), zu SPIEGEL ONLINE. "Zahlreiche Unternehmen haben ihre Preise also mitten in der Heizperiode gesenkt."
Doch die Ölpreisbindung allein kann die zyklische Bewegung der Gaspreise nicht erklären: Seit dem vergangenen Sommer hat sich Öl stärker verbilligt als Gas. "Durch die verschiedenen Vertragslaufzeiten und Beschaffungssituationen der Unternehmen wirken sich die Gaspreissenkungen zu unterschiedlichen Zeitpunkten aus", erklärt BDEW-Chefin Müller.
Auf einem Wettbewerbsmarkt gäbe es einen einfachen Grund für die saisonalen Preisschwankungen: Je stärker die Nachfrage, desto höher der Preis. Manche Unternehmen erklären deshalb, dass Gas im Winter zwangsläufig teurer werden müsse. Tatsächlich spielt dies jedoch kaum eine Rolle. Denn die Versorger haben sich schon lange im Voraus mit Gas eingedeckt - zu fest vereinbarten Preisen. Außerdem verfügen die meisten Unternehmen über große Gasspeicher, mit denen sie kurzfristige Preisschwankungen ausgleichen könnten.
Doch die Firmen haben daran kein Interesse. Die Statistik legt den Verdacht nahe, dass der Zeitpunkt der Preisanpassungen so gewählt wird, dass die Einnahmen maximal steigen - zu Lasten der Kunden. Verbraucherschützer kritisieren die aktuellen Preissenkungen denn auch als zu spät. "Es gibt keinen Grund, in Jubel auszubrechen", sagt Hans Weinreuter von der Verbraucherzentrale Rheinland-Pfalz. Viele Versorger hätten bewusst das Ende der Heizperiode abgewartet.
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Wirtschaft | Twitter | RSS |
| alles zum Thema Gaspreis | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH