Von Marlies Uken
Dabei drängt die Zeit. Denn der globale Abfalltransfer hat verheerende Folgen. Das zeigte sich im August 2006, als die "Probo Koala" in einem Hafen der Elfenbeinküste festmachte. Der britische Rohstoffhandelskonzern Trafigura ließ mehrere hundert Fässer mit Giftmüll auf Deponien in der Wirtschaftsmetropole Abidjan verteilen. 15 Menschen starben an den giftigen Gasen, mehr als 100.000 schleppten sich mit Atembeschwerden und Magenproblemen in Krankenhäuser.
Glaubt man den Ausführungen der Rechtsanwaltskanzlei Leigh Day & Co aus London, hatte sich schon lange zuvor Haarsträubendes an Bord abgespielt: Die "Probo Koala" irrte bereits seit Wochen über die Weltmeere, um die hochgiftigen Abfälle aus der Ölveredelung loszuwerden. In Tunesien war Trafigura bereits gescheitert, auch in Amsterdam verweigerten die Behörden die Entladung. Daraufhin heuerte Trafigura einen afrikanischen Müllhändler an, und die "Probo Koala" nahm Kurs auf Abidjan. Salomon Ugborugbo, Chef der Müllentsorgungsfirma, ließ die Abfälle von der "Probo Koala" schaffen und unter freiem Himmel verteilen - mit tödlichen Folgen.
Seit mehr als einem Jahr arbeitet Martyn Day in London an dem Fall. Der 51-Jährige, nach Einschätzung der "Times" einer der 100 wichtigsten Anwälte Großbritanniens, vertritt 22.000 Opfer des Müllskandals. Von Oktober an wird er vor dem High Court in London versuchen, mehrere tausend Pfund je Opfer als Entschädigung einzuklagen. Es ist die größte Schmerzensgeldklage in der Geschichte Großbritanniens. "Der 'Probo Koala'-Fall ist ein Skandal von gigantischem Ausmaß", sagt Day. "Seit zwei Jahren versucht Trafigura, die Öffentlichkeit hinters Licht zu führen. Dabei gibt es einen Berg an Beweisen, dass das Unternehmen vollkommen unverantwortlich mit den Abfällen umgegangen ist."
"Wir haben uns an alle Gesetze gehalten"
Einfach wird der Fall dennoch nicht, denn Days Gegner ist mächtig. Trafigura ist der drittgrößte Ölhändler weltweit. Jahresumsatz 2007: 51 Milliarden US-Dollar. Ein undurchsichtiges Netz zahlreicher Tochterfirmen macht es schwierig, die Verantwortlichen ausfindig zu machen. Im Februar 2007 zahlte das Unternehmen nach eigenen Angaben bereits mehr als 165 Millionen Dollar an die ivorische Regierung. Ein Schuldeingeständnis sei dies aber auf keinen Fall, betonte das Unternehmen. Eine auf Krisen-PR spezialisierte Agentur betreut inzwischen Presseanfragen. "Trafigura hat sich an alle internationalen und lokalen Gesetze gehalten", lässt der Konzern erklären, "Trafigura ist weder verantwortlich für den Vorfall, noch hat das Unternehmen ihn verursacht."
Bislang sind deutsche Behörden und Ermittler von einem solchen Skandal verschont geblieben. Aber die "Probo Koala" und die Recherchen der Deutschen Umwelthilfe im Hamburger Hafen haben sie sensibilisiert. Drückers Abteilung hat immerhin zwei neue Mitarbeiter bekommen, jetzt bekämpfen sie zu viert illegale Abfallexporte. Auch auf europäischer Ebene kooperieren die Umweltbehörden verstärkt, wollen gemeinsam Razzien durchführen. Sogar eine erste, zaghafte internationale Kooperation gibt es: Vor Kurzem tagten Behördenvertreter aus den USA, Afrika, China und Europa bei Interpol in Lyon, um die Kontrolle der Abfälle in den Seehäfen besser zu koordinieren.
In der Billstraße geht derweil das Tagesgeschäft weiter. In der Einfahrt des schäbigen Import-Export-Ladens parkt ein weißer Kombi ohne Nummernschilder. Ein Mann wühlt auf dem Beifahrersitz in Taschen herum, eine Frau schiebt einen Computer auf die Rückbank. Der nächste Transport wird bereits gepackt. Und das alles ganz legal.
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