Von Marc Pitzke, New York
New York - Barack Obama dürfte der erste US-Präsident sein, der die Bibel zitiert, um die Rezession zu erklären. Genauer gesagt: die Bergpredigt, Matthäus-Evangelium. Zwei Männern bauen sich ein Haus, einer auf Sand, einer auf Fels: "Der Regen fiel hernieder, und die Ströme kamen, und die Winde wehten", deklamierte Obama wie ein Priester von der Kanzel. Nur ein Haus hielt stand: "Es fiel nicht, denn es war auf einem Felsen gegründet."
Präsident Obama: "Prosa, keine Poesie"
Die Lehre der Parabel ist klar: "Wir können diese Wirtschaft nicht auf dem gleichen Sandhaufen wiederaufbauen", rief Obama. "Wir müssen unser Haus auf einem Felsen bauen."
Die Kulisse für diese fromme Botschaft war gut gewählt: die Gaston Hall, der Vorzeigesaal der Georgetown University in Washington. Dieses 100-jährige "Kronjuwel" der Elite-Uni dient oft als dramatische Bühne. Schwere Eichenbalken, Säulenbögen, allegorische Jesuiten-Gemälde ("Moral", "Glaube", "Patriotismus"): Wer hier spricht, der genießt automatisch Donnerhall.
Seelsorger der Nation
Das war die Absicht. Obama bemühte sich am Dienstag die paar Autominuten über den Potomac hinüber, um sich als wirtschaftlicher Seelsorger des Volkes in Szene zu setzen. Ein Seelsorger, der Tacheles redet: "Dies wird Prosa, keine Poesie." Die Kirchenglasfenster hinter ihm strahlten hell.
In der Tat: Diese Rede war länger als sonst, zäher und auffallend weniger gezwirbelt. Eine Art Quartalsbilanz nach fast drei Monaten im Amt, doch ohne wirklich Neues: "Ich will darüber reden, was wir getan haben, wie wir es getan haben und was wir noch tun müssen."
Fast identische Worte hat schon einmal ein US-Präsident gesagt. Franklin Roosevelt, dem Obama nacheifert, hielt "Fireside Chats": 30 Radioansprachen zum moralischen Aufbau der Nation in Krieg und Krise, bei denen weniger der Inhalt zählte als der Ton. Die erste dieser Sonntagsreden ("Über die Bankenkrise") begann 1933 so: "Ich will Ihnen sagen, was in den letzten Tagen getan wurde, warum es getan wurde und was die nächsten Schritte sein werden." Obamas junger Ghostwriter-in-Chief Jon Favreau kennt sein Geschichtsbuch.
Kein Wunder, dass CNN-Kommentatorin Gloria Borger für Obamas Rede-Marathon - dieser als "wichtige Wirtschaftsrede" annoncierten Ansprache sollen weitere folgen - schnell ein perfektes Schlagwort fand: "Fireside Chat 2.0."
"Wir sind keineswegs über den Berg"
PR gegen trübe Aussichten: Wie damals herrschen Krieg und Krise. Und wie "FDR" zeichnete auch Obama eine Balance aus Optimismus und Vorsicht, Hoffnung und Dämpfer. Es war ein Doppelappell an Bürger wie Börsianer - oder, will man es zynischer sehen, ein Spagat, um es allen recht zu machen.
"Wir sind keineswegs über den Berg", warnte Obama. "Aber von hier aus sehen wir, zum allerersten Mal, Schimmer der Hoffnung." Es war dieselbe Formulierung, die er schon am Karfreitag zu dem Thema gewählt hatte.
Spätestens da zeigte sich, wie zentral dieser Auftritt choreografiert ist. Alles dient dem Zweck - Ort, Rede, die flankierenden Auftritte der Adlaten, die ins gleiche Horn stoßen.
Etwa Notenbankchef Ben Bernanke, der zwei Stunden später ans Mikrofon schritt - in einem modernen College-Auditorium in Atlanta, das ironischerweise nach der Bank of America benannt ist. Auch er sprach von "zaghaften Zeichen, dass sich der starke Abschwung bei den wirtschaftlichen Aktivitäten verlangsamen könnte". Auch er sagte wenig Neues.
Die Wirtschaftskrise ist eine Wüstenwanderung
Und auch er bemühte religiöse Motive - aus seinem eigenen Glauben. Bernanke beschwor eine Tradition des jüdischen Pessach-Fests, bei der das jüngste Kind vier Fragen stellt, deren Antworten ihm den Exodus der Israeliten aus Ägypten erklären. Durch die Brille des Bankers ist die Wirtschaftskrise eine Wüstenwanderung, der Aufschwung das gelobtes Land - und der Bürger das nach Antworten suchende Kind.
Bald soll diese PR-Kampagne noch weitergedreht werden: Nach Informationen des "Wall Street Journals" plant Bernanke, nach dem Vorbild der europäischen EZB erstmals regelmäßige Pressekonferenzen einzuführen.
Trotzdem meckern die einen, Obama wage zu viel, zu schnell. Die anderen, er wage nicht genug. Dieses Krittel-Klima killt jede Aufbruchstimmung - zur Freude der Republikaner, die es fröhlich anstacheln. Die erweisen sich mit immer schrilleren Anti-Aktionen als schlechte Verlierer. Etwa mit landesweiten, albernen "Tea Parties" nach dem Vorbild kolonialer Aufwiegler, um am Mittwoch, dem Fälligkeitstag der Steuererklärung, die Fiskalpolitik Obamas anzuprangern. Parteichef Michael Steele empfahl, dem Weißen Haus dazu auch "virtuelle Teebeutel zu schicken" - als "wirklich patriotischer Akt."
"Bo" verdrängt Obamas Auftritt
Diese Kluft zeigte sich auch an den ersten Reaktionen auf Obamas Rede. Demokraten lobten sie: "Detailliert, nüchtern, doch vorsichtig optimistisch", sagte der Demoskop Fred Yang der "Washington Post". Republikaner bezweifelten ihre Wirkung: "Wird das zusehend skeptische Land nicht umstimmen", fand die Parteistrategin Mary Matalin.
Die US-Börsen quittierten den neuen Marketing-Anlauf mit eher gleichgültigem Schulterzucken. Nach miserablen Zahlen aus dem Einzelhandel sowie neuen Quartalsverlusten gaben die Indizes um bis zu zwei Prozent nach. Die Freude über den 1,66-Milliarden-Dollar-Gewinn der Wall-Street-Bank Goldman Sachs hielt ebenso wenig - die Aktie brach nach kurzem Gewinn wieder ein.
Die Normalbürger fanden sich etwas verloren zwischen den Fronten. "Taten sagen mehr als Worte", sagte Deanna Hall aus North Carolina auf CNN. In einer Umfrage der "Business Week" gab die Mehrheit (43 Prozent) Obama bisher die Höchstnote A. In einer ähnlichen Umfrage von MSNBC bekam er von den meisten (45 Prozent) die schlechteste Note F.
"Ich glaube nicht", räumte selbst Obamas Sprecher Robert Gibbs am Nachmittag ein, "dass sich irgendjemand der Illusion hingibt, dass wir eine sofortige Wende sehen werden."
Fraglich ist sowieso, ob die peniblen Details, die das Weiße Haus in die ganze Inszenierung steckt, nicht manchmal verlorene Liebesmüh sind. Selbst auf den TV-Nachrichtenkanälen wurde Obamas Georgetown-Auftritt schnell von einer anderen Eilmeldung verdrängt, denen die Sender dann ganze Stunden widmeten, mit Experten, Analysten und Kommentatoren - "Bo", der neue Hund der Präsidentenfamilie.
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