In der Branche rechnen ohnehin viele damit, dass Arcandors jüngster Schachzug nur das Vorspiel zu einer viel tiefgreifenderen Umstrukturierung ist, die letztlich einer Zerschlagung gleichkommen könnte. Offiziell sollen die verbleibenden 108 Häuser nun ausgerechnet mitten in der Wirtschaftskrise verlorengegangene Käufer zurückholen - nach Ansicht von Experten ein nahezu aussichtsloses Unterfangen. "Wahrscheinlich kommt das alles zehn Jahre zu spät", sagt Analyst Christian Hamann von der Hamburger Sparkasse.
Die Karstadt-Resterampe stellt immerhin eine vergleichsweise homogene Gruppe dar, die sich später in eine mögliche Fusion mit einem Konkurrenten - wie zum Beispiel Kaufhof - einbringen ließen. Ähnliches gilt für das Versandhandelsgeschäft von Primondo und Partner wie PPR aus Frankreich. Thomas Cook kann man in dem Konglomerat trotz rückläufiger Reisebuchungen wenigstens noch als Lichtblick bezeichnen und könnte bei einem Verkauf Geld einbringen, das die Aktionäre entschädigt.
Immerhin betonte Eick am Montag, bei Karstadt, Primondo und Thomas Cook handele es sich um das Kerngeschäft, das nicht veräußert werden soll. Außer den schlechten Unternehmenszahlen spricht jedoch auch der Branchentrend für tiefgreifendere Umstrukturierungen, wie etwa im Fall Karstadt. "Der Marktanteil der Warenhäuser am Einzelhandel wird sich bis 2015 noch einmal halbieren", erwartet der Saarbrücker Handelsexperte Joachim Zentes. Seit den siebziger Jahren ist er von knapp sieben bereits auf drei Prozent geschmolzen. Zentes sieht nur noch Platz für einen Kaufhauskonzern in Deutschland und erwartet, dass bis zu ein Drittel der Standorte von Karstadt, aber auch von Kaufhof gefährdet sind.
Die Kaufhäuser haben sich in den vergangenen Jahren die Marktanteile von Fachmärkten und Einkaufszentren wegnehmen lassen und es versäumt, dem Trend etwas entgegenzusetzen. Fachmärkte wie Ikea oder H&M treffen den Nerv der Bevölkerung mit ihrem großen Angebot in einem Spezialgebiet inzwischen vielerorts besser als die Bauchläden von Karstadt und Co. "Die Kaufhäuser hätten sich schon vor 20 Jahren dazu entschließen sollen, als Einkaufszentren in den Städten zu fungieren", sagt Zentes.
Vorgängerschelte von Eick
Im Fall Karstadt liegen wesentliche Fehler dabei gar nicht einmal so lange zurück. Trotz der offensichtlichen Identitätskrise des Warenhauskonzepts ging es Eicks Vorgänger Thomas Middelhoff vor allem darum, das Konzernportfolio um Verlustbringer zu erleichtern, was ihm beispielsweise in den Fällen SinnLeffers und Hertie auch gelang.
Doch an Visionen für die verbleibenden Kaufhäuser mangelte es ihm und seinen Untergebenen - daraus macht auch Nachfolger Eick keinen Hehl. "Das operative Geschäft wurde vernachlässigt", attackiert er unumwunden seinen Vorgänger. "Der Fokus wurde zu lange auf das Transaktionsthema gerichtet."
Eick muss nun auch andere Fehler der alten Riege ausbaden - die kurzfristige Finanzierung von Zukäufen und den Verkauf der Kaufhausimmobilien an eine Investorengemeinschaft um Goldman Sachs
und Pirelli. "Es ist ein Nachteil, dass damit langfristige Kostenstrukturen geschaffen wurden, die uns heute beschäftigen", formuliert Eick seinen Ärger zurückhaltend.
"Das Warenhauskonzept ist kein Todeskonzept"
Mit anderen Worten: Die vereinbarten hohen Mieten verhindern, dass die Warenhaussparte genügend Kraft für eine Runderneuerung hat. "Das Warenhauskonzept ist kein Todeskonzept", sagt Eick zwar, doch allein wird ihm der Beweis seiner These kaum gelingen.
Nun entscheiden andere über das Schicksal von Arcandor. Euphorie über das neue Konzept ist nirgendwo zu vernehmen. Die Gewerkschaft Ver.di kritisiert den Verkauf der Luxuskaufhäuser. Die Vermieter haben sich zu möglichen Mietsenkungen noch nicht geäußert. Den Banken geht es selbst schlecht. "Die Bereitschaft der Kreditgeber, Firmen wie Arcandor zu unterstützen, ist deutlich gesunken", sagt Analyst Hamann. "Die Chancen, dass Arcandor überlebt, haben sich deutlich verschlechtert."
Einzig ein potentieller Retter ließ die Bereitschaft zum Helfen durchblicken - der Staat. Natürlich stehe der Wirtschaftsfonds auch Arcandor offen, sagte eine Sprecherin des Bundeswirtschaftsministeriums.
Um für Staatskredite in Frage zu kommen, müsste Arcandor jedoch belegen, dass das Unternehmen lediglich durch die aktuelle Wirtschaftskrise in Schieflage geraten ist. Angesichts der Vorgeschichte des Konzerns dürfte es kein leichtes Unterfangen sein, dies nachzuweisen.
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