SPIEGEL ONLINE: Herr Mattern, wie viel CO2 hat Ihr Unternehmen im vergangenen Monat eingespart?
Frank Mattern: So genau kann man das natürlich nicht beziffern. Wir sparen CO2 durch den Verzicht auf Dienstreisen, durch den verstärkten Einsatz von Videokonferenzen. Im Kern befassen wir uns aber mit dem Thema Energie, weil unsere Klienten Antworten dazu erwarten. Energieeffizienz ist ein strategischer Wettbewerbsfaktor, aktuell und noch mehr in der Zukunft.
Braunkohlekraftwerk: Jahrelange Beschäftigung mit dem Klimawandel
SPIEGEL ONLINE: In Ihrer aktuellen Studie haben Sie sich intensiv mit den Marktchancen befasst, die sich durch die steigende Nachfrage nach energieeffizienten Produkten ergeben. Ein ganz neuer Ansatz - bisher galten die Energiesparer immer als Ökospinner.
SPIEGEL ONLINE: Trotzdem lesen sich die Empfehlungen Ihrer Experten wie aus einem Öko-Handbuch der neunziger Jahre. Das 1995 erschienene Buch "Faktor 4" von Ernst-Ulrich von Weizsäcker zum Beispiel erläutert die gleichen Mechanismen. Ist Ihre Studie eine späte Verneigung vor den Umweltaktivisten?
Mattern: Sie haben den Trend früh erkannt und einige waren sicherlich weitsichtig. Aber jetzt geht es darum, das Thema in allen Teilen der Wirtschaft zu verankern. Wir werden mit Elektroautos und verbesserten Verbrennungsmotoren nur erfolgreich sein, wenn viele Leute sie kaufen. Wenn wir aus der Nischenpolitik rauskommen, dann ergeben sich Chancen für viele Unternehmen.
SPIEGEL ONLINE: Die Marktchancen für energieeffiziente Produkte und Dienstleistungen führen im Ergebnis zur Reduzierung des CO2-Ausstoßes. Könnte mit den von Ihnen beschriebenen Möglichkeiten sogar mehr eingespart werden als die im vergangenen Jahr für den BDI ermittelten 30 Prozent?
Mattern: Wenn wir fossile Brennstoffe einsparen, senken wir auch eins zu eins den CO2-Ausstoß. Darüber hinaus gibt es aber noch eine Vielzahl weiter Möglichkeiten, etwa durch den Einsatz von regenerativen Energiequellen oder Atomkraft. Damit wäre der Spareffekt sogar höher. In unserer aktuellen Studie ist die Perspektive allerdings eine andere: Wir haben die Marktchancen deutscher Unternehmen mit energieeffizienten Produkten analysiert, das sind bis 2020 mehr als zwei Billionen Euro. Und wir haben ausgerechnet, wie viel die deutschen Unternehmen und Haushalte an Energiekosten sparen können. Das sind wiederum bis 2020 immerhin 53 Milliarden Euro im Jahr.
SPIEGEL ONLINE: Wie weit geht denn ihr Vorschlag? Sind die 53 Milliarden Euro Einsparvolumen das Optimum oder ginge noch mehr, wenn man sich nur anstrengt?
Mattern: Die von uns beschriebenen Einsparpotentiale sind realistisch, wenn die Unternehmen und Haushalte nur die Maßnahmen realisieren, die sich für sie auch rechnen. Sollte sich Energie noch weiter verteuern, dann würde der Anreiz steigen, noch mehr zu machen.
SPIEGEL ONLINE: McKinsey galt bisher nicht eben als klassische Umweltberatergesellschaft. Was hat in Ihrem Haus zu dem Umschwung geführt?
Mattern: Das ist kein Umschwung. Es ist unsere Aufgabe, wirtschaftliche Trends zu erkennen und für unsere Klienten Strategien zu entwickeln, die ihnen helfen, ihre Wettbewerbsfähigkeit für die Zukunft zu sichern. In diesem Zusammenhang beschäftigen wir uns seit Jahren auch mit dem Klimawandel. Dass hier etwas getan werden muss, darüber herrscht inzwischen breiter gesellschaftlicher und politischer Konsens. Damit steigen auch die Absatzchancen für energieeffiziente Produkte.
SPIEGEL ONLINE: Ihr Plädoyer für zusätzliche Investitionen in energieeffiziente Produktionsmethoden kommt womöglich zu einem ungünstigen Zeitpunkt. Die Betriebe sparen derzeit eher Energie durch die Stilllegung von Produktionsstraßen als durch deren Optimierung.
Mattern: Wir erleben derzeit eine wirtschaftliche Krise, die sich auf das Produktionsvolumen und die Investitionen auswirkt. Aber auch diese Krise wird ein Ende haben - und dann werden diejenigen Unternehmen profitieren, die verbrauchsarme Produkte anbieten können oder ihre Gewinnspanne durch geringeren Energieeinsatz in der Produktion verbessern können.
SPIEGEL ONLINE: Ergibt sich der Druck zu energiesparender Produktion von ganz alleine, oder muss der Gesetzgeber nachhelfen, etwa durch die Verschärfung von Grenzwerten?
Mattern: Beides geht Hand in Hand. Neben den hohen Energiepreisen haben auch gesetzliche Initiativen zur Veränderung des Bewusstseins beigetragen. Doch ich warne vor Aktionismus - zu strenge Regeln würden den Prozess eher konterkarieren. Derzeit vergeht ja kein Tag, an dem nicht eine neue Regulierung angekündigt wird. Langfristig werden neu entstehende Märkte und die Veränderung von Faktorkosten die größere Bedeutung haben.
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