Wirtschaft



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29.04.2009
 

Genfood-Manager

"Wir brauchen neue Werkzeuge für die Pflanzenzüchtung"

Kann die Grüne Gentechnik den weltweiten Hunger lindern? Der BASF-Manager Hans Kast kritisiert im Interview mit SPIEGEL ONLINE die Zögerlichkeit deutscher Politiker, droht mit dem Abzug von Milliardeninvestitionen - und lobt das Vorpreschen von Staaten wie China.

SPIEGEL ONLINE: Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner hat den Anbau der Amflora-Kartoffel in Mecklenburg-Vorpommern genehmigt. Wie bewerten Sie dies?

Kast: Ich bin erfreut, dass es zu der Genehmigung gekommen ist. Allerdings bin ich überrascht, dass es überhaupt zur Diskussion stand. Hierbei geht es um einen Feldversuch, der auf ähnliche Art und Weise für die Jahre 2007 und 2008 genehmigt und durchgeführt wurde.

SPIEGEL ONLINE: Ist Ihre Sorge, dass die Bundesregierung die Grüne Gentechnik nicht ausreichend unterstützt, damit obsolet?

Kast: Die Genehmigung ist ein Schritt zu mehr Sachlichkeit und Wissenschaftlichkeit innerhalb der Diskussion. Trotzdem ist die gesamte Debatte ein Beweis dafür, wie politisch diskutiert wird. Unsere Sorge um den Verlust des Forschungsstandorts und der Wettbewerbsfähigkeit ist damit noch längst nicht ausgeräumt.

SPIEGEL ONLINE: Wie wichtig ist die deutsche Kontroverse für Ihr Unternehmen?

Kast: Die Debatte ist wichtig, weil wir fest davon überzeugt sind, dass es sich um eine bedeutende Zukunftstechnologie handelt. In den vergangenen zehn Jahren haben wir daher weltweit eine Milliarde Euro in die Grüne Gentechnik investiert.

SPIEGEL ONLINE: Wenn Deutschland sich nun grundsätzlich gegen Grüne Gentechnik wenden würde, was bedeutete das für BASF?

Kast: Wir sind heute weltweit aufgestellt und auf diesem Gebiet außer in Europa auch in Nord- und Lateinamerika aktiv. Bisher haben wir uns der enormen Kompetenz, die es auch in der Deutschland in der Pflanzenbiotechnologie gibt, bedient. Aber wenn es hier schwierig ist, daraus wirtschaftlichen Erfolg zu ziehen, werden unsere Investitionen dort erfolgen, wo das möglich ist.

SPIEGEL ONLINE: Woran denken Sie?

Kast: Man muss sich nur anschauen, wie viel beherzter China und andere Länder Asiens die Chancen der Grünen Gentechnik nutzen. Wenn man sieht, wie viel dort in die Forschung investiert wird, weiß man, wo künftig die Musik spielt, wenn wir in Europa nicht aufpassen. Wir steigen nun auch in die Entwicklung neuer Reispflanzen ein, da werden wir bald die ersten Freilandversuche in Asien starten.

SPIEGEL ONLINE: Kritiker führen gegen die Grüne Gentechnik ins Feld, dass die verfügbaren Techniken nur einen sehr begrenzten Nutzen haben.

Kast: Immerhin werden die Herbizidresistenz und die Schädlingsresistenz heute weltweit schon auf 125 Millionen Hektar genutzt, das ist das Zehnfache der deutschen Ackerfläche. Und das ist erst der Anfang. Wir sehen jetzt die Chance, Pflanzen in ihrer Zusammensetzung gezielt zu verändern, sie etwa gegen Dürren widerstandsfähiger zu machen. Das geht nur mit Gentechnik.

SPIEGEL ONLINE: Aber in Europa gibt es doch genug Lebensmittel, warum sollte man sich da auf die möglichen Risiken dieser neuen Technologie einlassen?

Kast: Man muss das Wachstum der Weltbevölkerung betrachten, den Zusatzbedarf an Fleisch in Südostasien und dann noch die Verwendung von nachwachsenden Rohstoffen als Energieträger. Das wird dazu führen, dass wir auf den bestehenden Flächen produktiver sein müssen, wenn wir nicht die ganzen Regenwälder abholzen wollen. Wir müssen binnen 20, 25 Jahren die Produktion in der Landwirtschaft verdoppeln. Dazu brauchen wir viele neue Werkzeuge in der Pflanzenzüchtung, auch die Gentechnik.

SPIEGEL ONLINE: Europa selbst könnte dennoch ohne Grüne Gentechnik auskommen.

Kast: Europa verliert dann aber die Chance auf einen großen Zukunftsmarkt. Wir würden uns einmal mehr abhängen lassen, so wie in den sechziger Jahren bei den Halbleitern und später in der medizinischen Biotechnologie.

SPIEGEL ONLINE: Die Biolandwirtschaft erlebt doch einen regelrechten Boom und schafft ebenfalls sehr viele Arbeitsplätze. Die könnten bedroht sein, wenn eine gentechnikfreie Landwirtschaft nicht mehr möglich ist!

Kast: Nur muss man sich darüber im Klaren sein, dass sich mit dem Biolandbau die Probleme der Welternährung nicht lösen lassen. Dafür ist Biolandbau, so wie wir es im mitteleuropäischen Raum kennen, eher unbedeutend.

SPIEGEL ONLINE: Aber die Umfragen sind eindeutig. Die Mehrheit der Bevölkerung will keine gentechnisch veränderten Lebensmittel. Müssen Sie das nicht respektieren?

Kast: Wir respektieren das. Aber ich verstehe nicht, warum Politiker sagen, wir lassen es nicht zu, weil es der Verbraucher nicht will. Lasst doch bitte den Verbraucher entscheiden. Wir entwickeln Produkte für den Markt und wenn niemand sie kauft, ist das doch unser Problem.

SPIEGEL ONLINE: Die Kennzeichnungspflicht hat dazu geführt, dass Lebensmittelhersteller gentechnisch veränderte Zutaten absolut meiden, damit sie nicht auf der Verpackung auftauchen. Ist das nicht ein eindeutiges Signal?

Kast: Dabei muss man folgendes bedenken: Nach Europa werden jährlich 30 Millionen Tonnen Soja als Futtermittel für Milchkühe und Tiere für die Fleischproduktion importiert. Überwiegend sind diese Sojapflanzen gentechnisch verändert, nur muss das im Endprodukt, an der Milch und auf der Fleischverpackung, nicht gekennzeichnet werden. Sonst würde auf fast allen Lebensmitteln ein Hinweis auf Gentechnik stehen.

SPIEGEL ONLINE: Das würde die Verbraucher wohl sehr beunruhigen.

Kast: Andererseits fahren viele von uns im Urlaub nach Nord- oder auch nach Südamerika. Dort isst jeder Lebensmittel, die mit gentechnisch veränderten Pflanzen hergestellt wurden. In weiten Teilen der Welt wird jeden Tag der Beweis erbracht, dass von diesen Pflanzen kein höheres Risiko ausgeht als von anderen Pflanzen auch.

SPIEGEL ONLINE: Würden Sie also lieber auf Kennzeichnung verzichten, wie etwa in den USA?

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