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US-Automobilindustrie Chrysler-Insolvenz leitet Zeitenwende in Detroit ein

2. Teil: Wie die Insolvenz im Schnelldurchlauf funktioniert

Diesmal jedoch versucht der Konzern, mit Gewerkschaften, Gläubigern, Händlern und Zulieferern schon vorweg Vereinbarungen zu treffen und diese dem Gericht dann als fertig geschnürtes Paket vorzulegen. "Quick-rinse bankruptcy" nennen sie das auch: "Insolvenz im Schnelldurchlauf". Das Weiße Haus will diesen Prozess mit weiteren Geldspritzen von bis zu acht Milliarden Dollar flankieren.

Fiat dagegen muss der Vereinbarung zufolge keine direkte Finanzierung beisteuern. Es soll Chrysler kostenlosen Zugang zu Technologie und Know-how geben und mindestens ein neues US-Werk bauen. Außerdem bekommt der Konzern Sitze im Board. Für die Reste Chryslers nach der Insolvenz soll es zwei Milliarden Dollar an die Gläubiger zahlen. Im Gegenzug darf es seine Beteiligung von anfangs 20 schrittweise auf 35 Prozent erhöhen. Ursprünglich war vorgesehen worden, dass Fiat am Ende 55 Prozent an Chrysler halten kann. Das zerschlug sich aber in den Verhandlungen mit der Gewerkschaft UAW, die jetzt selbst 55 Prozent an Chrysler übernehmen wird.

Die restlichen zehn Prozent sollen in staatliche Hand übergehen: Acht Prozent an die US-Regierung, zwei Prozent an die Regierungen von Kanada und seines Bundesstaates Ontario.

Die eigentlichen Anteilsgrößen sind für Fiat aber sowieso weniger entscheidend. "Auch wenn die Aktienstruktur wichtig ist", schreibt die italienische Zeitung "Corriere della Sera", "ist sie doch nicht die ganze Geschichte." Für Fiat sei die Allianz mit Chrysler zwar "gewagt", aber auch "ausschlaggebend". So könnten sich beide Unternehmen bestens ergänzen, bei Produktion wie Vertrieb: Chrysler, das auf größere Autos spezialisiert ist, und Fiat mit seinen Kleinwagen und Energiespar-Autos.

Da der gerichtliche Gläubigerschutz nun aber an erster Stelle steht, ist der Ausgang dieser "chirurgischen Insolvenz" trotzdem keineswegs garantiert. Das Weiße Haus hofft, dass das Verfahren innerhalb weniger Wochen erledigt wird, die Rede ist von "30 bis 60 Tagen". Dabei würde Chrysler, unter der Kontrolle des Gerichts, Schulden, Verkaufsvertretungen und andere teure Verbindlichkeiten abstoßen - Vorbedingungen für einen Fiat-Einstieg, der erst erfolgt, wenn alle Schulden getilgt sind.

Es besteht jedoch durchaus weiterhin die Möglichkeit, dass das Gericht Chrysler - mit seinen 54.000 Angestellten, rund 115.000 abhängigen Pensionären und Montagewerken in Michigan, Ohio und Indiana - auf Druck der Gläubiger zerschlägt und die Einzelteile verscherbelt wie ein Schrottauto. Denn das könnte für die Geldgeber lukrativer sein.

Es waren ja eben auch diese Widerspenstigen, die einen außergerichtlichen Deal in der Nacht zum Donnerstag hatten scheitern lassen. Chrysler steht bei 46 Gläubigern - Großbanken, Hedgefonds, Investoren - mit insgesamt 6,9 Milliarden Dollar in der Kreide. Das US-Finanzministerium hatte als Kompromiss angeboten, sie mit zwei Milliarden Dollar abzufinden, also knapp 29 Cent pro Dollar.

Die vier größten Banken, die 70 Prozent der Chrysler-Schuldenlast beanspruchen, sagten zu: JPMorgan Chase, Morgan Stanley, Goldman Sachs und Citigroup. Die anderen jedoch winkten ab, darunter viele Hedgefonds - obwohl die US-Regierung die Summe am Ende noch mal auf 2,25 Milliarden Dollar aufstockte. Obama verhehlte seine Entrüstung nicht: Die Fonds hätten "ungerechtfertigt" Staatsgelder haben wollen. "Ich stehe nicht an ihrer Seite."

Die "Verweigerer", wie sie in der US-Presse schnell tituliert wurden, begründeten ihren Widerstand unter anderem damit, dass sie, anders als die US-Autogewerkschaft UAW, nur Cash angeboten bekommen hätten statt Aktienanteile. Eine solche Offerte sei "eine eklatante Missachtung der Fairness", protestierten sie. Ein weiterer Grund: Die Fonds halten auch Anteile an GM und Ford - eine reduzierte Produktionskapazität aufgrund einer Chrysler-Insolvenz käme ihnen finanziell also mehr zugute als ein Deal. Sie würden über Kreditderivat-Geschäfte davon profitieren.

Die meisten Zugeständnisse machte dagegen die Gewerkschaft. Sie verzichtete auf Sozialleistungen und Überstundenausgleich, billigte Lohnkürzungen und ließ sich auf ein verschärftes Arbeitsrecht ein - im Gegenzug für den 55-Prozent-Anteil an einem umstrukturierten Chrysler, mit dem die UAW ihre Pensionslast mitfinanzieren will, die sich inzwischen auf zehn Milliarden Dollar beläuft.

Ein solch massiver Einstieg der Arbeitnehmer in ein Unternehmen ist in den USA einmalig. Die UAW wird nicht nur der größte Chrysler-Shareholder, sondern auch im Verwaltungsrat vertreten sein. Insgesamt sechs Mitglieder sollen die Regierungen der USA und Kanadas sowie die Gewerkschaft stellen, drei Vertreter entsendet Fiat.

Ähnliches zeichnet sich bei GM ab, wo die UAW ein Drittel der Anteile bekommen soll. "Die Gewerkschaft wird nie mehr die gleiche sein", sagte der Auto-Experte Gary Chaison der "New York Times". "Die Industrie wird nie mehr die gleiche sein."

Das bisherige Chrysler-Management dürfte der Insolvenz freilich zum Opfer fallen. Firmenchef Robert Nardelli, der bis zuletzt noch Hoffnungen auf einen außergerichtlichen Deal gemacht hatte, erklärte noch am Donnerstag seinen Rücktritt. Auch Vize Tom LaSorda kündigte bereits seinen Rücktritt an.

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