Wirtschaft



  • Drucken
  • Senden
  • Feedback
06.05.2009
 

Familienpolitik

Wie das Elterngeld wirklich wirkt

Von Susanne Amann

Die Zahl der Neugeborenen ist durch das Elterngeld nicht gestiegen. Eine neue Studie zeigt allerdings, dass die Neuregelung trotzdem wirkt: Zwar werden weniger Frauen Mütter - die bekommen aber mehr Kinder.

Hamburg - Es hatte fast etwas Hämisches, wie im April der erneute Geburtenrückgang kommentiert wurde: Die Zahlen zeigten, dass man den "vermeintlichen Boom" nicht erzwingen könne. Dass es wieder "weniger dicke Bäuche" gebe, sei ein "Flop der Familienministerin", musste sich Ursula von der Leyen vorhalten lassen. Die Ursache der öffentlichen Schelte: Das statistische Bundesamt hatte mitgeteilt, dass trotz des Elterngeldes und des verstärkten Ausbaus der Kinderbetreuung im vergangenen Jahr erneut weniger Kinder auf die Welt gekommen sind.

Die Statistiker rechnen für 2008 mit 675.000 Neugeborenen - 1,1 Prozent weniger als im Vorjahr. Und das, obwohl die Familienministerin monatelang für ihre Familienpolitik getrommelt und schon erste Erfolge verkündet hatte.

Und doch: Das Elterngeld wirkt - wenn auch im kleinen. "Auch wenn es in Deutschland 2008 weniger Nachwuchs gab, bekommen die Menschen wieder mehr Kinder", so das Ergebnis einer Studie des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung. Was erst einmal widersprüchlich klingt, hat einen wahren Kern: Denn tatsächlich zeigt die Studie, dass zwar die Zahl der Geburten absolut gesunken ist - allerdings nicht so stark wie die Zahl der Frauen im geburtsfähigen Alter.

Wo weniger Frauen sind, gibt es auch weniger Kinder

"Wir haben durch die geringen Geburtenzahlen der vergangenen Jahrzehnte einen starken Rückgang der potentiellen Mütter", sagt Reiner Klingholz, Leiter des Berlin-Instituts. Selbst bei einer gleichbleibenden Geburtenrate könne die Zahl der Kinder deshalb nicht steigen - denn wo weniger Frauen sind, werden auch weniger Kinder geboren. "Dass die Zahl der Geburten quasi gleich geblieben ist, ist deshalb schon ein kleiner Erfolg."

Und den erklären sich die Demografie-Forscher tatsächlich mit den familienpolitischen Maßnahmen der CDU-Ministerin. Mit der Einführung des Elterngeldes hätten vor allem die neuen Bundesländer einen Sprung nach vorne gemacht. "Parallel zur Einführung des Elterngeldes 2007 werden Familiengründungen in ganz Deutschland wieder häufiger. Der Effekt war besonders im Osten Deutschlands zu beobachten, unter anderem, weil dort der Nachholbedarf nach dem massiven Geburteneinbruch Mitte der neunziger Jahre bis heute anhält."

Tatsächlich ist die deutliche Trennung zwischen der ehemaligen DDR und Bundesrepublik inzwischen quasi nicht mehr zu erkennen. "2007 herrschte zum ersten Mal seit 1990 in Bezug auf die Fertilität wieder Gleichstand zwischen Ost und West", sagt Klingholz. Wurden 1997 in den neuen Bundesländern durchschnittlich nur 1,04 Kinder pro Frau geboren, waren es 2006 bereits wieder 1,3 Kinder. Im Westen sank die Zahl im gleichen Zeitraum von 1,44 Kinder auf 1,34 Kinder.

Geburtenrate steigt in den Städten

Dass die Kinderzahl vor allem in den vergleichsweise kinderreichen, ländlichen Regionen der alten Bundesländer so stark zurückgegangen ist, führen die Berliner Forscher auf das veraltete Rollenmodell zurück: Dort finde sich häufig noch ein männlicher Hauptverdiener und vergleichsweise schlechte öffentliche Betreuungsangebote. Dieses Modell verliere bei jungen Menschen ganz offensichtlich an Attraktivität. "Weil das 2007 eingeführte Elterngeld die Doppelverdienergemeinschaft und damit erwerbstätige und oft auch gut qualifizierte Frauen begünstige, können diese Regionen davon nur wenig profitieren", schreiben die Forscher.

Genau diese Frauen bekommen allerdings dann Kinder, wenn sie dort leben, wo sich Familie und Beruf vereinbaren lassen: in den urbanen Zentren. "In den Städten wurden in den vergangenen Jahren größere Fortschritte gemacht, was zum Beispiel den Ausbau der Ganztagsbetreuung angeht", sagt Klingholz. Außerdem sei die Zahl der berufstätigen Frauen deutlich höher.

Und noch etwas zeigt die veränderten Lebensrealitäten vor allem von Frauen: Die meisten Kinder bekommen hierzulande die 30-Jährigen: 97 Kinder je 1000 Frauen. Auch bei den Mittdreißigern hat die Zahl der Geburten stark zugenommen: Während 2001 nur 54 Kinder je 1000 Frauen im Alter von 35 Jahren geboren wurden, waren es 2007 bereits 68 Kinder. Damit brachten die 35-jährigen Frauen 2007 mehr Kinder zur Welt als die Frauen im Alter von 25 Jahren und doppelt so viele Kinder wie 21-jährige Frauen.

Das Fazit der Forscher: Obwohl die Effekte des Elterngeldes sich als ernüchternd erwiesen hätten, gebe es keinen Weg zurück. "Der Ausbau der Kinderbetreuung unabhängig vom Erwerbsstatus der Eltern und von Ganztagsschulen ist dringend geboten - auch weil die Volkswirtschaft auf qualifizierte Frauen angewiesen ist." Es komme dem Wunsch junger Menschen entgegen, sowohl einen Beruf als auch eine Familie zu haben - diese Angebote bereitzustellen, sei Aufgabe der Familienpolitik.

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

Forum

insgesamt 341 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
01.07.2010 von chirin: Mehr Flexibilität beim Elterngeld?

Was um Gottes Willen ist das denn für ein Ressort? neu geschaffenauf Steuerzahlers Kosten ? Für die in Niedersachsen unbeliebte Politikerin? Was sind den "ängstliche" Väter? gibt es so viele Loser, dass man denen [...] mehr...

30.06.2010 von dogs:

Jetzt werfen Sie aber Versicherungsleistungen mit Sozialleistungen durcheinander. Sozialleistungen knüpften bisher an Bedürftigkeit an, Versicherungsleistungen an ein Versicherungsverhältnis. Dieser Zusammenhang ist beim [...] mehr...

30.06.2010 von kdshp:

Hallo, wo sind die argumente? Also wo zahle ich was ein das ich das elterngeld rechtfertigen kann. Sie wissen das das eien soziale überversorgung ist die wir uns in diesem sozialstaat nicht mehr leisten können. OK die die am [...] mehr...

30.06.2010 von annalüse: .

http://forum.spiegel.de/showpost.php?p=5772157&postcount=329 ---Zitat--- ES gibt schon kindergeld! ---Zitatende--- Kindergeld steht in ganz anderem Zusammenhang. Kinder haben wie Erwachsene einen Steuerfreibetrag, der [...] mehr...

30.06.2010 von kdshp:

Hallo, äh ALG1 wird von beiträgen finanziert (arbeitslosenversicherung). Mir ist nicht bekannt das es eine elterngeld-versicherung gibt! Auch bei rente und krankengeld habe ich voreher leistungen gezahlt bei elterngeld nicht ES [...] mehr...

Und Ihre Meinung? Diskutieren Sie mit! zum Forum...

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Wirtschaft

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Mehr auf SPIEGEL ONLINE






TOP



TOP