München - Milliardenverluste bei den Unternehmen, Kurseinbrüche an den Börsen, mehr Insolvenzen: Die zahlreichen Hiobsbotschaften aus der Konjunkturkrise beschäftigen die Deutschen. Angesichts der schwierigen Wirtschaftslage fürchten die Bundesbürger vermehrt um ihren Job. Der Arbeitsmarkt steht mitten in der weltweiten Rezession bei 57 Prozent der Bundesbürger ganz oben auf der Sorgenliste, wie aus einer am Freitag veröffentlichten Analyse des Marktforschungsinstituts GfK hervorgeht.
Arbeitslose in Berlin: Die Deutschen fürchten um ihren Job
Auch die Sorge um die wirtschaftliche Stabilität nimmt zu. Sie schnellte mit 36 Prozent der Nennungen auf den zweiten Platz hoch - von Rang 15 im Vorjahr. Die Furcht um die Wirtschaftslage stieg deutlich schneller als die Sorge vor Arbeitslosigkeit. Der Abstand zwischen diesen beiden Themen hat sich von 46 Punkten im Vorjahr auf 21 Punkte mehr als halbiert.
Die diffuse Angst vor der Rezession steigt damit ausgerechnet in dem Moment an, in dem sich die Anzeichen mehren, dass die Talsohle der Krise allmählich überschritten sein könnte. Die deutschen Exporteure verzeichneten ihr erstes Umsatzplus seit sechs Monaten, die deutsche Industrie hat im März zum ersten Mal seit einem halben Jahr wieder mehr Aufträge erhalten - und auch die deutsche Börse ist seit Wochen verhältnismäßig stabil.
Unbegründet sind die Ängste aber dennoch nicht: Viele Experten glauben, dass auf den Absturz der Wirtschaft kein ebenso schneller Aufschwung folgen wird - sondern eher eine langsame Erholung. Zudem wirkt sich die Krise mit etwa sechsmonatiger Verzögerung auf den Job-Markt aus, so dass in den kommenden Monaten vermehrt Stellen abgebaut werden könnten.
| Deutsche Sorgen | ||||
| Freie Antworten | 2006 | 2007 | 2008 | 2009 |
| Arbeitslosigkeit | 80 | 67 | 53 | 57 |
| Wirtschaftl. Stabilität | 8 | 6 | 7 | 36 |
| Bildungspolitik | 9 | 10 | 17 | 14 |
| Preis-/Kaufkraftentwicklung | 11 | 18 | 37 | 13 |
| Soziale Sicherung | 10 | 8 | 13 | 13 |
| Politik/Regierung | 6 | 7 | 9 | 10 |
| Gesundheitswesen | 15 | 13 | 12 | 10 |
| Staatsfinanzen | 6 | 7 | 2 | 9 |
| Renten/Altersversorgung | 18 | 18 | 23 | 9 |
| Kriminalität | 6 | 10 | 13 | 8 |
| Umweltschutz | 5 | 16 | 12 | 7 |
| Steuerpolitik | 6 | 9 | 11 | 7 |
| Quelle: Challenges of Europa 2009, GfK; Angaben in Prozent. Die Befragten nannten als dringlichste Aufgaben, die in Deutschland zu lösen sind: (freie Antworten; Mehrfachnennungen möglich) | ||||
Ähnlich wie in Deutschland sieht das Bild im europäischen Ausland aus: Auch hier sind die Arbeitsmarktproblematik und die Beunruhigung über die wirtschaftliche Entwicklung auf den ersten beiden Rängen angesiedelt. In Großbritannien, Belgien und den Niederlanden nimmt letztere sogar den obersten Platz ein. Dafür tritt zum Beispiel die Furcht vor Kriminalität oder das Thema Altersvorsorge in den Hintergrund.
| Die Herausforderungen in Europa 2009 | ||||||||||
| Gesamt | D | I | F | A | GB | RUS | B | PL | E | |
| Arbeitslosigkeit | 39 | 57 | 46 | 54 | 42 | 20 | 21 | 27 | 44 | 67 |
| Wirtschaftl. Stabilität | 29 | 36 | 31 | 13 | 34 | 43 | 26 | 31 | 22 | 34 |
| Preis-/ Kaufkraftentwicklung | 22 | 13 | 21 | 51 | 16 | 5 | 31 | 12 | 20 | 3 |
| Kriminalität | 11 | 8 | 41 | 6 | 6 | 19 | 3 | 11 | 2 | 8 |
| Renten / Altersversorgung | 8 | 9 | 8 | 9 | 10 | 1 | 13 | 6 | 9 | 1 |
| Quelle: Challenges of Europe 2009, GfK-Nürnberg e.V. | ||||||||||
"Die Wirtschaftskrise bestimmt die Sorgen"
In Deutschland hätten die Ängste laut Gesellschaft für Konsumforschung allerdings noch größer ausfallen können. "Die Wirtschaftskrise bestimmt die Sorgen", sagte auch GfK-Chef Klaus Wübbenhorst. Mit dem entschlossenen Handeln der Regierung beispielsweise durch die Ausdehnung der Kurzarbeit sei bisher Schlimmeres verhindert worden, ergänzte er. Das habe die Sorge vor Arbeitslosigkeit etwas gedämpft.
Die beschlossenen Konjunkturhilfen sollten möglichst rasch umgesetzt werden, sagte Wübbenhorst. Die Programme sollten ausgeschöpft werden, und auch Kurzarbeit bleibe ein wichtiges Instrument. Auch ein Streichen oder Aussetzen des Solidaritätszuschlags würde schnell und unmittelbar wirken. Dadurch könnte der für das laufende Jahr erwartete schärfste Einbruch der Wirtschaftsleistung seit Bestehen der Bundesrepublik zumindest etwas abgemildert werden.
Die Umfrage zeige laut Wübbenhorst aber auch, dass gerade die Leistungsträger nicht über Gebühr belastet werden sollten. Denn genau in dieser Gruppe wachse die Sorge um die wirtschaftliche Stabilität besonders stark. Es gelte dafür zu sorgen, dass Sorgen, die bereits hoch seien, nicht noch höher würden. Wenn die Regierung weiter entschlossen handele, werde die Angst vor Arbeitslosigkeit nicht so stark steigen, wie dies angesichts der Krise zu befürchten wäre.
Dauerthema Arbeitsmarkt
Die Marktforscher der GfK können inzwischen auf eine langjährige Datensammlung zurückblicken. "Fazit ist letztlich, der Deutsche hat immer hohe Sorge vor Arbeitslosigkeit. Zudem gibt es immer Sonderthemen, auf die der Bürger reagiert, aber die dann, wenn sie gelöst sind, auch wieder verschwinden", fasst Wübbenhorst zusammen. Als Beispiele nennt er die Euro-Einführung, die EU-Osterweiterung oder Ausländerfeindlichkeit.
Auch das Thema Umweltschutz ist mal mehr, mal weniger präsent: Zu Zeiten der Wiedervereinigung wurde es mit einem Fünftel der Nennungen fast genauso häufig genannt wie Arbeitslosigkeit, sank aber binnen eines Jahrzehnts auf vier Prozent ab. Seit 2007 ist es wieder präsent (16 Prozent), wurde aber 2008 von der Finanzkrise überschattet.
suc/ssu/Reuters/dpa
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