Ohne das massive Versagen der Rating-Agenturen wäre eine so katastrophale Entwicklung auf den Finanzmärkten kaum denkbar gewesen. Die von schlauen Ökonomen und Mathematikern zusammengebrauten und heute überwiegend als toxisch eingestuften Finanzprodukte konnten nur deshalb eine so große Verbreitung finden, weil die Rating-Agenturen dafür bereitwillig die besten Testate vergaben.

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Diese wundersame Transformation war für die Rating-Agenturen ein Supergeschäft, und sie verdienten dabei gleich doppelt, da sie den Emittenten solcher Produkte helfend zur Seite standen, wenn es darum ging, den besten Mix bei der Strukturierung zu finden.
Den hohen Gewinnen der Rating-Agenturen standen keinerlei Risiken gegenüber, denn anders als beispielsweise Wirtschaftsprüfer unterliegen sie bei ihren Testaten keinerlei Haftung. Dies kommt dadurch zustande, dass sich diese Institute selbst als Finanzjournalisten sehen, die lediglich "Meinungen" zu Unternehmen abgeben, wobei sie sich durch das in den Vereinigten Staaten verfassungsrechtlich verbriefte Recht der Meinungsfreiheit geschützt sehen.
Massive Fehleinschätzungen
Bei den massiven Fehleinschätzungen der Agenturen sollte man eigentlich erwarten, dass in Zukunft auf eine solche Form des Journalismus verzichtet wird. Doch genau das Gegenteil ist der Fall. Im Regelwerk von Basel II spielen externe Ratings eine ganz zentrale Rolle. Es gibt heute in der Europäischen Union zwar Bestrebungen, eine stärkere staatliche Aufsicht über die Agenturen zu etablieren. Aber es stellt sich die grundsätzlichere Frage, ob es wirklich sinnvoll ist, die Risiken von Finanzaktiva durch private Institutionen feststellen zu lassen, die umso höhere Gewinne erzielen, je mehr Testate sie vergeben.
Überzeugte Marktwirtschaftler würden dem entgegnen, dass sich die Agenturen in einem Wettbewerbsprozess behaupten müssen, bei dem man langfristig nur dann erfolgreich ist, wenn man sich eine Reputation als strenger Qualitätsprüfer erworben hat.
Dabei gilt es jedoch zu bedenken, dass es weltweit im Grunde nur drei große Rating-Agenturen gibt: Standard & Poor's, Moody's und Fitch Ratings. Die Erfahrung hat gezeigt, dass alle drei nach jeder massiven und stets kollektiven Fehleinschätzung (beispielsweise im Fall der Asienkrise im Jahr 1997 und beim Zusammenbruch des US-Energiekonzerns Enron im Jahr 2001) wie Stehaufmännchen ganz schnell wieder im Geschäft waren.
Von wem hätten Emittenten auch sonst die für den Absatz von Finanzprodukten unvermeidlichen Testate beziehen sollen? Auch heute sind sie die einzigen Mitschuldigen an der Finanzkrise, die völlig ungeschoren und nach wie vor erhobenen Hauptes ungehindert ihren Geschäften nachgehen können. Der Wettbewerb ist somit offensichtlich alles andere als ein wirksamer Mechanismus zur Sicherung der Rating-Qualität.
Der Vorteil staatlicher Rating-Agenturen
Wenn man in Zukunft an Ratings festhalten und gleichzeitig eine verlässlichere Risikobeurteilung erreichen will, ist es naheliegend, eine staatliche Rating-Agentur zu gründen, die bei ihren Testaten nicht mehr darauf Rücksicht nehmen muss, wie sich das auf ihren Gewinn auswirkt. Es mag sein, dass dann der eine oder andere Beamte bei der Beurteilung neuartiger Instrumente etwas zu zögerlich ist, aber für die Stabilität des Finanzsystems wäre mehr Bodenständigkeit keine so schlechte Sache.
Wenn sich der Staat der Aufgabe des Ratings annimmt, hat er auch den großen Vorteil, dass er sich bei der Bankenaufsicht wirklich auf die Testate verlassen kann und nicht noch einmal nachprüfen muss, was sich hinter einem AAA-Papier tatsächlich verbirgt. Um einer staatlichen Rating-Agentur die nötige Größe zu verschaffen, würde es sich anbieten, eine solche Institution durch die Mitgliedstaaten des Euro-Raums oder vielleicht auch der Europäischen Union ins Leben zu rufen.
In der Vergangenheit wurde der Nachteil von staatlich vergebenen Testaten darin gesehen, dass der Staat bei gravierenden Fehleinschätzungen für Bankenzusammenbrüche haftbar gemacht werden könnte. Da eine solche Situation nun aber in extremem Maße als Folge von privaten Ratings eingetreten ist, kann dies nicht mehr als ein stichhaltiges Argument für ein Beibehalten des Status quo angeführt werden.
TÜV für neue Finanzprodukte
Die Aufgabe einer staatlichen Rating-Agentur sollte jedoch nicht darin bestehen, die Risiken von Krediten und Wertpapieren zu beurteilen. Wiederum in Analogie zum Straßenverkehr könnte sie zudem die Funktion eines TÜV für neue Finanzprodukte übernehmen. So wie man durch staatliche Zulassungsvorschriften dafür sorgt, dass niemand mit einem selbstgebastelten Rennmobil zur Gefahr für andere Verkehrsteilnehmer werden kann, so sollten auch für Produkte im Finanzverkehr bestimmte Sicherheitsnormen erfüllt sein.
Zu den Ursachen der Finanzkrise gehört, dass in den Boomjahren immer exotischere Produkte in Umlauf gebracht wurden. Sie waren häufig von so komplexer Natur, dass nur noch wenige Investoren wirklich verstanden, auf welches Geschäft sie sich dabei eingelassen hatten. Zudem wurden dafür in der Regel extrem umfangreiche, oft mehrere Hundert Seiten lange Vertragskonstruktionen gewählt, die viele Fallstricke enthielten und wohl nur in den seltensten Fällen gänzlich durchgesehen wurden.
Ein staatlicher Finanz-TÜV sollte zumindest für Produkte vorgeschrieben werden, die von Banken erworben werden. Dabei könnte zum einen auf eine Standardisierung von Vertragsbestimmungen gedrängt werden, die es im Krisenfall erleichtert, den Wert einer Forderung zu bestimmen. Zum anderen könnte darauf geachtet werden, dass Finanzprodukte nicht zu komplex strukturiert werden, was ebenfalls die Bewertungsprobleme vermindert, mit denen derzeit Banken wie Aufsichtsbehörden zu kämpfen haben.
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