Wirtschaft


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11.05.2009
 

Women's World Bank

"Lehman Sisters hätten uns die Krise erspart"

In den Banken sitzen zu wenige Frauen - für Mary Iskenderian wurde die Finanzkrise auch deshalb ausgelöst. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview erklärt die Chefin der Women's World Bank, warum Mikrokredite zeigen, dass weibliche Nachhaltigkeit besser funktioniert als männliche Risikofreude.

SPIEGEL ONLINE: Frau Iskenderian, weltweit leiden die großen Geldhäuser unter der Finanzkrise - die Banken, die Sie vertreten dagegen nicht. Woran liegt das?

Iskenderian: Wir vergeben unsere Kredite nach sehr strengen Kriterien, sie werden zu einem hohen Teil zurückgezahlt. Deshalb haben wir momentan keine Probleme mit hohen Ausfallquoten.

SPIEGEL ONLINE: Dann geht die Krise also an Ihnen vorbei?

Iskenderian: Nein, auch für uns ist es schwieriger geworden, Kredite zu bekommen. Auf den weltweiten Finanzmärkten bekommen unsere Banken zwar noch Dollar und Euro - aber lokale Währungen sind teuer. Kleine Banken können deshalb kaum noch Kredite anbieten - oder nur sehr teure. Wir vergeben an diese Institute deshalb Kreditgarantien, damit sie sich wieder zu günstigen Bedingungen Geld leihen und dieses weiter verleihen können.

Zur Person

Mary Ellen Iskenderian ist seit 2006 die Chefin der Women's World Bank (WWB). Diese vereint 54 Institute unter einem Dach, die weltweit Mikrokredite anbieten. Zuvor arbeitete die Wirtschaftswissenschaftlerin bei der inzwischen pleite gegangenen US-Investmentbank Lehman Brothers und bei der Weltbank.
SPIEGEL ONLINE: Haben die Banken keine Einlagen, die ihnen über den aktuellen Engpass hinweg helfen könnten?

Iskenderian: Wenig - das gehörte bislang nicht zum Geschäftskonzept. Inzwischen fangen aber auch unsere Banken an, ihren Kleinstkunden Sparverträge anzubieten - und diese Einlagen als Geldquelle für die eigene Kreditvergabe zu nutzen. Das ist neu für Mikrokreditinstitute, denn bei den kleinen Summen, die da rein und raus gehen, ist die Verwaltung sehr teuer.

SPIEGEL ONLINE: Die Institute der Women's World Bank geben Menschen in sehr armen Ländern Geld - auch solchen, die von keiner anderen Bank Kredit bekommen würden. Warum funktioniert dieses Modell?

Iskenderian: Weil unsere Kunden hauptsächlich Frauen sind - und deren Rückzahlungsquote ist generell höher.

SPIEGEL ONLINE: In den Entwicklungsländern trifft die Krise vor allem Frauen, obwohl die Finanzzocker, die sie verursacht haben, zum Großteil Männer sind. Wäre der Finanzkollaps verhindert worden, hätten mehr Frauen in den Finanzmärkten gearbeitet?

Iskenderian: Es gibt genügend wissenschaftliche Studien, die belegen, dass Männer risikofreudiger sind - was in Boomzeiten gut ist. Frauen dagegen setzen auf nachhaltigen Profit. Hätten wir nicht nur Lehman Brothers, sondern auch Lehman Sisters gehabt, wäre uns die Krise mit dem jetzigen Ausmaß erspart geblieben. Doch dieser Ausgleich fehlte, obwohl inzwischen bekannt ist, dass Diversity - also ein vielfältiges Team - bessere Resultate bringt. Aber die Mehrheit der Investmentbanker ist weiß und männlich.

SPIEGEL ONLINE: Warum vergeben Sie dann die Mehrzahl der Kredite an Frauen?

Der Artikel entstand während des Symposiums, das alljährlich von Studenten der Schweizer Universität St. Gallen abgehalten wird. Die Tagung stand in diesem Jahr unter dem Titel "Revival of political and economic boundaries".
Iskenderian: Weil sie nachhaltiger denken. Wenn Sie Frauen wirtschaftlich stärken, reinvestieren diese das Geld in die Versorgung ihrer Kinder und deren Ausbildung. Das ist ein lang anhaltender, generationenübergreifender Nutzen. Wir als Kreditgeber können so sehr effizient die Situation aller Familienmitglieder verbessern, die Frau fungiert als Multiplikator unserer Hilfen. Unsere Erfahrung zeigt auch: Läuft das Geschäft der Frau erfolgreich, wird also ihr Einkommen relevant, steigt irgendwann auch der Mann mit ein - und so stärkt das die ganze Familie.

SPIEGEL ONLINE: Und das würde nicht funktionieren, wenn man Männern Kredite geben würde?

Iskenderian: Nur bedingt: Männer reinvestieren ihre Gewinne oft direkt in ihr Geschäft - was gut ist, weil das dann schneller wächst. Aber die Gewinne bleiben eben nicht immer im Haushalt. Wir wissen, dass von jedem Dollar 20 Cent für Prostitution, Glücksspiel, Alkohol und Softdrinks ausgegeben werden - und das meist von Männern.

SPIEGEL ONLINE: Warum steigen dann normale Banken bei diesem Modell nicht ein, wenn es sich doch lohnt?

Was ist ein Mikrokredit?

Mikrokredite sind ein Instrument der Wirtschaftshilfe. Dabei handelt es sich nicht um Spenden, sondern um eine Form der Finanzdienstleistung für Kleinstunternehmer in wirtschaftlich schwachen Regionen. Normalerweise stellen Banken der Bevölkerung dort keine Darlehen zur Verfügung, weil es an Sicherheiten fehlt und der Bearbeitungsaufwand angesichts der geringen Summen zu groß ist. Mikrokredite werden daher meist von spezialisierten Finanzdienstleistern und nichtstaatlichen Organisationen angeboten. Als Sicherheit dienen lokale Bürgen, die darüber wachen, dass das Geld entsprechend verwendet und zurückgezahlt wird.

Iskenderian: Die Banken haben wachsendes Interesse, weil sie durch diese Angebote an eine bestimmte Bevölkerungsgruppe herankommen. Aber die Kostenstruktur einer normalen Bank macht es ziemlich schwierig, so kleine Kredite zu vergeben. Wir verleihen im Schnitt 500 Dollar, jeder Bankmitarbeiter betreut gerade mal 450 Kunden. Das lohnt sich für Großbanken nicht - selbst wenn die Kunden 30 oder 40 Prozent an Zinsen zahlen. Die gehen aber komplett für die Verwaltungskosten drauf.

SPIEGEL ONLINE: Dann ist es umso erstaunlicher, dass Mikrokreditinstitute überhaupt Gewinn machen…

Iskenderian: Wir sind es gewohnt, sehr genau zu kalkulieren - und trotzdem nachhaltig zu sein. Viele Mikrokreditprojekte sind ursprünglich von Hilfsorganisationen angestoßen worden - die hatten nie viel Geld. Wir überprüfen unsere Ausgaben deshalb ständig.

SPIEGEL ONLINE: Die Krise erschwert auch die Kreditvergabe in den industrialisierten Ländern. Werden Mikrokredite dort künftig eine größere Rolle spielen?

Iskenderian: Trotz der Krise gibt es in den USA oder anderen westlichen Ländern immer noch ausreichend Zugang zu Geld. Deshalb haben Mikrokredite dort bislang kaum eine Rolle gespielt - von Ausnahmen wie zum Beispiel in Spanien einmal abgesehen. Das könnte sich ändern, denn die Kredite werden immer dann gebraucht, wenn Menschen vom formellen in den informellen Sektor fallen - also etwa ihren Job oder ihr Haus verlieren. Wir starten jetzt zum ersten Mal ein Projekt im New Yorker Stadtteil Queens - und sind sehr gespannt auf die Resonanz.

Das Interview führte Susanne Amann

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