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11.05.2009
 

Leid der Madoff-Opfer

"Bernie hat unser Vertrauen gestohlen"

Von Marc Pitzke, New York

Viele verloren ihre Ersparnisse, ihr Haus, andere müssen mit 65 wieder arbeiten: Der Milliardenbetrüger Bernard Madoff sitzt zwar seit März hinter Gittern, doch die Entschädigung seiner Opfer läuft erst an. Nun rechnet seine Sekretärin ab - und beschreibt den Ex-Chef als jähzornigen Frauenhelden.

New York - Für die breite Öffentlichkeit endet das Interesse an Straftaten mit der Abstrafung des Täters. Wird der Bösewicht den verdienten Sanktionen zugeführt, schließt sich der Kreis aus Schuld und Sühne, und der Beobachter kann sich guten Gewissens anderem zuwenden.

Für die Opfer dagegen wirkt das Vergehen meist weiter, still, doch schmerzhaft - in der Erinnerung und in den Folgen, physisch, psychisch, materiell.

Dies trifft auch auf die Abertausenden zu, die ihr Geld und oft ihre ganzen Lebensersparnisse an Bernard Madoff verloren haben. Der Ex-Investmentberater, der sich einst als "einer der mächtigen Männer der Wall Street" aufplusterte, ließ mindestens 65 Milliarden Dollar "verschwinden", die ihm seine Klienten anvertraut hatten - Millionäre und einfache Leute. Im März bekannte sich der 70-Jährige schuldig und sitzt seitdem hinter Gittern. Das endgültige Strafmaß soll Mitte Juni verkündet werden, Madoff drohen bis zu 125 Jahre Haft.

Seinen Opfern wird das wenig helfen. Die finanzielle Höchststrafe, die der Richter der Haft beifügen kann, beträgt rund 13 Millionen Dollar - ein Bruchteil der Summe, die sich bei Madoffs "Pyramidenspiel" in Luft aufgelöst hat.

Härteprogramm offenbart das persönliche Elend

Seit Monaten durchforstet ein Treuhänder das Dickicht dieses größten Betrugs in der Geschichte der Wall Street, um für die Geschädigten - von denen sich einige lieber "Überlebende" nennen als "Opfer" - doch noch ein paar Dollar aufzutreiben. Am Freitag nun kündigte er ein "Härteprogramm" für die am schlimmsten Betroffenen an. Die Maßnahme offenbart, wieviel persönliches Elend sich bis heute hinter den Schlagzeilen verbirgt, die seit Madoffs Gerichtsauftritt und dem Selbstmord zweier seiner Opfer weitgehend versiegt sind.

Demnach dürfen Madoff-Opfer bei dem Treuhänder, dem Notar Irving Picard, Anträge auf Überbrückungshilfe stellen, wenn sie Probleme haben, "die nötigsten Lebenshaltungskosten wie Miete, Lebensmittel, Nebenkosten und Fahrtkosten" zu decken. Finanziert wird das aus dem Fonds der Securities Investor Protection Corporation (SIPC), einer vom Kongress eingesetzten Versicherung für irreguläre Anlageverluste. Die SIPC, die von der Investmentbranche getragen wird, darf pro Antragsteller bis zu 500.000 Dollar auszahlen.

Das Madoff-Programm gilt nur für Einzelpersonen und Familien. Banken, Hedgefonds oder andere Institutionen - ebenfalls zu Hunderten abgezockt - haben dagegen kein Anrecht. Seit Madoffs Verhaftung im Dezember haben sich mehr als 8500 Opfer aus aller Welt gemeldet. Die Namensliste des Gerichts hat 162 Seiten.

"Jetzt hat sich alles in Luft aufgelöst"

Darauf stehen etliche VIP-Investoren, allen voran der Holocaust-Überlebende Elie Wiesel, Hollywood-Mogul Jeffrey Katzenberg, Regisseur Pedro Almodovar und Verleger Mort Zuckerman ("New York Daily News"). Deren Not spürt man dieser Tage sogar bei den Frühjahrsauktionen von Sotheby's und Christie's: Da warfen gleich mehrere Madoff-Opfer - darunter Jerome Fisher, der Mitbegründer der US-Schuhkette Nine West, und der Hotelier William Achenbaum - notgedrungen Teile ihrer Kunstsammlung auf den Markt, um schnell an Cash zu kommen.

Tief unten in den Opfer-Listen vergraben finden sich aber auch Hunderte unbekannte, doch oft besonders empfindlich Geschädigte: Rentner, Familienfreunde, Golf-Buddys aus Florida. Picards Erklärung zeigt, wie eilig die Sache für diese Leute ist: Den meisten Fällen verspricht er eine Entscheidung binnen 20 Tagen.

Dies sind Leute wie Ronnie Sue Ambrosino, die eine Interessengruppe für rund 300 Madoff-Opfer gegründet hat. Ambrosina und ihr Mann Dominic haben 1,6 Millionen Dollar verloren - ihr gesamtes Vermögen. Oder die pensionierte Lehrerin Cynthia Friedman: "Wir haben für unsere Zukunft gespart", berichtete sie im März. "Jetzt hat sich alles in Luft aufgelöst."

Ein Antragsformular bündelt das Elend der Opfer

Viele verloren ihre komplette Rente, mussten seither Besitz verkaufen und, plötzlich ohne Dach über dem Kopf, bei Verwandten oder Freunden unterkommen. Das Härteprogramm berücksichtigt deshalb vor allem auch jene früheren Klienten Madoffs, die nun "im Alter von 65 Jahren oder älter wieder ins Arbeitsleben zurückkehren müssen, nachdem sie sich zur Ruhe gesetzt hatten", sowie die Krankenkosten dieser über Nacht mittellosen Senioren.

Das Antragsformular bündelt das Elend dieser Opfer auf zwei Seiten Papier mit Dutzenden Fragen. Etwa: "Steht die Zwangsvollstreckung bevor?" Oder: "Zahlen sie Krankenkosten für eine ernsthafte Krankheit?" Oder: "Zahlen Sie für ein Altersheim oder einen Pflegedienst?"

Picard ist parallel dabei, Madoffs frühere Investmentfirma BLMIS zu liquidieren und deren Aktivposten zu beschlagnahmen, um den Erlös unter den Opfern aufzuteilen. Rund eine Milliarde Dollar hat er bisher sichergestellt, teils auf so entlegenen Finanzparkplätzen wie Gibraltar und den britischen Jungferninseln. Die legitime BLMIS-Wertpapiertochter hat Picard inzwischen für 25,5 Millionen Dollar an die US-Brokerfirma Castor Pollux verkauft.

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